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	<description>Studentische Zeitschrift für Kulturforschung</description>
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		<title>Prompt erschienen zu den „Äußerungen“ in Innsbruck</title>
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		<pubDate>Fri, 05 Oct 2012 17:00:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianna</dc:creator>
				<category><![CDATA[Fensterplatz]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Hurra! Fensterplatz Nr. 4 zum Thema „<a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/einleitung/" title="Einleitung" target="_blank">Schmutz_Schmutz</a>“ ist zur 12. Hochschultagung der dgv in Innsbruck „Äußerungen. Die Oberfläche als Gegenstand und Perspektive der Europäischen Ethnologie“ vom 28.-30. September &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/10/prompt-erschienen-zu-den-%e2%80%9eauserungen%e2%80%9c-in-innsbruck/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><div id="attachment_1720" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/10/prompt-erschienen-zu-den-%e2%80%9eauserungen%e2%80%9c-in-innsbruck/2012-hochschultagung/" rel="attachment wp-att-1720"><img src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/10/2012-hochschultagung-300x225.gif" alt="" title="2012-hochschultagung" width="300" height="225" class="size-medium wp-image-1720" /></a><p class="wp-caption-text">Der Fensterplatz präsentiert sich auf der Hochschultagung</p></div>Hurra! Fensterplatz Nr. 4 zum Thema „<a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/einleitung/" title="Einleitung" target="_blank">Schmutz_Schmutz</a>“ ist zur 12. Hochschultagung der dgv in Innsbruck „Äußerungen. Die Oberfläche als Gegenstand und Perspektive der Europäischen Ethnologie“ vom 28.-30. September 2012 erschienen. Darauf konnten wir vor Ort bei der Tagung auf einer Stellwand mit diesem Plakat hinweisen, wofür wir den Veranstaltern aus Innsbruck danken. Hoffentlich ruhte der Blick einiger Tagungsteilnehmer_innen zwischendurch darauf und leitet sie weiter zur Fensterplatz-Homepage und den neuen <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/inhalt-04/" title="Inhalt – 04" target="_blank">Beiträgen</a>.</p>
<p>P.S.: Zur zwei Jahre zurückliegenden dgv-Hochschultagung in Marburg 2010 finden sich übrigens unsere „<a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2011/09/%e2%80%9eumbruchzeiten%e2%80%9c/" title="„Umbruchzeiten“" target="_blank">Bemerkungen von der Hinterbank</a>“ im Debattenteil des Fensterplatz Nr. 3.</p>
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		<title>Wenn Feldforschung zum Grenzgang wird. Auf der Couch mit einem Holocaust-Leugner</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Sep 2012 15:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgabe 4 - 2012]]></category>

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		<description><![CDATA[<h2>Aus der Routine in die Extremsituation</h2>
<em>David Johannes Berchem</em>
<p>Es war am Dienstag, den 6. November 2007, als ich routinemäßig mit dem Zug von der im Herzen der Millionenmetropole Sydney &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/wenn-feldforschung-zum-grenzgang-wird-auf-der-couch-mit-einem-holocaust-leugner/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Aus der Routine in die Extremsituation</h2>
<h3><em>David Johannes Berchem</em></h3>
<p>Es war am Dienstag, den 6. November 2007, als ich routinemäßig mit dem Zug von der im Herzen der Millionenmetropole Sydney gelegenen Haltestelle <em>Wynyard</em> in Richtung westliche Vororte aufbrach, um im Rahmen meiner Doktorarbeit über die Wanderer zwischen den Kulturen (vgl. Berchem 2011) einen im Vorfeld vereinbarten Interviewtermin mit einem deutschen Auswanderer wahrzunehmen.</p>
<p>Nachdem ich den Zielbahnhof erreicht hatte, stand ich nach einem kurzen Spaziergang durch die subtropische Hitze vor dem Haus meiner Gewährsperson, die ich aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes schlicht „Herr Krüger“ nennen will. Die Unterhaltung, in der Herr Krüger perspektivenreiche Aussagen sowohl über seine Migrationsbiographie als auch über seine Alltagskultur in Australien traf, zog sich über nahezu sechs Stunden hin und brachte nicht nur einen regen, meine Forschung bereichernden Informationsaustausch. Während dieser Stunden, geprägt vom persönlichen Engagement des Migranten, wurden drei von seiner Frau zubereitete Mahlzeiten gereicht sowie Zeit vor dem Fernseher verbracht, um gemeinsam den <em>Melbourne Cup</em> zu verfolgen, das prominenteste und alljährlich im Bundesstaat Victoria am ersten Dienstag im November zelebrierte Pferderennen. Für das narrative Interview hatte der Gastgeber eigens in seinem Freizeitkeller einen Tisch aufgestellt, an dem die Unterhaltung und die Mahlzeiten stattfanden. Im Gespräch kam außerdem jedoch eine extrem heikle Situation zustande, da Herr Krüger den Holocaust leugnete, worauf ich als Feldforscher mit einer nachträglichen Reflexion des schwierigen Forschungsmoments und mit der Thematisierung des Problemfelds <em>holocaust denial</em> reagieren will, da ich mich in den entscheidenden Gesprächsminuten dagegen entschloss, das Interview abzubrechen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Biographisch-sozialisatorischer Hintergrund des Gesprächspartners</h3>
<p>Da Herr Krüger 1931 in Hamburg das Licht der Welt erblickte, wurde seine Kindheit maßgeblich durch die katastrophalen Verhältnisse während des Zweiten Weltkriegs geprägt. Während der Endphase des Kriegs verlor seine Mutter angesichts der Ausbombung Hamburgs jegliche Grundlage für eine Existenzsicherung. Nach den Wirren der nationalsozialistischen Herrschaft verfügte der junge Herr Krüger zwar über eine abgeschlossene Ausbildung als Feinmechaniker, die ihm jedoch in der sich nur langsam rehabilitierenden deutschen Zusammenbruchgesellschaft wenige Zukunftsperspektiven bot. Versuche, einen Arbeitsplatz zu finden, blieben erfolglos. Eine letzte Möglichkeit versprach Hoffnung auf ein besseres Leben: die Auswanderung nach Australien. Nach einer Bewerbung sowie einer gesundheitlichen Tauglichkeitsprüfung erhielt der 19-jährige Migrationswillige einen auf bilateralen Übereinkünften basierenden Zweijahresvertrag bei der Südaustralischen Eisenbahn.<a id="anker1" title="Zur Fussnote" href="#fn1">[1]</a> Per transozeanischer Schiffspassage kehrte Krüger Anfang der 1950er Jahre dem europäischen Kontinent den Rücken, um <em>Down Under</em> nicht nur einen temporär befristeten Arbeits- und Aufenthaltsort zu finden, sondern eine neue Heimat. Zum Zeitpunkt meiner Anwesenheit im Feld konnte er bereits auf insgesamt 55 Lebensjahre zurückschauen, die er – unterbrochen durch einige Besuche persönlicher wie geschäftlicher Natur in der Bundesrepublik – auf dem Roten Kontinent verbracht hatte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Zum Kontext der problematischen Äußerungen</h3>
<p>Im Laufe des mehrstündigen Interviews kam Herr Krüger auf das Thema Geschichtsschreibung zu sprechen, was ihn dazu verleitete, die historisch verbürgten Fakten des Zweiten Weltkriegs aus der Perspektive einiger vorgeblich wissenschaftlich sowie vorgeblich objektiv argumentierender Revisionisten narrativ zu skizzieren. Im Grunde genommen hatten mich einige Videokassetten mit Titeln wie „The SS Death’s Head Division“, „The Desert Fox“ oder „Inside Wolf’s Liar“ als Vorboten vor diesem weltanschaulichen Gedankengut gewarnt, die ich etwas abseits, jedoch gut sichtbar auf dem Fernsehschrank bereits während der initialen Begrüßung zu Gesicht bekommen hatte, auch wenn ich das Videomaterial zu diesem frühen Zeitpunkt unserer Zusammenkunft noch nicht einzuordnen wusste.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zunächst galt Herrn Krügers Aufmerksamkeit den Jahren, die er in der Hitlerjugend verbrachte. Drill, Kameradschaft, militärische Übungen, der Umgang mit einer Waffe, naturnahe Abenteuer sowie eine Führerfigur, zu der man aufschaute, wurden von Herrn Krüger in der Rückschau als positiv konnotierte Freizeiterlebnisse seiner Jugend dargelegt, die einem nicht zuletzt ein identitätsstiftendes Gefühl der nationalen Zugehörigkeit angeboten hätten. Es muss dazu gesagt werden, dass diese Narrative keine unikalen Phänomene darstellen. Noch heute höre ich meine vor Jahren verstorbene Großmutter sagen, dass die Reise ins österreichische Salzkammergut – organisiert und durchgeführt im Zuge der NS-Kinderlandverschickung – zu den schönsten und erlebnisreichsten Ferienreisen ihres Lebens gehört hätte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Herr Krüger entfaltete in blumiger Rede den Mythos von der ‚guten, alten Zeit‘, in der es Hitlers Staatsführung nach der Krise der Weimarer Republik vermocht habe, Autobahnen zu bauen, hohe Arbeitslosigkeit in Vollbeschäftigung umzuwandeln, Not und Armut durch nationale Wirtschaftsprogramme zu mildern sowie das nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg bzw. nach den Versailler Verträgen stark lädierte nationale Selbstwertgefühl aus der existentiellen Misere herauszuführen. Ohne jene Brille auf der Nase, die das subjektiv Erlebte aus der Retrospektive rosarot erscheinen lässt, kommen FachwissenschaftlerInnen bei der Untersuchung dieses (Propaganda-)Mythos von der mirakulösen deutschen Wirtschaftskonjunktur zu anderen Ergebnissen. (Vgl. Wehler 2003, S. 644 ff.) Wie der angesehene Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler aber einräumt, hatte sich im Gedächtnis zahlreicher Zeitgenossen das Leitbild der ökonomischen Prosperität in Verbindung mit der zum Wundertäter glorifizierten Führerfigur an der Staatsspitze über Jahrzehnte kollektiv eingeschrieben. (Vgl. ebd., S. 709) Genauer betrachtet war das „,Wunder‘ von Vollbeschäftigung und Wachstum ein ökonomisches Kartenhaus“ (Knopp 2002, S. 200), das einerseits zur Mobilmachung der Massen und andererseits zur Stabilisierung der Herrschaftsansprüche diente. Gemäß seinen aus der geographischen Ferne getätigten Begutachtungen der Ereignisse in Deutschland zwischen 1933 und 1945 griff der deutsche Auswanderer ein von Seiten des britischen Historikers David Irving propagiertes Gedankengut auf. Dessen konfliktträchtigen und überaus problematischen Informationsgehalt zum Thema Holocaust hatte Herr Krüger sich mittels Büchern und Filmen wie der in Australien illegal verbreiteten Videodokumentation „The Search for Truth in History“ angeeignet, in der Irving als Protagonist seine isolierte Sicht auf die historischen Fakten einem Publikum gegenüber präsentierte, das für seine rassistischen und antisemitischen Ausschweifungen empfänglich war. Mein Gegenüber gebärdete sich als Apologet der abwegigen Irving’schen Interpretationshorizonte, ohne den faktisch verbürgten Konsens unter den international renommierten GeschichtswissenschaftlerInnen auch nur peripher zur Kenntnis zu nehmen, dass durch den systematischen, mit Methode betriebenen Massenmord an den europäischen Juden unter Hitler in den zahlreichen Konzentrations- und Vernichtungslagern circa sechs Millionen Menschen ihr Leben verloren haben. (Vgl. Broszat 1988, S. 70; 76 f. u. 80 f.)</p>
<blockquote><p>„Das gab das nicht, das wurde erst später erfunden, von wegen Holocaust und Konzentrationslager. Das sind alles Erfindungen, die später von Hollywood kamen. Die technischen Sachen, die man in den Konzentrationslagern hatte, waren gar nicht in der Lage, so viele Leute zu verbrennen, das war gar nicht möglich. Es ist verboten darüber zu diskutieren. Ich weiß nicht, ob Sie von David Irving gehört haben, dem Engländer, der vor ein Gericht gezogen wurde? Es gibt Unterlagen, die die Amerikaner über die Konzentrationslager zusammengestellt haben und die Bilder, die man häufig am Fernsehen sieht, das sind keine Verbrennungsöfen. Nämlich viele Leute starben im Camp, wenn man die verhungerten Leute sieht, das war nicht so. Nämlich auf der einen Seite, da sagte man, die Alliierten haben den Krieg gewonnen. Alle Eisenbahnstrecken waren zerstört, Fabriken, Straßen, es gab nichts. Wir, die Deutschen, hatten selber nichts zu essen. Wie kann man tausende von Leuten in einem Lager verpflegen, wenn alles kaputt ist? Es gab keine Verpflegung auf irgendwelche Art.“<a id="anker2" title="Zur Fussnote" href="#fn2">[2]</a></p></blockquote>
<p>Krügers einseitige Rechtfertigungen und Argumentationsmuster, die soweit gingen, den Holocaust als feststehenden Begriff unserer Alltagssprache, der den Versuch der Auslöschung des gesamten europäischen Judentums während des Nationalsozialismus konkretisiert, ideologisch zu bagatellisieren, wiesen zudem drei Ebenen der Holocaust-Leugnung auf:</p>
<ol start="1">
<li>Die technischen Möglichkeiten der damaligen Zeit hätten es nicht zugelassen, Menschen in der uns geläufigen Größenordnung umzubringen, so dass es sich lediglich um einige hunderttausend Opfer gehandelt haben könnte.</li>
<li>In den Konzentrationslagern seien während der NS-Diktatur zu keinem Zeitpunkt Gaskammern zur bewussten Ermordung der Juden verwendet worden.</li>
<li>Der Holocaust gilt Herrn Krüger als ein nach dem Zweiten Weltkrieg inszenierter Mythos, worüber Begehrlichkeiten einer jüdischen Lobby nach Repressionszahlungen zur Kompensation des widerfahrenen Leids am Leben gehalten würden.</li>
</ol>
<p>Ohne Zweifel steht fest, dass mein Informant den rechtsextremen Anschauungen eines Propagandisten, Geschichtsfälschers und Holocaust-Leugners wie Irving anhängt, den er ausdrücklich als seine Informationsquelle erwähnte, welcher sich jedoch die vorgeblich objektiv untersuchten Primärquellen nach Gusto so zurechtlegte, dass sie seine Weltanschauung stützen bzw. seinen Aussagen Faktizität und Authentizität verleihen sollten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die Nachwehen dieses geführten Gesprächs hielten noch lange Zeit an und zogen zahlreiche Reflexionen über das deutsche Geschichtsverständnis auch innerhalb der deutschen Community in Sydney nach sich – einer Stadt, in der die Bibliothekmitarbeiterin Dr. Olwen Pryke im Jahr 2009 bei ihrer Suche nach Materialien für eine Ausstellung über Thomas Kennealy in den Archiven der <em>State Library of New South Wales</em> eine Kopie der Liste zu Tage förderte, mit der Oskar Schindler zahlreiche Juden vor dem sicheren Tod bewahrte. Ich habe mich im Nachgang detaillierter mit dem Phänomen des <em>holocaust denial</em> auseinandergesetzt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Das Phänomen des <em>holocaust denial</em></h3>
<p>Zunächst kann angeführt werden, dass die Konstruktion diverser Theorien zur Negierung des<br />
Holocaust eine Tradition hat (vgl. Vidal-Naquet 1992, Shapiro 1990), die in erster Linie ihre Heimstätte im <em>Institute for Historical Review</em> gefunden hat, einem pseudowissenschaftlich arbeitenden Thinktank, der zahlreichen Revisionisten in Kalifornien eine Plattform zum geistigen Austausch bietet, um der historischen und institutionell vernetzten Wissenschaftsgemeinde ihre kontroversen Thesen in selbstverherrlichender, polemischer und renitenter Manier entgegenzuhalten. David Irving spielt aufgrund seines Bekanntheitsgrads, seiner medialen Auftritte und nicht zuletzt angesichts der Einreiseverbote in zahlreiche westliche Nationen die Rolle des öffentlichen Sprachrohrs dieser Bewegung. Als ihn die US-amerikanische Historikerin Deborah Lipstadt in einem ihrer Werke zum einen als „rechtsextremen Autor“ und zum anderen als „authentischen Holocaust-Leugner“ (Lipstadt 1994, S. 141) bezeichnet hatte, der zudem Quellen mit historischen Informationen vorsätzlich verzerrt, um damit den Leser von seiner ‚wirklichen Wahrheit‘ zu überzeugen, fühlte Irving sich veranlasst, gegen die Autorin und ihren Verlag eine Verleumdungsklage anzustrengen. Nach mehreren Jahren gelangte der <em>High Court of Justice</em> in London dank umfangreicher Expertisen aus der akademischen Fachwelt zu dem Urteil, dass dem Kläger der Tatbestand des In-Abrede-Stellens der Massenmorde in seinen rechtsextremen Büchern nachgewiesen werden könne. Diese Werke sind demnach vermehrt in einer rassistischen und antisemitischen Diktion gehalten. Der eigens für den Prozess über den Vorwurf der Verleumdung von der Verteidigung engagierte britische Historiker Richard J. Evans entlarvte in seiner Analyse die von Irving absichtlich betriebene Geschichtsfälschung.</p>
<div id="attachment_1584" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/66/Inside_Royal_courts_of_justice.jpg"><img class="size-medium wp-image-1584" title="Inside_Royal_courts_of_justice_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Inside_Royal_courts_of_justice_klein-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Inside the Royal Courts of Justice | &amp;#0169 Shermozle</p></div>
<p>Die gegenüber den fragwürdigen Vorgehensweisen zur Konstruktion historischer Tatbestände vorgebrachten Anschuldigungen fielen schwer ins Gewicht, da die Beweislast, die zum Vorschein kam, Irvings Strategie eines gezielt zur Anwendung gebrachten ästhetischen Zurechtrückens der Quellenbestände dekonstruierte. Er hatte, so konnte Evans in seiner kritischen Begutachtung feststellen, nach Gutdünken sowie in Anlehnung an seine ideologisch-politischen Präferenzen scheinbar zuverlässige historische Dokumente in Beschlag genommen, Belegmaterialien manipuliert bzw. pervertiert, Statistiken verfälscht und voreingenommen jene Fakten unterschlagen, die seine Gedankengebäude zu falsifizieren drohten. Zudem gab Irving Textstellen aus Primärquellen bewusst irreführend wieder, setzte sich über akademische Konventionen wissenschaftlichen Arbeitens hinweg und versuchte in kontinuierlicher Regelmäßigkeit seine konsultierten geschichtlichen Beweisstücke so zu arrangieren bzw. seinen Anhängern so zu offerieren, dass sie unmissverständlich nur eine – und zwar seine – Leseart der Ereignisse während des Nationalsozialismus preisgaben. (Vgl. Evans 2001, S. 53, 96, 127 u. 136 f.) In allen Belangen konnten dem starrköpfigen <em>enfant terrible</em> ein „Mangel an historischem Verstehen“ (Broszat, S. 84) bei der Untersuchung historischer Phänomen sowie eine „große Nivellierung der Gewalt“ (ebd., S. 52) nachgewiesen werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>„Behave as a gentleman“?</h3>
<p>Als meine Gewährsperson jene tendenziösen Glaubenslehren verbalisierte, war für den Ethnographen der Moment des waghalsigen Hochseilakts ohne Fangnetz in der Manege ‚Feldforschung‘ gekommen. Nur wenige Augenblicke blieben, um sich alle während des Studiums internalisierten Leitprämissen neuerlich zu vergegenwärtigen, die nun mehr denn je Brauchbares über die akkuraten Verhaltensweisen des Forschers im Feld verrieten. Mein Bauchgefühl, normiert durch einen während meiner Erziehung in der Schule und im familiären Umfeld durchlebten Akkulturationsprozess mit dem Namen „Vergangenheitsbewältigung“, tendierte geradewegs zu einer emotionsgeladenen und konfliktträchtigen Lösung – einfach ohne Vorwarnung und voller Entrüstung vom Stuhl aufzuspringen und mit einer gehörigen Ladung persönlicher Verachtung dem Gegenüber energisch entgegenzubrüllen: ALLES MUMPITZ, IRRGLAUBEN UND BÖSER SPUK! Oder doch etwa den weisen Rat des Journalisten Jost Nolte befolgen? Dieser schrieb in der Berliner Morgenpost vom 19. Januar 2000: „Wie reagiert man, wenn jemand behauptet, das Schaf habe den Wolf gefressen oder ein jüdischer Bettler habe einen deutschen Schäferhund angefallen? Mit Gegenbeweisen? Mit Argumenten? Wohl kaum. Eher ruft man einen Psychiater.“ (Nolte zitiert nach Evans 2001, S. 56) Zugegebenermaßen wäre das mit dieser Reaktion einhergehende Risiko, wegen unziemlichen Verhaltens mit einem Tritt zur Tür hinaus befördert zu werden, ziemlich hoch gewesen. Dies wäre gleichbedeutend mit dem Scheitern des Interviews gewesen.</p>
<p>An dieser Grenzsituation, die in erster Linie die Persönlichkeit des Ethnographen betrifft und<br />
beansprucht, wird deutlich, dass es kein leichtes Unterfangen darstellt, das eigene Handeln den manchmal tückischen Feldgegebenheiten anzupassen. Diese liminalen Übergangsbereiche sind ihrem spezifischen Naturell nach so konzipiert, „Diskontinuität zu markieren, die sich als Abtrennung, Differenz, Verwerfung oder Andersartigkeit ins menschliche Bewusstsein hebt.“ (Hartmann 2000, S. 11) Ohne Frage hatte Herr Krüger während unserer Unterhaltung aufgrund seiner Äußerungen bezüglich des Holocaust eine Grenzlinie gezogen, die mich als Feldforscher dazu aufforderte, überlieferte Ordnungen, Kategorien und Identitäten, die hier drohten verlustig zu gehen bzw. aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt zu werden, neu zu manifestieren, weil zum einen jenseits dieser Demarkationslinie Herr Krüger mit den nebulösen und verhängnisvollen Geschichtsdeutungen von David Irving paktierte. Zum anderen bewegte ich mich ebenfalls als Forschender, der versuchte, etwas über die Ethnizität deutscher Auswanderer in Sydney in Erfahrung zu bringen, im direkten Einzugsbereich dieses diffusen Raumes des Übergangs, der es mir abverlangte, die eigene Identität, die bedroht wurde, zu verorten (Vgl. Braun 2010, S. 57).</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch zur Debatte steht immer noch die mitunter heikle Frage, wie der Ethnograph diese Situation bewältigen soll, zumal da sich das Gegenüber mit seinem über Jahre hinweg in der Imagination zusammenfabulierten, verkrusteten Gedankengebäude mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von einem dahergelaufenen, circa ein halbes Jahrhundert jüngeren, sich auf keine eigenen Kriegserfahrungen berufenden und in Sachen Feldforschung noch ziemlich unerprobten Abgesandten der deutschen Wissenschaftskultur so mir nichts, dir nichts eines Besseren belehren ließe. Der Ratschlag, „one should always behave as a gentleman“ (Eriksen 2010, S. 29), den Alfred Cort Haddon dem jungen Edward Evans-Pritchard als allumfassende gedankliche Hilfestellung für seine ersten Feldinvestigationen mit an die Hand gegeben hat, sollte im Weiteren für mein Verhalten eine Leitprämisse sein. Er steht im Grundsatz den Prinzipien des <em>Code of Ethics of the American Anthropological Association</em> nahe, der von der Überzeugung ausgeht, dass die FeldforscherInnen alle in ihrer Macht stehenden Anstrengungen aufbringen sollten, um Schaden und negative Beeinträchtigungen von ihren Untersuchten möglichst fernzuhalten. (Vgl. American Anthropological Association 1998 und Brednich 2001, S. 88) Auch das Gebärden als von oberster Kanzel predigende moralische Instanz entspricht kaum der Rolle des Forschers, da es der Ethik des Ethnographen – so weiß der Wiener Kulturwissenschaftler Roland Girtler in Anlehnung an Robert Ezra Park von der Chicagoer Schule der Soziologie zu berichten – zuwiderläuft, unter Deutschen in Sydney als eine Art Missionar, Sozialarbeiter oder als in heimlicher Mission entsendeter Spion des Simon-Wiesenthal-Instituts aufzutreten. (Vgl. Girtler 2001, S. 170)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Konflikt, einerseits das eigene historische Wissen im Feld hintanzustellen bzw. gegenüber unhaltbaren Äußerungen einen Standpunkt der Neutralität zu bewahren und andererseits die Dummheiten und Inhumanitäten, die die Grenze des Erträglichen unlängst überschritten hatten, auf das Schärfste anzuprangern und zu diskreditieren, musste nun zu einer Lösung gebracht werden. Mit Rücksichtnahme auf eine betagte Person, deren Tagesverlauf ausschließlich auf mein auf Wissensdurst und Neugierde basierendes Kommen ausgerichtet war und deren geschichtliche Erfahrungen von meinen eigenen abwichen, entschloss ich mich gegen eine energische und emotionale Erwiderung und versuchte, mit einem gekünstelten und halbwegs interessierten Kopfnicken Herrn Krügers Rede so zu steuern, dass sie möglichst bald zu einem Ende führte. Mehr oder weniger gekonnt schafften wir es nach kurzer Zeit, uns einem anderen Thema zuzuwenden, so dass es – so künstlich und von außen aufoktroyiert der Charakter solcher qualitativen Interviews auch sein mag –während der Befragung zu keinem Abbruch der freundschaftlichen Atmosphäre und zu keinem Zerwürfnis zwischen Forscher und Beforschtem kam.<a id="anker3" title="zur Fussnote" href="#fn3">[3]</a> Doch kann ich Utz Jeggle, Vertreter der Tübinger Empirischen Kulturwissenschaft und ausgewiesene Ikone der <em>Anthropology at Home</em>, gut verstehen, wenn er während seiner langjährigen ethnographischen Tätigkeiten zeitweise von dem Gefühl eingeholt wurde, im Nachhinein zu seinen Gewährsleuten zurückkehren zu müssen, um ihnen „als Endergebnis eine herunter[zu]hauen“ (Jeggle 2008, S. 257). Meines Erachtens spiegelt mein vorübergehendes Verstummen während dieser Grenzsituation – mag meine Reaktion von den LeserInnen hier als richtig, falsch oder nur adäquat begutachtet werden – die Intention zahlreicher FeldforscherInnen wider, das Gelingen des zeit- und arbeitsintensiven Projektes zu gewährleisten, selbst unter dem Einfluss von zutiefst zu verabscheuenden Umständen. Zudem bot sich für Herrn Krüger mit dem Überschwenken zu anderen Gesichtspunkten deutscher Kultur in Australien nicht die Gelegenheit, sich weiterhin bloßzustellen bzw. darüber Auskunft zu geben, in welchen Gedankengebäuden er zu Hause ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Berücksichtigung des Gesichtspunkts der Migrationssituation</h3>
<p>Mit den hier präsentierten, selbstreflexiven Überlegungen zur ethnographischen Feldforschung möchte ich in gegebener Kürze dennoch einige Antworten auf die Frage finden, warum sich gerade ein aus Deutschland nach Australien immigrierter Wanderer zwischen den Kulturen von den rassistisch inspirierten Weltansichten eines David Irving infizieren lässt. Gegen mein damaliges Verstummen im Feld stelle ich jetzt – mehr oder weniger aus kompensatorischen bzw. kathartischen Motiven – einige kulturanalytische Reflexionen an, denn „Dämonenvertreibung“, so stimme ich mit dem Münsteraner Kulturanthropologen Andreas Hartmann an dieser Stelle überein, „tut not an der Grenze“ (Hartmann 2001, S. 18). Ich berufe mich in diesem Bemühen, ohne Herrn Krügers perfide Kommentare und die demagogische Irrlehre bagatellisieren zu wollen, auf ethnologisches Basisverhalten, das im Sinne Malinowskis darin besteht, kulturell Fremdes <em>from the native point of view</em> begreifbar zu machen. So hat sich die Zunft der Sozial- und KulturanthropologInnen auf ihre disziplinären Fahnen geschrieben, „die Bedeutungen, die die Untersuchten selbst ihrer Umwelt und ihren Handlungen zuschreiben, zu verstehen.“ (Kutzschenbach 1982, S. 17) Insbesondere für Menschen, die aus diversen Beweggründen den Entschluss getroffen haben, ihr Leben an ferne und mitunter fremde Horizonte zu verlagern, ist die Schimäre ‚Heimat‘ eine zentrale Kategorie zur subjektiv-performativen Konstruktion ihrer Diaspora-Identitäten. Sozial- und kulturanthropologische Studien zu diasporischen Lebensformen haben auf das Phänomen eines <em>diaspora consciousness</em> (Clifford 1994, S. 311) hingewiesen. Danach sind MigrantInnen an ihrem Residenzort zumeist von mannigfaltigen Entwurzelungs- und Verlusterfahrungen betroffen, die mit einem Kulturschock bzw. dem Leben in der kulturellen Fremde einhergehen. Im Zuge dessen würden sie oft eine in der Regel idealisierte, romantisierte und fiktionalisierte Heimat in den Mittelpunkt ihres Bewusstseins stellen. Diese wird in der Imagination zu einem mythischen Idyll glorifiziert, selbst wenn dafür in der historischen Realität keine Entsprechung nachweisbar ist. (Vgl. Kokot 2002a, S. 104; dies. 2002b, S. 33)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Herr Krüger lebt als mittlerweile in die Jahre gekommener Sydneysider in einem stark globalisierten, technisierten und digitalisierten Zeitalter, in dem seine alltäglichen Erfahrungen von den multiethnischen Lebensweisen einer vom Kulturpluralismus gekennzeichneten Millionenmetropole geprägt sind. Sein Leben in Sydney bestimmen für den zum Kulturtyp der <em>diasporics </em>(Clifford 1997, S. 244 ff.) gehörenden Wanderer dennoch auch gegenwärtig noch einerseits die in Deutschland verlebten Jugendjahre, die Sozialisation in einem militärisch-soldatischen Milieu mit Kameradschaft, Gehorsam und Pflichterfüllung sowie andererseits die für zahlreiche Mitglieder dieser Altersgruppe so einprägsam wirkenden Erlebnisse des Krieges. Die bei dieser Generation der <em>displaced persons</em> weit verbreitete Erfahrung von Entwurzelung, Existenznot, Perspektivlosigkeit und „Zerstreuung“ (Mayer 2005, S. 8 ) im Zuge der katastrophalen Lebensbedingungen nach dem Zweiten Weltkrieg, die Tatsache, über Jahrzehnte als in Australien lebender Deutscher den Ruf als Kriegsverbrecher und Gräueltäter nicht ablegen zu können sowie der Kompensationsgedanke, mit den historischen Interpretationen aus der Feder von David Irving endlich einen mehr oder minder strapazierfähigen Anker gefunden zu haben, der in stürmischen Zeiten in der Fremde Halt, Ordnung und ein Gefühl von Zugehörigkeit sicherstellt, können als Erklärungsmomente für die hier präsentierten diasporischen Narrative ins Feld geführt werden. Dass Irvings dissolute Thesen als Identifikationsofferten wirken können, wird nur aus der spezifischen Situation der Diaspora heraus verständlich. Die mit der De-Territorialisierung des Migranten einhergehende kulturelle Entgrenzung und Entfremdung sowie die Infragestellung ontologischer bzw. gesellschaftlich konsolidierter Sicherheiten, die von der als selbstverständlich wahrgenommenen Alltagskultur in der Heimat – früher einmal – zur Verfügung gestellt wurden, führen unweigerlich zu gebrochenen und fragmentierten Identitäten. (Vgl. Heiss / Six-Hohenbalken 2011, S. 45) Von Hoffnungen und Sehnsüchten beeinflusst, führen Herrn Krügers gedankliche Konstruktionen zur Verharmlosung des Nationalsozialismus, der Mythologisierung einer als heil geglaubten Vergangenheit unter Adolf Hitler sowie der Bagatellisierung des Holocaust. Sie lassen sich als ein durch die imaginativen Anstrengungen des Wanderers zwischen den Kulturen konzeptualisiertes Refugium interpretieren (vgl. Schmidt Hornstein 2003, S. 37), das ein Gegengewicht zu den bisweilen hybriden und widersprüchlichen Diaspora-Identitäten bilden soll. Arjun Appadurai formuliert in Bezug auf das kulturelle Phänomen des <em>homeland desire</em>:</p>
<blockquote><p>„But the homeland is partly invented, existing only in the imagination of the deterritorialized groups, and it can sometimes become so fantastic and one-sided that it provides the fuel for new ethnic conflicts.“ (Appadurai 1996, S. 49)</p></blockquote>
<p>Diese soeben dokumentierten Aufschlüsse decken sich ferner mit den Ergebnissen des Volkskundlers Albrecht Lehmann, der in einem im Jahr 1978 in Hamburg durchgeführten <em>Oral-History</em>-Projekt mit Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs die nachhaltige Bedeutung der Naziherrschaft für das Leben dieser Menschen nachweisen konnte. In den Erinnerungsgeschichten dieser Gewährspersonen, die sich während des Naziregimes in einem hochgradig aufnahmefähigen und beeinflussbaren Alter zwischen 14 und 18 Jahren befanden, tauchen ebenfalls zahlreiche in der Rückschau verklärte Lebensepisoden auf, wie Hitlerjugend, Arbeitsdienst und Wehrpflicht, bei denen eine ganzheitliche „Indoktrination des einzelnen mit soldatischen Pflichten und Wertemaßstäben, bei so perfektionierter Militarisierung von Kultur und Gesellschaft“ (Lehmann 1982, S. 241) gelang. Im kollektiven Gedächtnis sind diese historischen Erfahrungen tief eingeprägt, so dass es nicht verwunderlich ist, wenn Herr Krüger auch am vermeintlich anderen Ende der Welt nur in allerhöchsten Tönen von dieser lebensgeschichtlichen Epoche spricht. Dies tut er jedoch in einer Konfrontationshaltung zu einem öffentlichen Diskurs, der auf der Basis unbestreitbarer historischer Quellen einen Nachweis dafür erbringen konnte, dass Holocaust-Leugner wie David Irving die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu pervertieren drohen.</p>
<div id="attachment_1593" class="wp-caption aligncenter" style="width: 522px"><a href="http://de.wikipedia.org/wiki/File:Nikko_drei_Affen.jpg"><img class="size-full wp-image-1593" title="Nikko_drei_Affen" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Nikko_drei_Affen_klein.jpg" alt="" width="512" height="346" /></a><p class="wp-caption-text">Nikko die drei Affen | &amp;#0169 Marcus Tièschky</p></div>
<h3>Schluss</h3>
<p>Die oben ausgeführten Gedankengänge zur Feldforschung als subjektivem Prozess, der sowohl von persönlichen Einsichten, Befindlichkeiten und Wahrnehmungen als auch von Verständigungsschwierigkeiten, Differenzen, Konflikten und Auseinandersetzungen gekennzeichnet ist und bei dem Grenzen überschritten werden, sollen die Bewusstseinsbildung über diese methodische Herangehensweise schärfen. Ein liminales Passieren von Grenzsituationen besitzt für den Ethnographen nur dann einen Mehrwert, wenn er sich diesen am eigenen Leib erfahrenen Übergangsstatus – durchaus vergleichbar mit den Passage- und Initiationsritualen van Gennep’scher Prägung – mit einer analytischen und selbstreflektierenden Haltung nähert, um einen stringenten ethnologischen Lern- und Reifungsprozess zu durchlaufen, der nach dem Prinzip ‚Eigenverstehen durch Fremdverstehen‘ gestrickt ist. Die Kultur der Fremde bereichert den Feldforscher und er lernt auf gewisse Weise seine eigenen Relevanz- und Bedeutungssysteme durch die <em>Otherness</em> der anderen besser verstehen. Die nahezu universell vorkommende, anthropogene Konstante, in anspruchsvollen Grenzsituationen unter Zuhilfenahme einer „kulturellen Ordnungsenergie“ (Hartmann 2001, S. 16) einen ethisch vertretbaren Standpunkt einzunehmen bzw. diesen zu verteidigen, gehört nicht zuletzt auch zu den Aufgaben des Feldforschers. Das führt uns zu der schlussfolgernden Überlegung, dass die Feldforschung „ohne Zweifel zur Person des Forschers“ (Schmidt-Lauber 2010, S. 34) führt, da sie es ist, die während der zeitintensiven, stationären Feldforschung mit sich selbst konfrontiert wird. Die subjektiv erlebten Gefühlsverwirrungen, Ärgernisse, inneren Konflikte und identitären Rolleninkonsistenzen des Forschers/der Forscherin müssen ihm/ihr als Rohmaterialien dienen, mittels derer wir als Sozial- und KulturanthropologInnen im Stande sind, ethnographische Räume aufzuschließen. Dies macht meines Erachtens die Feldforschung im Allgemeinen und den Grenzgang im Speziellen so außerordentlich reizvoll.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Der Autor</h3>
<p>David Johannes Berchem, Jahrgang 1980, hat Kulturanthropologie/Volkskunde, Ethnologie und Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn studiert und im Bereich Kulturanthropologie/Volkskunde promoviert. Ethnographische Feldforschungen führte er in einer kleinen rheinischen Gemeinde, in Sydney und auf Bali durch. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören Migration und Ethnizität, transnationale Kulturdynamiken, ethnographische Feldforschung, Brauch- und Ritualforschung, Interkulturelle Kommunikation und die Wissenschaftsgeschichte der Disziplin Kulturanthropologie.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<div id="fn1"><a title="zurueck" href="#anker1">[1]</a> Durch die globale Ankurbelung der nationalen Ökonomien nach 1945 wurde es auch für Australien unumgänglich, mittels ausländischer Arbeitskräfte die im eigenen Land in größerer Menge schlummernden natürlichen Ressourcen zugänglich zu machen, so dass in dieser Zeit mannigfaltige einwanderungspolitische Programme zur nachhaltigen Konsolidierung der Infrastruktur aus dem Boden gestampft wurden. Für den Ausbau von Schienenstrecken sowie für die Konstruktion von Energieversorgungsanlagen wurden in erster Linie Menschen von andernorts angeworben.</div>
<div id="fn2"><a title="zureck" href="#anker2">[2]</a> Zitat aus dem Interview mit Herrn Krüger, datiert auf den 06.11.2007.</div>
<div id="fn3"><a title="zurueck" href="#anker3">[3]</a> Eine ähnliche Strategie verfolgte der ZDF-Moderator Claus Kleber in einem Fernsehinterview mit dem iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in Teheran am 18. März 2012. Nachdem Ahmadinedschad den Holocaust in Abrede stellte, kam von Kleber kein Widerspruch. Er versuchte die Unterredung in eine andere Richtung zu lenken, um damit seinem Gegenüber keine Plattform für seine unerhörten Bemerkungen anzubieten. Auch in zahlreichen arabischen bzw. islamisch geprägten Ländern ist die Holocaust-Leugnung als Bestandteil der antizionistischen Agitation keine Seltenheit. Der niederländische Soziologe Paul Scheffer, der in Antwerpen hauptsächlich mit Lehrern sprach, die Schüler aus muslimischen Familien unterrichten, berichtet, dass es im Geschichtsunterricht immer beschwerlicher sei, den Holocaust zu thematisieren. Viele Schüler mit Migrationshintergrund seien der Meinung: „Es hat ihn nicht gegeben – und wenn es ihn gegeben hat, dann war es vielleicht keine so schlechte Idee.“ (Scheffer 2012, S. 90).</div>
<h3>Literatur</h3>
<p>American Anthropological Association (1998): Code of Ethics of the American Anthropological Association. URL: http://www.aaanet.org/committees/ethics/ethicscode.pdf  [31.12.2011].</p>
<p>Appadurai, Arjun (1996): Modernity at Large. Cultural Dimensions of Globalization. Minneapolis.</p>
<p>Berchem, David Johannes (2011): Wanderer zwischen den Kulturen. Ethnizität deutscher Migranten in Australien zwischen Hybridität, Transkulturation und Identitätskohäsion. Bielefeld.</p>
<p>Braun, Karl (2010): Grenzgänge. Identität als Differenz. In: Elsbergen, Antje van / Engelhardt, Franziska / Stiefbold, Simone (Hrsg.): Ansichten – Einsichten – Absichten. Beiträge aus der Marburger Kulturwissenschaft. Marburg, S. 51-66.</p>
<p>Brednich, Rolf W. (2001): Quelle und Methoden. In: Ders. (Hrsg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. 3. überarb. und erw. Auflage. Berlin, S. 77-100.</p>
<p>Broszat, Martin (1988): Hitler und die Genese der „Endlösung“: Aus Anlaß der Thesen von David Irving. In: Ders.: Nach Hitler. Der schwierige Umgang mit unserer Geschichte. München, S. 45-91.</p>
<p>Clifford, James (1994): Diasporas. In: Cultural Anthropology 9 (1994), S. 302-338.</p>
<p>-       Clifford, James (1997): Routes – Travel and Translation in the late Twentieth-Century. Cambridge.</p>
<p>Eriksen, Thomas H. (2010): Small Places, Large Issues. An Introduction to Social and Cultural Anthropology. 3. Auflage. New York.</p>
<p>Evans, Richard J. (2001): Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess. Frankfurt/M. / New York.</p>
<p>Girtler, Roland (2001): Methoden der Feldforschung. 4. Auflage. Wien/Köln/Weimar.</p>
<p>Hartmann, Andreas (2000): Was ist eine Grenze? Eine kulturwissenschaftliche Vermessung. In: Rheinisch-westfälische Zeitschrift für Volkskunde 45 (2000), S. 9-19.</p>
<p>Heiss, Johann / Six-Hohenbalken, Maria (2011): Diaspora. In: Kreff, Fernand / Knoll, Eva-Maria / Gingrich, Andre (Hrsg.): Lexikon der Globalisierung. Bielefeld, S. 44-47.</p>
<p>Jeggle, Utz (2008): Geheimnisse der Feldforschung. In: Johler, Reinhard / Tschofen, Bernhard (Hrsg.): Empirische Kulturwissenschaft. Eine Tübinger Enzyklopädie. Der Reader des Ludwig-Uhlands-Instituts. Untersuchungen des Ludwig-Uhlands-Instituts der Universität Tübingen, Band 100. Tübingen, S. 257-272.</p>
<p>Knopp, Guido (2002): Hitler. Eine Bilanz. Berlin.</p>
<p>Kokot, Waltraud (2002a): Diaspora und transnationale Verflechtungen. In: Hauser-Schäublin, Brigitta / Braukämper, Ulrich (Hrsg.): Ethnologie der Globalisierung. Perspektiven kultureller Verflechtungen. Berlin, S. 95-110.</p>
<p>Kokot, Waltraud (2002b): Diaspora – Ethnologische Forschungsansätze. In: Moosmüller, Alois (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation in der Diaspora. Die kulturelle Gestaltung von Lebens- und Arbeitswelten in der Fremde. Münchner Beiträge zur Interkulturellen Kommunikation, Band 13. Münster u. a., S. 29-39.</p>
<p>Kutzschenbach, Gerhard von (1982): Feldforschung als subjektiver Prozeß. Ein handlungstheoretischer Beitrag zu seiner Analyse und Systematisierung. Berlin.</p>
<p>Lehmann, Albrecht (1982): Militär als Forschungsproblem der Volkskunde. In: Zeitschrift für Volkskunde 78 (1982), S. 230-245.</p>
<p>Lipstadt, Deborah E. (1994): Betrifft: Leugnen des Holocaust. Zürich.</p>
<p>Mayer, Ruth (2005): Diaspora. Eine kritische Begriffsbestimmung. Cultural Studies, Band 14. Bielefeld.</p>
<p>Scheffer, Paul (2012): Die offene Gesellschaft und ihre Einwanderer. In: Charim, Isolde / Auer Borea, Gertraud (Hrsg.): Lebensmodell Diaspora. Über moderne Nomaden. Bielefeld, S. 85-94.</p>
<p>Schmidt Hornstein, Caroline (2003): Grenzgänger. Probleme interkultureller Verständigung. Frankfurt/M.</p>
<p>Schmidt-Lauber, Brigitta (2010): Die Lust des Forschers auf das Feld – und: Wer wird nicht Ethnograf. Ein Plädoyer. In: Binder, Beate u. a. (Hrsg.): Orte – Situationen – Atmosphären. Kulturanalytische Skizzen. Frankfurt/M., S. 33-43.</p>
<p>Shapiro, Shelly (1990): Truth Prevails. Demolishing Holocaust Denial: the end of „The Leuchter Report“. New York.</p>
<p>Vidal-Naquet, Pierre (1992): Assassins of Memory. Essays on the Denial of the Holocaust. New York.</p>
<p>Wehler, Hans-Ulrich (2003): Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914-1949. Band 4. Von Beginn des Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. 2. Auflage. München.</p>
]]></content:encoded>
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		<title>„Die denken, wir sind von nem anderen Planeten“</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Sep 2012 15:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgabe 4 - 2012]]></category>

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		<description><![CDATA[<h2>Einblicke in die Lebenswelt Sexarbeit</h2>
<em>Barbara Wittmann</em>
<p><em>„</em><em>Die Denker und Dichter aller Zeiten haben der Kurtisane Barmherzigkeit erwiesen“ (Dumas d. J. 2003, S. 28), schreibt Alexandre Dumas in seinem </em>&#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/die-denken-wir-sind-von-nem-anderen-planeten/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Einblicke in die Lebenswelt Sexarbeit</h2>
<h3><em>Barbara Wittmann</em></h3>
<p><em>„</em><em>Die Denker und Dichter aller Zeiten haben der Kurtisane Barmherzigkeit erwiesen“ (Dumas d. J. 2003, S. 28), schreibt Alexandre Dumas in seinem Roman „Die Kameliendame“, der Giuseppe Verdi als Vorlage für die berühmte Oper „La Traviata“ diente. Die Prostitution ist Motiv unzähliger Romane, Kunstwerke und Filme ‒ dies liegt nicht zuletzt daran, dass das aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft entrückte Arbeitsfeld gerade durch seine scheinbare Unzugänglichkeit Spielraum lässt für Fantasie und Interpretation. Zugleich faszinieren Bilder von nackter Haut und Szenen aus dem Rotlichtmilieu die Menschen durch ihre Aura der Verruchtheit und durch die Lust am Voyeurismus. Sex, Geld und Huren ‒ das Thema Prostitution ist medial ständig präsent und wird nicht nur in der Berichterstattung von (Pseudo-)Dokumentationen diverser Privatsender mit emotional aufgeladenen und zugleich abstrakten Begriffen wie Schmutz, Ekel, Scham und Liebe verbunden. Debatten über Legalisierung und Menschenhandel dominierten gerade vor der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine wieder die Medien. Das Thema wird dankbar ausgeschlachtet ‒ jeder redet mit, kaum einer hat Ahnung ‒ denn einen tatsächlichen Einblick in den Alltag und die Lebenswelt von Prostituierten können nur diese selbst ermöglichen.</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Bereits die Vorstellung, dass Sexarbeiterinnen nicht mit Außenstehenden über ihre Tätigkeit sprechen möchten, erwies sich bei meinen Recherchen im Prostitutionsmilieu als falsch. Ganz im Gegenteil ‒ die meisten meiner Interviewpartnerinnen wiesen mich nicht etwa ab, sondern zeigten sich erfreut darüber, mit einer Person außerhalb ihres Arbeitsumfeldes eine Unterhaltung zu führen, nicht zuletzt deshalb, weil sich dadurch die Möglichkeit ergab, gängige Klischees und Vorurteile zu relativieren. Trotzdem offenbarte sich bereits im Vorfeld der Untersuchung das Hauptproblem vieler Sexarbeiterinnen; die nach wie vor vorhandene gesellschaftliche Stigmatisierung, weshalb eine ständige Versicherung, dass keine Fotos oder Kameraaufnahmen gemacht würden und eine Veröffentlichung auf rein wissenschaftlicher Basis angestrebt sei, nötig war. Rein rechtlich gesehen wurde die langjährige Forderung nach öffentlicher Anerkennung von Prostitution 2002 in Form von <em>ProstG</em> durch den deutschen Staat erstmals aufgegriffen, ein Gesetz, welches die Gleichstellung, Legalisierung und Verortung der Prostitution im Dienstleistungssektor beinhaltet. (Bundesministeriums der Justiz/juris GmbH 2011) Durch die Konnotation mit Begriffen wie Hierarchie, Macht, Geschlecht und die Tabuisierung von polygamer Sexualität steht die Prostitution faktisch aber immer noch in einer dunklen Ecke des gesamtgesellschaftlichen Raumes. Das liegt vor allem daran, dass die jeweilige Sicht auf die Prostitution stark von kulturell determinierten Norm- und Wertvorstellungen abhängig ist, wodurch sie gerade im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften einen äußerst ergiebigen Forschungsgegenstand darstellt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Forschungsstand</h3>
<p>Die häufigsten Abhandlungen über das Prostitutionsgewerbe stammen im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften aus der Geschlechterforschung, welche sich vor allem mit den Entstehungsbedingungen der Sexarbeit im Rahmen einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur beschäftigt und im Wesentlichen in zwei gegensätzlichen Strömungen mündet. Die Theorie der radikal ablehnenden Position entstand im Kontext der Frauenbewegung der 1960/70er-Jahre und vertritt die Überzeugung, dass „Männern ein ungehinderter Zugriff auf den weiblichen Körper zwecks ökonomischer und psychosexueller Ausbeutung und auf die weibliche Sexualität ermöglicht wird.“ (Howe 2009) Diese These beinhaltet eine Kriminalisierung der Freier und Imagination der Prostituierten als Opfer, deren Menschenwürde durch die Ausübung der Sexarbeit verletzt wird. Eine ambivalente bis akzeptierende Haltung basiert weitgehend auf der Grundlage der Arbeiten von Rose-Marie Giesen und Gunda Schuhmann, welche „Prostituierte nicht als Opfer der bestehenden Verhältnisse wahrnehmen, sondern als Expertinnen ihrer eigenen Lebens- und Arbeitswelt“. (Giesen/Schuhmann 1980, S. 4)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Zudem wurden in der Vergangenheit gerade im Bereich der Soziologie immer wieder verschiedene Theorien zur Erklärung der Umstände rund um die Ausprägung der Sexarbeit entwickelt. In Bezug auf den Umfang der Arbeit sollen hier als wichtigste Strömungen nur die Milieu-Theorie, welche von ungünstigen Hintergrundbedingungen im sozialen Milieu ausgeht, die wiederum zu einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen prostitutiven Verhaltens führen können (vgl. Hübner 2000, S. 29), sowie die Ventil-Theorie, welche eine infolge des erhöhten Geschlechtstrieb des Mannes gesellschaftliche Notwendigkeit zur Prostitution annimmt, da die monogame Ehe zu dessen Bedürfnisbefriedigung nicht ausreichen würde (vgl. 2000, S. 30f.), erwähnt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Dass diese Ansätze auf Grund ihres spekulativen und kategorisierenden Charakters in der wissenschaftlichen Forschung mittlerweile kaum mehr eine Rolle spielen, ist vor allem auf das Engagement der Prostituiertenverbände zurückzuführen, die seit den 1990er-Jahren in einem teilweise von starken Auseinandersetzungen mit feministischen Organisationen geprägten Diskurs eine „unreflektierte, mittelschichtsgeprägte, maternalistisch-bevormundende Haltung gegenüber Prostituierten“ (Howe 2009) ablehnten. Da deren vehemente Forderungen 2002 in Form von<em> ProstG</em> aufgegriffen wurden, befasst sich die aktuelle Forschung anstelle der Legitimitätsdebatte vermehrt mit den Umstrukturierungen im Bereich der Sexarbeit. (Vgl. Choluj/Gerhard/Schulte 2010, S. 1f.). Dazu heißt es: „Die zunehmende Mobilität der Menschen durch die Globalisierung und das ökonomische Gefälle zwischen den einzelnen Ländern sind sicherlich ausreichende Gründe, sich dem Prostitutionsdiskurs trotz aller Schwierigkeiten zuzuwenden.“ (Ebd., S. 2)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Während 1994 der Wiener Soziologe Roland Girtler anhand seiner Feldforschungen im Rotlichtmilieu noch den Versuch einer Typologisierung von Prostituierten, Zuhältern und Freiern unternahm (vgl. Girtler 2004, S. 15f.), liegen aus den vergangen Jahren vor allem Studien zum Zusammenhang von Sexarbeit mit Problemen der Migration aus wirtschaftlich schwächeren Ländern vor. An dieser Stelle soll zudem darauf hingewiesen werden, dass der Forschungsstand in Bezug auf die Prostitution sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart kritisch zu betrachten ist und teilweise erhebliche Lücken aufweist. Einerseits unterliegt die Herangehensweise an diese Thematik auf Grund ihrer engen Verbindung mit persönlichen Wertvorstellungen gewissen Schwierigkeiten in Hinblick auf die Neutralität des Forschers, andererseits sorgt die Lokalisation des Gewerbes außerhalb des bürgerlichen Milieus häufig für Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme, weswegen auch wissenschaftliche Studien oftmals nicht frei von spekulativen Annahmen und stereotypen Darstellungen sind.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Fragestellung und Zugang zum Feld</h3>
<p><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/flur_klein.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1566" title="flur_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/flur_klein-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Ziel der durchgeführten Studie war es, zu untersuchen auf welche Art und Weise eine Selbstverortung innerhalb dieses sozial weitgehend stigmatisierten und tabuisierten Berufsfeldes erfolgt, wobei vor allem die kulturwissenschaftlich relevante Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stand. Durch die Analyse von Erzählweise und Erzählinhalt sollte festgestellt werden, welche Perspektive die unter insgesamt fünf befragten Interviewpartnerinnen hier exemplarisch ausgewählte Prostituierte Laura in Bezug auf die von ihr ausgeübte Tätigkeit einnimmt und inwieweit dies in Abgrenzung oder in Übereinstimmung mit der auf sie projizierten Sicht erfolgt. Der Studie ist zudem vorauszuschicken, dass die Aussagen von Laura eine persönliche Wahrnehmung widerspiegeln. Daher soll und kann die vorliegende Untersuchung weder als Beitrag zur moralischen Bewertung von Sexarbeit verstanden werden, noch vermag sie ein allgemeines oder repräsentatives Bild von Sexarbeit oder ‚den‘ Prostituierten zu vermitteln. Stattdessen versucht sie mit Hilfe kulturwissenschaftlich-qualitativer Vorgehensweise einen konkreten Einblick in die Arbeits- und Lebenswelt des Forschungssubjektes zu ermöglichen, denn, um mit den Worten des Prostituiertenprojektes <em>Hydra</em> zu sprechen: „Es wurde und wird viel zu viel über Prostitution und Prostituierte gesprochen, jedoch viel zu wenig <em>mit </em>Prostituierten“. (Prostituiertenprojekt <em>Hydra</em> 1991, S. 9f., Hervorhebung i. O.)</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Zugang zum Milieu verlief erstaunlich unkompliziert und einfach, eine Tatsache, die wohl eng mit der Auswahl der Appartementprostitution als Forschungsfeld zusammenhängt. Zum einen waren die Wohnungen durch genauen Adress- und Personenangaben im Internet leicht auffindbar, zum anderen gestaltete sich die Kontaktaufnahme mit den Sexarbeiterinnen durch das Fehlen einer Vermittlungsperson, wie beispielsweise in der Bordell- oder Lokalprostitution vorhanden, direkt und ohne Schwierigkeiten. Außerdem trug die Durchführung der Interviews innerhalb der geschützten und gewohnten Atmosphäre der Appartements zu einer entspannten Gesprächssituation bei. Das starke Entgegenkommen, mit dem die aufgesuchten Prostituierten auf die Interviewanfragen reagierten, war anfangs zwar überraschend, kann jedoch als Reaktion auf ihre ansonsten weitgehende soziale Isolation interpretiert werden, in Verbindung mit dem Bedürfnis, über den eigenen Beruf zu sprechen. Sowohl während der Kontaktaufnahme als auch im Gespräch selbst war das Verhältnis zwischen Forscher und Forschungssubjekt daher meist von wenig Berührungsängsten und einer erstaunlichen Offenheit geprägt.<a id="anker1" title="Zur Fussnote" href="#fn1">[1]</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/tuer_klein.jpg"><img class="alignright size-medium wp-image-1568" title="tuer_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/tuer_klein-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a>Allerdings betätigen sich im Erhebungsraum fast ausschließlich Frauen osteuropäischer, asiatischer oder afrikanischer Herkunft in der Sexarbeit, wodurch sich die Probeinterviews auf Grund von Kommunikationsproblemen teilweise schwierig gestalteten. Da die Qualität der Analyse erheblich vom Ausdrucksvermögen des Forschungssubjektes abhängig ist, wurde für die diesem Beitrag vorangegangene Studie gezielt nach deutschen Prostituierten als Gesprächspartnerinnen gesucht. Wie sich herausstellte, stehen das Bestreben nach Wahrung der Anonymität und die Angst vor einer Offenlegung der Sexarbeit bei einheimischen Frauen weitaus stärker im Vordergrund als bei ausländischen Prostituierten, weswegen diese häufig nur zu einer telefonischen Auskunft bereit waren und die Sondierung einer geeigneten Interviewpartnerin einige Zeit in Anspruch nahm.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Identitätskonstruktion in der Sexarbeit</h3>
<p>Zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Januar-Februar 2011 befand sich Laura für die Dauer einer Woche in einer Regensburger Privatwohnung, die sie für die Ausübung ihrer Tätigkeit angemietet hatte. Die ursprünglich in Hamburg beheimatete Prostituierte übt die Sexarbeit deutschlandweit, abwechselnd in verschiedenen Städten aus, wobei ihr Gewerbe nach eigenen Angaben legal angemeldet ist. Vor ihrem Übergang in die Prostitution, der sich vor circa drei Jahren vollzog, absolvierte die zum Zeitpunkt der Datenerhebung 26-Jährige den Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Kosmetikerin.</p>
<p>Als maßgebliche Indikatoren für die Konstruktionen der Identität wurden exemplarisch die Bereiche Sexarbeit, Körperwahrnehmung, Selbstverortung sowie das Verhältnis zu Männern und das Thema Doppelleben untersucht, wobei hier nur einige der Themengebiete kurz angerissen werden sollen.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Die Sexarbeit</h3>
<p>Das ausschlaggebende Motiv für Lauras Entscheidung, ihren Beruf zu wechseln, bildeten finanzielle Schwierigkeiten, mit denen sie sich auf Grund einer Tätigkeit im Niedriglohnbereich konfrontiert sah:</p>
<blockquote><p>„&#8230;da hab ich im Monat 900 Euro verdient und ja … dann kamen Rechnungen und dies und das &#8230; und dann konnte ich mir eben gar nicht so vernünftig, großartig was leisten. [...] Ich hab‘ in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Also jeden Tag von sechs Uhr morgens bis nachmittags um drei Uhr von Montag bis Freitag und Samstag musst‘ ich auch mal ab und zu arbeiten. Also viel gearbeitet für wenig Geld.“<a id="anker2" title="Zur Fussnote" href="#fn2">[2]</a></p></blockquote>
<p>Erste Berührungen mit dem Milieu ergaben sich durch die Freundschaft mit einer bereits seit längerem tätigen Prostituierten, welche Laura in die Sexarbeit einführte. Während die ersten Erfahrungen mit dem Prostitutionsmilieu in so genannten FKK Sauna Clubs stattfanden ist Laura mittlerweile nur noch in der Appartementprostitution tätig, welche gegenüber dem Clubwesen Vorteile wie eine höhere persönliche Freiheit und Eigenständigkeit in der Preiseinteilung gewährleistet. Das problemlose Eingehen von Mietverhältnissen, die Auswahlmöglichkeit an Appartements durch Agenturen oder Inserate in einschlägigen Zeitschriften und das Erstellen einer wöchentlich wechselnden Werbeanzeige im Internet lassen auf den relativ hohen Organisationsgrad der Sexarbeiterinnen in diesem Milieu schließen.</p>
<p>Allerdings verlangt diese Form der Sexarbeit nach Aussagen der Interviewpartnerin auch ein erheblich gesteigertes Maß an Flexibilität und Mobilität so wie den Verzicht auf zuverlässige und stabile Einkommensverhältnisse:</p>
<blockquote><p>„Das hatte ich auch schon oft, dass ich dann dagesessen bin wie so ein Depp von morgens um zehn Uhr bis nachts um zwei Uhr und ich gar nichts hatte [...] also man hat nie die Garantie. Das ist immer so eine fifty-fifty Chance, ob man was verdient oder nicht“</p></blockquote>
<p>weshalb für die Prostituierte die Notwendigkeit besteht, ihre Verdienstmöglichkeiten durch ein möglichst vielfältiges und rasch wechselndes Städteangebot zu steigern.</p>
<p>Obwohl im laufenden Rhythmus verschiedene deutsche Städte aufgesucht werden, spielen sich Berufs- und Privatleben einzig im begrenzten Umfeld des Appartements ab, welches aus Angst vor finanziellen Verlusten außer zur Lebensmittelversorgung kaum verlassen werden kann. Hält sich die Prostituierte nicht in ihrer Heimatstadt auf, ist die Verwirklichung individueller Bedürfnisse also kaum möglich, weshalb Lauras Identität in dieser Zeit fast ausschließlich auf ihre Tätigkeit als Prostituierte reduziert ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schon während der ersten Gesprächsminuten kam Laura auf ihren geplanten Ausstieg aus der Prostitution zu sprechen, da sich ihre Hoffnungen auf eine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse nicht bestätigen konnten, „weil viele eben glauben, dass Prostituierte voll die fette Kohle haben und das ist nicht so.“ Die Verwendung des Wortlautes „viele glauben“ setzt die Grundannahme voraus, hierbei handle es sich um eine in der Bevölkerung verbreitete Meinung ‒ eine Vorstellung, der Laura vor ihrem Einsteig möglicherweise selbst anhing und die sie nun als Expertin ihrer eigenen Lebenswelt richtig stellen möchte. Wie ein roter Faden zieht sich daher die ständige Wiederholung der schlechten Verdienstmöglichkeiten in der Sexarbeit durch das Interview:</p>
<blockquote><p>&#8220;Das zahlst du alles selber. Die Fahrtkosten, die Wohnung, deine Werbung, alles selber. [...] Also mir ist es schon auch wirklich mal passiert, dass ich meine Miete bezahlt habe und ich mit dem gleichen Geld, mit dem ich gekommen bin auch wieder nach Hause gefahren bin. Ist mir auch schon passiert, dass ich eine Woche für nichts saß.&#8221;</p></blockquote>
<p>Inwieweit eine Existenzsicherung durch den Verdienst in der Prostitution tatsächlich möglich ist, kann auf Grund dieser Einzelaussage nicht verallgemeinert werden, da gerade Finanzplanung und Geldverbrauch starken individuellen Gewohnheiten unterliegen und Einkommensverhältnisse je nach Bedürfnis subjektiv unterschiedlich bewertet werden. In jedem Fall stellen die Bedingungen jedoch für das Forschungssubjekt eine starke Problematik dar.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Körperwahrnehmung</h3>
<p>Bereits vor dem tatsächlichen Vollzug sexueller Akte dient der Körper der Prostituierten mittels zahlreicher Nacktfotografien, mit deren Hilfe potenzielle Kunden auf sich aufmerksam gemacht werden sollen, als Werbemittel im Internet. Um ihre Anonymität zu wahren, ist Lauras Gesicht auf diesen Fotografien nicht zu erkennen, allerdings wird viel Wert auf die Ausformulierung des zugehörigen Bildtextes gelegt, der eine Nymphomanie der Sexarbeiterin suggeriert, welche Laura im Interview jedoch negiert: „Ich bin keine Nymphomanin. Aber man muss schon eben ‘nen guten Text rein schreiben, weil sonst keiner kommt. Man muss die Männer in dem Glauben lassen, dass es uns Spaß macht.“</p>
<p>Die Prostituierte geht hierbei von einer, ihrer Meinung nach zumindest im männlichen Teil der Bevölkerung verankerten Vorstellung aus, die Frauen würden mit dem Ausüben der Sexarbeit ihren promiskuitiven Veranlagungen nachgehen, wobei sie diese These wiederum zu ihrem Vorteil nutzt und damit nach außen hin einen Teil ihrer Identität als Prostituierte konstruiert, der nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmt:</p>
<blockquote><p>„B.W.: Gibt es eigentlich auch Männer, mit denen du gerne schläfst?</p>
<p>L: Ne! <em>(lacht ) </em>Ne, also ich bin ehrlich. Es geht mir nur um die Kohle. Ich schalte eh immer meinen Kopf dabei aus. [...] Ich denke mir immer: Hoffentlich kommt er schnell. Das ist immer mein Gedanke. Hoffentlich kommt er schnell und ich bin fertig.“</p></blockquote>
<p>Ähnlich den Ausführungen Roland Girtlers nimmt Laura ihren Körper als eine Art Werkzeug wahr, „[d]ie Prostituierte bietet also die Ware Sexualität – nicht jedoch sich selbst ‒ an“ (Girtler 2004, S. 269). Dessen Gebrauch wird demzufolge auch physisch als belastend empfunden und besitzt zudem Auswirkungen auf die private Sexualität der Interviewpartnerin: „… wenn ich dann zu hause bin, dann bin ich froh, wenn ich keinen Sex habe und nicht blasen und nicht ficken muss. Da bin ich wirklich froh darum.“</p>
<p>Einen weiteren wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit Körperlichkeit bildet der Umgang mit Hygiene und Sauberkeit, da die Ansteckungsgefahr mit Sexualkrankheiten angesichts des häufigen Geschlechtsverkehrs mit wechselnden Partnern für Prostituierte einen hohen Risikofaktor darstellt: „Also die Nachfrage ist schon hoch: Ficken ohne Gummi. Das sag ich auch: Nein, tut mir leid. Und wenn ich dir dann ein bisschen mehr gebe? Da sage ich: Nein, mach ich nicht.“</p>
<p>Die Klarheit und Vehemenz, mit der Laura ihre Ablehnung derartiger Angebote ausdrückt, unterstreicht, obwohl sich der Wahrheitsgehalt ihrer Aussage für diese Untersuchung nicht überprüfen lässt, die eindeutige Meinung der Prostituierten zu diesem Thema und deklariert den Verkehr ohne Schutz für sie zum absoluten Tabu. Diese stringente Haltung dient zudem der persönlichen Abgrenzung von Sexarbeiterinnen, die sich nicht an diese Vorkehrungen halten, und betont daher die eigene moralische Integrität und Standfestigkeit trotz des zunehmenden finanziellen Drucks. Der hohe Maßstab, den sie an hygienisches Verhalten anlegt, äußert sich des Weiteren in einem strengen Reinigungsritual, welches sowohl sie selbst als auch ihre Kunden betrifft:</p>
<blockquote><p>„ich schicke immer jeden davor zum Duschen. [...] Die erwarten ja auch von mir, dass ich gepflegt und sauber bin, also müssen sie es auch sein. [...] Ich dusche nach jedem Gast, anders kann ich das nicht. Ich weiß auch es gibt ein paar Prostituierte, die sich nicht nach jedem Gast waschen, gibt es auch viele. Das ist zum Beispiel ekelhaft, aber naja, muss ja jeder selber wissen.“</p></blockquote>
<p>Dieser Vorgang lässt sich als eine Art <em>rite de passage</em> deuten, dessen Kennzeichen nach van Gennep<em> </em>in dem Ziel begründet liegen, „[d]as Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (van Gennep laut Kaschuba 2006, S. 188) und „den Umgang mit Gefühlen und Beziehungen [zu] regeln und dadurch letztendlich Identität [zu] sichern.“ (Ebd., S. 189)</p>
<p>In diesem Fall handelt es sich also um den ritualisierten Übergang in den Geschlechtsverkehr im Rahmen der Sexarbeit und die ebenso festgelegte Beendigung dieses beruflich bedingten Aktes, welche Laura eine Rückkehr zur privaten Identität erlaubt und der Prostituierten somit hilft, die Problematik dieser Situation zu überwinden, da der sexuelle Kontakt mit den Freiern für sie mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden ist.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Männerbild</h3>
<p>Bei der Analyse von Lauras Beziehung zu ihren Freiern stellt sich schnell heraus, dass sie diese vor allem als Perverse bewertet, zu deren anormaler Bedürfnisbefriedigung sie als Prostituierte beiträgt: „Ich mein‘, zu Hause kann ihn ja die Frau schlecht anscheißen oder anpissen. Oder SM oder den Mann verdreschen“, eine Tatsache, die sich auch auf Lauras Serviceangebot, das auf eben jene Kunden ausgerichtet ist, zurückführen lässt. Die Prostituierte sieht den Ausschnitt an Männern, die ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen, als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung an und überträgt ihre Erlebnisse mit den Freiern auf ihre gesamte Lebenswelt: &#8220;&#8230;ja &#8230; man kriegt auch irgendwie automatisch einen Ekel vor Männern, wenn ich ehrlich sein soll.“</p>
<p>An dieser Stelle betonte Laura zudem die Problematik, als ehemalige Sexarbeiterin von Männern nicht als gleichwertige Partnerin akzeptiert zu werden: „&#8230; die werden dich immer als Hure ansehen“, weshalb ein ernsthaftes Zusammenleben häufig nicht zustande kommen kann, wie die Prostituierte durch Erwähnung ihr bekannter Beispiele belegt:</p>
<blockquote><p>„Also ich habe das auch von anderen Frauen oft gehört, die haben sich auch in einen Gast verliebt, dann sind die zusammen gezogen [...] im Endeffekt nach drei Jahren hatte er dann einfach eine normale Frau, also eine solide Frau und dann hat er ihr ‘nen Arschtritt verpasst. Das ist schon auch vielen passiert.“</p></blockquote>
<p>Vor allem die Wortwahl „eine normale Frau, also eine solide Frau“, die Laura im Kontrast zu Frauen im Prostitutionsgewerbe anwendet, weist darauf hin, dass die Sexarbeiterin sich selbst und ihr Milieu als gesellschaftlich nicht integriert und als aus Sozialstrukturen weitgehend ausgeschlossen wahrnimmt. Eine Trennung zwischen Freiern und solchen Männern, die für eine Beziehung in Frage kommen, ist der Prostituierten auf Grund ihrer Arbeit auch in der Freizeit nicht mehr möglich „man denkt das schon automatisch“, wodurch sich Laura einer erheblichen Veränderung ihrer Identität<em> </em>hinsichtlich der Einstellung zu partnerschaftlichen Verhältnissen unterzogen hat.</p>
<p>Insgesamt konnte festgestellt werden, dass das Männerbild der Interviewpartnerin durch die Ausübung der Prostitution eine starke Beeinflussung zum Negativen hin erfahren hat, wodurch sie nicht nur die Freier, sondern Männer im Allgemeinen in erster Linie als perverse und kranke Menschen wahrnimmt. Eine Trennung zwischen Kunden und Männern, welche das Angebot von Sexarbeiterinnen nicht in Anspruch nehmen, scheint der Prostituierten schwer möglich, weswegen ihre Identität in Bezug auf partnerschaftliche Mann-Frau Beziehungen offenbar einem erheblichen Wandel unterliegt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Doppelleben</h3>
<p>Ein Hauptanliegen sowohl während des Interviews als auch bei der Ausübung ihres Berufes ist für Laura die Wahrung ihrer Anonymität, was sie wie folgt begründet:</p>
<blockquote><p>„Also ich möchte schon, dass ich, wenn ich auf die Straße gehe, das machen kann ohne dass jeder sagt: Guck mal da, das ist eine &#8230; also ‘ne Prostituierte oder ‘ne Hure. Deswegen habe ich das auch ohne Gesicht gemacht und deswegen bin ich meistens auch immer in anderen Städten, die von mir ein bisschen entfernt sind.“</p></blockquote>
<p>Sowohl durch die Unkenntlichkeit ihres Gesichtes bei der Anzeigenschaltung als auch durch die lokale Trennung von beruflicher und privater Identität versucht die Interviewpartnerin also ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin geheim zu halten, um der negativen Bewertung und dem Grad an Sensationslüsternheit, mit dem ihre Umwelt diesem weitgehend im Geheimen stattfindenden Berufsfeld gegenübersteht, entgehen zu können. In diesem Sinne verbirgt Laura ihren Beruf vor ihrem Familien- und Bekanntenkreis, sofern dieser überhaupt noch Bestandteil ihres Lebens ist:</p>
<blockquote><p>„Ich muss auch sagen, ich habe eigentlich keine soliden Freunde. Fast gar nicht mehr. Ich habe allen Kontakt abgebrochen, weil die Frage ist dann immer: Ja wo bist du denn? Ja wo arbeitest du denn? Warum bist du denn andauernd weg?“</p></blockquote>
<p>Aus diesem Zitat geht deutlich das Ausmaß an sozialer Isolation hervor, mit dem die Ausübung der Prostitution für die Interviewpartnerin verbunden ist. Auffällig hierbei ist vor allem die Tatsache, dass Laura selbst dazu bereit war, ihre Bekanntschaften abzubrechen, bevor überhaupt eine negative Reaktion von deren Seite aus erfolgen konnte. Es lässt sich also die Folgerung ableiten, dass die Angst der Prostituierten vor einer Offenlegung und etwaigen Konfrontation mit ihrer Berufswahl äußerst hoch angesiedelt ist und sogar belastender empfunden wird als der freiwillige Verzicht auf soziale Kontakte. Als ausschlaggebend für diese Entscheidung bezeichnet Laura die Belastung durch das ständige Lügen. Der Zwang zur Anonymität ihrer Identität als Prostituierte, dem sich Laura auf Grund ihrer Tätigkeit ausgesetzt sieht, führt dazu, dass sie eine starke Trennung zwischen Privat- und Berufsleben vornehmen muss, die allerdings trotz der getroffenen Vorsichtsmaßnahmen zu sozialer Isolation und ständiger Angst vor Offenlegung führt. Gerade am Beispiel des von Laura geführten Doppellebens lassen sich unverkennbar die gravierenden Auswirkungen der Sexarbeit auf die Identitätskonstruktion der Prostituierten ablesen, die sich auf nahezu jeden Bereich ihrer Lebenswelt beziehen. Durch die Tätigkeit im Rotlichtmilieu vollzieht Laura eine Aufspaltung in Privatperson und Arbeitsidentität, die zwar sicherlich in den meisten Berufsfeldern in einer gewissen Form zu finden ist, jedoch wohl selten zu solch grundlegenden und einschneidenden Konsequenzen führt, wie im Falle der Prostitution.</p>
<p>Gegen Ende des Interviews äußerte sich die Sexarbeiterin wie folgt:</p>
<blockquote><p>„B.W.: Von der Gesellschaft wird das ja als unmoralisch angesehen. Wie siehst du das selber?</p>
<p>L: Ja. Also wenn man da selber mit drin ist, dann sieht man das als ganz normal an.</p>
<p>B.W.: Ärgert dich das dann, wenn andere das so sehen?</p>
<p>L: Ne, weil jeder Mensch hat seine eigene Meinung und jeder Mensch soll seine eigene Meinung auch vertreten. Also gut, ich meine Bayern … die tun alle so katholisch &#8230; und das sind die Schlimmsten. Wirklich. Die meisten, die da so schlecht darüber reden und sagen ahh &#8230; und was weiß ich, das sind meistens die schlimmsten Puffgänger. Wirklich. Nach außen hin tun sie so und in Wirklichkeit sind das die Schlimmsten.</p>
<p>B.W.: Eine Doppelmoral.</p>
<p>L: Ja, eine Doppelmoral, das ist wirklich so. Ist es auch, aber da kann man ja nichts daran ändern.</p>
<p>B.W.: Mich fragen auch immer ganz viele Leute, wie das so ist, also aus Neugierde, weil das eben keiner weiß. Ich sage halt dann immer, das sind ganz normale Frauen, weil so ist es eben…</p>
<p>L: Ja, eben. Ganz normale Frauen. Also wir sehen nicht anders aus, wir &#8230; also alles normal. Unterhalten tun wir uns auch ganz normal. Für die meisten ist das eben halt komisch, ich weiß nicht, die denken, wir sind von einem anderen Planeten, ich weiß es nicht. Weil die uns eben nicht kennen.“</p></blockquote>
<p>An dieser Stelle kommt der Wunsch zum Ausdruck, von der Gesellschaft integriert und als völlig „normale“ Frau akzeptiert zu werden. Gerade die Aussage des milieufremden Gesprächspartners, „[i]ch sage halt dann immer, das sind ganz normale Frauen, weil so ist es eben…“, führte während des Interviews bei Laura zu einer offensichtlichen Freudebekundung, die sich darauf zurückführen lässt, dass die Prostituiere von ihrer Umwelt als gleichwertiger Mitmensch angesehen werden möchte.</p>
<p>Die Toleranz der Sexarbeiterin gegenüber andersartigen Einstellungen, „jeder Mensch soll seine eigene Meinung auch vertreten“, wirkt daher bei erster Betrachtung zwar unvermutet, lässt sich jedoch im Sinne ihrer sich durch das Interview ziehenden Haltung „da kann man ja nichts daran ändern“, deuten, die beinhaltet, bestehende Denkmuster nicht beeinflussen oder verändern zu können. Aus Lauras nachfolgenden Äußerungen, welche die gesellschaftliche Doppelmoral oder die Unkenntnis und damit zusammenhängenden Vorurteile außenstehender Personen betreffen, „weil die uns eben nicht kennen“, geht jedoch auch hervor, dass die bestehenden Verhältnisse für Laura nicht zufriedenstellend sind und sie dennoch nach sozialer Anerkennung strebt.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Fazit</h3>
<p>In Bezug auf ein Zitat Hermann Bausingers, „[d]ie Rolle, die ihm [dem Individuum, A. d. V.] dadurch im Arbeitsprozeß zugewiesen ist, bleibt auch außerhalb der Arbeit maßgebend – diese Rolle bestimmt, ja man könnte zugespitzt sagen: <em>ist</em> seine Identität“ (Bausinger u.a. 1999, S. 213, Hervorhebung i. O.), lässt sich zusammenfassen, dass diese Aussage gerade auf die Identitätskonstruktion des Forschungssubjektes nahezu vollständig zutrifft. Die Auswirkungen der Prostitutionstätigkeit auf die Lebenswelt der Interviewpartnerin sind in jedem der analysierten Einzelpunkte deutlich zu erkennen und bestimmen auch die private Identität der Sexarbeiterin in einem Maße, wie es wohl kaum ein anderes Gewerbe zu leisten vermag.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Schließlich muss noch erwähnt werden, dass die Art und Weise der Erzählung sowie die von Laura vermittelten Inhalte stark mit der Kommunikationssituation mit einer milieufremden Person zusammenhingen, infolge derer verschiedene Aspekte sicherlich mehr oder weniger betont wurden oder gar unerwähnt blieben. Besonders die Leugnung negativer Auswirkungen auf die Psyche der Interviewpartnerin oder die Hervorhebung ihres erstarkten Selbstbewusstseins fallen unter diesen Gesichtspunkt. Dies muss bei der Darlegung der gewonnenen Erkenntnisse stets berücksichtigt werden. Dennoch sind die Aussagen der Sexarbeiterin von großer Offenheit geprägt und liefern einen vielseitigen Einblick in die Lebenswelt und Identitätskonstruktion der Prostituierten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Die Autorin</h3>
<p>Barbara Wittmann ist Masterstudentin des Studiengangs Vergleichende Kulturwissenschaften an der Uni Regensburg. Dort absolvierte sie auch ihr Bachelorstudium in Vergleichender Kulturwissenschaft, Russisch und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft.</p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<div id="fn1"><a title="zurueck" href="#anker1">[1]</a> Vgl. Feldforschungstagebuch Prostitution, Regensburg, 19.11.2010-10.02.2011.</div>
<div><a title="zurueck" href="#anker2">[2]</a> Alle folgenden Interviewzitate entstammen dem Interviewtranskript des mit der Sexarbeiterin Laura am 10.02.2011 in Regensburg durchgeführten Gespräches, Dauer 1 Std. 45 Min.</div>
<h3>Literatur</h3>
<p>Bausinger, Hermann / Jeggle, Utz / Korff, Gottfried / Scharfe, Martin (Hrsg.) (1999): Grundzüge der Volkskunde. 4. Auflage. Darmstadt.</p>
<p>Dumas d. J., Alexandre (2003): Die Kameliendame. Aus dem Franz. von Walter Hoyer. Leipzig.</p>
<p>Bundesministeriums der Justiz / juris GmbH (2001): Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz – ProstG). URL: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/prostg/gesamt.pdf [05.].</p>
<p>Giesen, Rose-Marie / Schumann, Gunda (1980): An der Front des Patriarchats. Bericht vom langen Marsch durch das Prostitutionsmilieu. Bensheim.</p>
<p>Girtler, Roland (2004): Der Strich. Soziologie eines Milieus. 5. Auflage. Wien.</p>
<p>Howe, Christiane (2009): Prostitution – ein Thema für pro familia? Zwischen radikaler Ablehnung und Unterstützung. In: pro familia magazin 4/2008, S. 4-8. URL: http://www.schattenblick.de/infopool/politik/soziales/psorg176.html [28.08.2012].</p>
<p>Hübner, Karin R. (2000): Von Beruf Prostituierte? Regensburg.</p>
<p>Kaschuba, Wolfgang (2006): Einführung in die europäische Ethnologie. 3. Auflage. München.</p>
<p>Choluj, Bozena / Gerhard, Ute / Schulte, Regina (Hrsg.) (2010): Prostitution. L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 21 (2010), H. 1, Köln.</p>
<p>Prostituiertenprojekt <em>Hydra</em> (Hrsg.) (1991): Beruf: Hure. Frankfurt/M. u.a.</p>
<h3>Interview</h3>
<p>Interview mit Laura, am 10.02.2011, Regensburg. Dauer: 1 Std. 45 Min., Interviewerin: Barbara Wittmann (B.W.).</p>
]]></content:encoded>
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		<title>Die schmutzige Kulturmetropole?</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Sep 2012 15:00:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgabe 4 - 2012]]></category>

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		<description><![CDATA[<h2>Überlegungen zu Industrie, Kunst und Gesellschaft im Ruhrgebiet</h2>
<p>&#160;</p>
<em>Jonas Tinius</em>
<p>Die britische Sozialanthropologin Mary Douglas schreibt in Purity and Danger „dirt” sei „a matter out of place”. (Douglas 2005 &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/die-schmutzige-kulturmetropole/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Überlegungen zu Industrie, Kunst und Gesellschaft im Ruhrgebiet</h2>
<p>&nbsp;</p>
<h3><em>Jonas Tinius</em></h3>
<p>Die britische Sozialanthropologin Mary Douglas schreibt in Purity and Danger „dirt” sei „a matter out of place”. (Douglas 2005 [1966], S. 44) Wo Schmutz ist, argumentiert sie, sei auch ein System. Schmutz sei stets das Nebenprodukt einer systematischen Ordnung und Klassifizierung von Materie – und zwar insofern, als dieses Ordnen das Verwerfen von unpassenden Elementen bedeutet. Schmutz ist daher auch direkt eine Frage der Ordnung der Dinge und von deren Symbolik.</p>
<p>In dem folgenden Artikel möchte ich mich mit den Implikationen dieser Gedanken beschäftigen und diese auf ein säkularisiertes, modernes und industrielles Feld beziehen und auslegen – nämlich auf die Industrie- und Kulturlandschaft des Ruhrgebiets. Einige der Fragen, die sich im Hinblick auf meine Feldforschung im sogenannten Pott Deutschlands stellen, beziehen sich auf die Konstruktion eines Verständnisses von Zeit und Zeitlichkeit der Industrie, der Tabuisierung von Schmutz und Hässlichkeit und der Beziehungen zwischen Kunst, Kultur und Tabu. Man kann fragen, ob nicht Nietzsches Aphorismus „Es gibt keine moralischen Phänomene, sondern nur moralische Bewertungen von Phänomenen” (Nietzsche 1886, S. 631) zur Erweiterung der Fragestellung beitragen kann: Wie sehr spiegeln Vorstellungen über und das Konzept des Schmutzes sowie die vielen möglichen Kontrastkonzepte Sauberkeit, Ordnung, Richtigkeit die jeweils moralischen Bewertungen vom Guten und Schlechten, vom Zeitlichen und Unzeitlichen, vom Altbackenen und vom Modernen? Wie, im Gegenzug, positioniert sich Kunst, hier sowohl am Beispiel der Ruhrtriennale und der Ideen des Intendanten Heiner Goebbels als auch durch das, was ich als politische Ästhetik des Mülheimer Theaters an der Ruhr zu beschreiben versuche, als ein hinterfragendes Moment und ein Netzwerk aus fragenden Akteuren in dieser Beziehung?<sup><a id="anker1" title="Zur Erläuterung" href="#fn1">[1]</a></sup> Wie thematisiert die Kunst, was gesellschaftliche Normativität tabuisiert oder als ‚schmutzig‘ klassifiziert? Kurzum, ich exploriere einige Gedanken zur Relation von Schmutz, Kunst und Gesellschaft in Hinblick auf die geschichtlich spezifische, postindustrielle Transformation der Kulturhauptstadt des Jahres 2010, Essen, stellvertretend für das Ruhrgebiet.<sup><a id="anker2" title="Zur Erläuterung" href="#fn2">[2]</a></sup></p>
<p>Zum einen möchte ich eine Region vorstellen, in der diese scheinbaren Oppositionen (Schmutz-Sauberkeit, traditionell-modern) in einem speziellen Kontrast ihre lokal-spezifische Ausprägung finden, nämlich in der konstruierten Gegenübersetzung von Industrie und Kultur.<sup><a id="anker3" title="Zur Erläuterung" href="#fn3">[3]</a></sup> Zum anderen dient dieser Essay der Darstellung der politischen Ästhetik des Theaters an der Ruhr, welche mit den thematisierten Elementen Aufklärung und Mythos, Klarheit und Dunkelheit, Realität und Traum die Beziehung von Norm und Tabu, Reinheit und Schmutz, Gesellschaft und Subversion in den offenen Raum ihrer Theaterarbeit stellt. Ich nutze die Besprechung dieser Ästhetik, um zwischen den Zeilen und im Schlusswort auf eine zentrale, selbst-reflektierte Fragestellung dieser Ausgabe des Fensterplatzes einzugehen: Was sagen uns Schmutz und Schmutzkonstruktionen in unserer Forschung und unserer Rolle als Kultur- oder Sozialanthropologen über unsere eigenen Vorstellungen vom Selbstverständnis und Fokus der Disziplin? Waren die Themen der Anthropologie bloß einst der ‚wilde Unklassifizierbare‘ und des ‚Wilden Klassifikation‘ oder ist das Leid, der Schmutz, das Unklare noch immer unterschwellig eine alternative Form dieser exotisierenden Faszination? Und gefährdet diese alternative Form einer exotisierenden Faszination nicht die ironisch möglicherweise existierende, anthropologische Hoffnung auf vorurteilsfreie, werturteilsfreie Wertschätzung der Diversität menschlicher Existenz? Wie können wir weiterschauen und welche Alternativen gibt es zu diesen anachronistischen Paradoxa der Anthropologie?</p>
<p>Mary Douglas’ Auseinandersetzung galt damals einer Anwendung der strukturalistischen Lehre, aufbauend auf Roman Jakobson und Ferdinand De Saussure und verbreitet, unter anderem, durch die Schriften von Claude Lévi-Strauss in Frankreich (1968; 1982 [1972]) und Edmund Leach (vgl. Hugh-Jones/Laidlaw 2000a; 2000b) in England. Die Idee, dass das menschliche Denken bestimmten binären Universalismen unterliegt, die sich vor allem in der Sprache, aber auch in Mythen, Zeitstrukturen oder Masken expliziert, hat weitere Metaphern in anthropologischen Studien zum menschlichen Verhalten nach sich gezogen. Douglas’ Doktorvater in Oxford, E. E. Evans-Pritchard, arbeitete beispielsweise in seiner Studie zu Magie, Orakeln und Hexerei bei den Azande heraus, wie eine Gesellschaft Beziehungen zwischen Tabu und Magie herstellt, um des Unbekannten Herr zu werden, indem Unerklärliches oder Missgeschick durch geordnete und nachvollziehbare, soziale Systeme erklärt werden. (Vgl. Evans-Pritchard 1991 [1937]) Douglas schreibt, abgeleitet von religiösen Texten, dass Rituale, die sich mit Reinheit und Unreinheit beschäftigen, immer auch die Funktion haben, Erfahrungen sinnstiftend zu ordnen (Douglas 2005 [1966], S. 3).<sup><a id="anker4" title="Zur Erläuterung" href="#fn4">[4]</a></sup> Wenn Gesellschaften also über Schmutz denken oder Tabus kreieren, dann hat dies die Doppelfunktion der Kontrolle, aber auch der expressiven Kreativität, der moralischen Ordnung und der Sinnstiftung. Vorstellungen darüber, was schmutzig und was rein ist, sind immer auch moralische Wertungen der Handlung oder des fraglichen Gegenstandes. Sie sagen etwas über ethische Vorstellungen vom guten oder schlechten Handeln aus – und zeugen damit sowohl von der Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit des Individuums als auch von der Kontrolle, die solche Ordnungsvorstellungen über das Subjekt haben. (Vgl. Foucault 1966; 1984)</p>
<h3>Vom Kohlenpott zur Kulturmetropole</h3>
<p>Im späten 19. Jahrhundert beschleunigte sich im Kontext der Industrialisierung die Vernetzung des Ruhrgebiets. Infrastrukturen in Form der Rhein- und Ruhr-Kanäle erlaubten die Verbindungen zwischen Krupp und dem bald siegreichen Königreich Preußen. (Vgl. Berghahn 2005 [1994], S. 102) Es war der Bruder des damaligen Königs Friedrich Wilhelm IV., Wilhelm I., der dem 1812 geborenen Alfred Krupp Verträge zu Stahlwaffen anbot. Die bereits etablierte Dynastie Krupp aus Essen war ein wichtiger Faktor in der Ausbeutung der exponentiell ansteigenden Nachfrage nach Kohle und Stahl. Das Ruhrgebiet wurde eine Region, in der sich politische und ökonomische Interessen trafen. Im späten 19. Jahrhundert zog es die Menschen aus Oberschlesien in die Zechen und an die Hochöfen, in der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit nach 1945 kamen Gastarbeiter einer internationalen Bandbreite aus Portugal, Italien, der Türkei und vielen anderen Ländern in die zerstörten Städte des Ruhrgebiets und machten das Ruhrgebiet zu einem der am dichtesten besiedelten Gebiete Europas (Chin 2007, S. 28; Ditt/Tenfelde 2007). Noch immer stehen einige der alten Arbeiterviertel, oftmals gebaut aus den roten Ziegeln der Zechen, unter anderem in dem von Haniel ab 1847 betriebenem Steinkohlebergwerk Zeche Zollverein (vgl. Spethmann 1956), welche heute Weltkulturerbe ist und eine beeindruckende Museumslandschaft bildet. Viertel wie das Dichter-Viertel in Duisburg-Obermarxloh boten noch bis vor kurzem Behausungen für die Arbeiter der nahe gelegenen Zeche Duisburg-Walsum, welche erst 2008 ihre letzten Fahrten einstellte. Bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts fing die Kohle-Industrie an, das Erscheinungsbild des Ruhrgebiets erneut zu verändern – auslaufende Subventionen, schwindende Stahlnachfrage und Interesse an erneuerbaren Energie-Infrastrukturen führten zur Schließung vieler Zechen und dem Anfang eines neuen Landschaftsbildes und Diskurses: der postindustriellen Industriekultur. (Vgl. Berndt 1998)</p>
<div id="attachment_1494" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb.1.jpg"><img class="size-medium wp-image-1494" title="Kulturhauptstadt 2010 Copyright: Regionalverband Ruhr" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb.1-300x239.jpg" alt="Abb1" width="300" height="239" /></a><p class="wp-caption-text">Schild zur Kulturhauptstadt | &amp;#0169 Regionalverband Ruhr</p></div>
<p>Verrottende Schienenanlagen und Schornsteine sind nach wie vor im Ruhrgebiet präsent und markieren teils die Einfahrten an den Autobahnen – bunt angestrahlt werden diese gigantischen Abgasrohre zu Wahrzeichen. Es kommen immer neue Artefakte hinzu, die wie ein Phönix aus der Asche steigen. Sowohl durch große Bauprojekte wie dem der Zeche Zollverein in Essen-Katernberg als auch diskursiv durch das kommerziell-politische Umschreiben der Transformation als ein Wandel hin zu Industriekultur und neuen Energien, wie es die Kampagnen der EU-Kulturhauptstadt kundtun, werden hier Klassifizierungen der Landschaft und der Industrie verändert: vom Schmutz zur ‚Hochkultur‘.</p>
<div id="attachment_1495" class="wp-caption alignright" style="width: 249px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb2_klein.jpg"><img class="size-medium wp-image-1495" title="Abb2_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb2_klein-239x300.jpg" alt="" width="239" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Jahrhunderthalle Bochum | &amp;#0169 Ruhrtriennale</p></div>
<p>&nbsp;</p>
<div id="attachment_1496" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb3_klein.jpg"><img class="size-medium wp-image-1496" title="Abb3_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb3_klein-300x204.jpg" alt="" width="300" height="204" /></a><p class="wp-caption-text">Jahrhunderthalle Bochum | &amp;#0169 Franziska von Gagern</p></div>
<p>Eines der besten Beispiele dieser Art ist, neben der bekannten Jahrhunderthalle in Bochum, 1903 gebaut als Gaskraftzentrale, nun zur Musik- und Theaterzentrale umgewidmet, die Halde Haniel. Solche Halden, durch Begriffe wie ,Müllhalde‘ bereits als Abladefläche gekennzeichnet, waren in der Tat Orte, an denen die Nebenprodukte der Steinkohle abgelagert wurden.<sup><a id="anker5" title="Zur Erläuterung" href="#fn5">[5]</a></sup> Von Aussichtsplattformen, wie es sie auch im Ruhrmuseum Zeche Zollverein gibt, erkennt man diese Halden mittlerweile nur noch als einen der vielen grünen Hügel in der Landschaft zwischen Dortmund, Essen und Bochum. (Vgl. Ruhrtriennale Online, 2012) Die Halde Haniel, benannt nach der Duisburger Unternehmensgruppe Franz Haniel &amp; Cie. GmbH, die unter anderem die Ruhr.2010 unterstützte, ist ein auf über 190 m ü. NN aufgeschütteter Steinberg. In dessen Mitte wurde ein Beton-Amphitheater gebaut, das nun als Veranstaltungsort der Ruhrtriennale eine Spielstätte für bis zu 800 Menschen bietet.</p>
<div id="attachment_1497" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb4_klein.jpg"><img class="size-medium wp-image-1497" title="Abb. 4" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb4_klein-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Halde Daniel, Bottrop | &amp;#0169 Stadt Bottrop</p></div>
<p>Im Zuge der Kampagne zur Feier des Ruhrgebiets als Kulturhauptstadt Europas 2010, fingen Flyer und Poster die Blicke der Passanten ein, auf denen Kultur als die ‚neue‘ Energie bezeichnet wird. (Vgl. Essen 2010) In den kommenden Jahren wird dieser Wandel weiter neue Ausdrucksformen finden, unter anderem auch in den oben genannten Stätten der Ruhrtriennale 2012, die künstlerisch geleitet wird von Heiner Goebbels, Musiker, Komponist und Professor für angewandte Theaterwissenschaften an der Justus-Liebig Universität in Gießen.<br />
Wie neu ist diese Verwandlung und was bedeutet sie für das konstruierte Verständnis von Geschichte und Geschichtlichkeit, von Industrie und Kultur und die Beziehung zwischen Ökonomie, Politik und Kunst?</p>
<h3>Kohle und Kunst</h3>
<p>„Die Ruhrfestspiele in Recklinghausen, mitten im westdeutschen Kohlerevier gelegen, waren ursprünglich eine Solidaritätsveranstaltung der Arbeiter im Pütt und der Hamburger Theater unter dem Motto ‚Kunst für Kohle‘. Kurzerhand war der Direktor der Hamburger Staatsoper mit einem Lastwagen ins Revier gefahren, um – gegen alle Vorschriften der britischen Besatzungsmacht – Koks für sein Theater zu beschaffen, um die Bühnenmaschinerie vor Frostschäden zu beschützen. Der Coup gelang. Die Kumpel machten mit. Im Jahr darauf bedankten sich die drei Hamburger Staatstheater mit einem Gastspiel in Recklinghausen. Dies war der Anfang der seitdem jährlich stattfindenden Festspiele, die auch der Deutsche Gewerkschaftsbund mit veranstaltet. Der Kulturbegriff der Festspiele sollte ein ‚gesellschaftlicher‘ sein [...].” (Brauneck 2012, S. 474f.)</p>
<p>Diese Anekdote in Manfred Braunecks präziser Theatergeschichte Europas zu den Recklinghausener Festspielen, mittlerweile in ihrer 66. Ausgabe, spricht mehrere Ebenen der Kunst im Ruhrgebiet an. Sie macht auf die überregionale Bedeutung des Ruhrgebiets aufmerksam, aber auch auf dessen industrielle Signifikanz. Des Weiteren bringt sie die Materialität des Theaters in den Vordergrund – die Bühnen, die Technik, die Maschinerie, die Bewegung des Ensembles, den Bezug zur Gesellschaft – in der Kunst stattfindet.<br />
Diese Bezüge spielen in zwei weiteren Kontexten eine Rolle: sowohl im ästhetischen Rahmen der Ruhrtriennale und dem Konzept des künstlerischen Leiters Heiner Goebbels als auch in der ästhetisch-ökonomisch-politischen Positionierung des Theaters an der Ruhr. Heiner Goebbels schreibt in dem provozierenden, aber knappen „Editorial“ zur Ruhrtriennale 2012-2014:<br />
„Manchmal spreche ich von Kunst als Erfahrung. [...] Theater kann eben so viel mehr sein: eine Vielfalt von Eindrücken aus Bewegungen, Klängen, Worten, Räumen, Körpern, Licht und Farben. Und mit diesem ‚mehr‘ kann das Theater uns vielleicht gerade da berühren, wofür uns (noch) die Worte fehlen. Das heißt, Kunst als Erfahrung steht auch für die Offenheit, das Geschehen auf der Bühne nicht immer unbedingt verstehen zu müssen, einer fremden Sprache oder einer uns bekannten Musik zuzuhören, einem Bild zuzuschauen, für das wir keinen Begriff haben.” (Goebbels 2012a, S. 7, Hervorhebungen durch den Verfasser)</p>
<p>Goebbels spricht von einer Theaterkonzeption, die der Kunst als Erfahrung die Rolle des Unaussprechbaren, des Ungeordneten, des Vorwegnehmens zuteilt. Das Nicht-Klassifizierbare ist hier nicht bloß das social drama oder die communitas, das Tabu, welches die Ordnung einrahmt oder bestätigt. Goebbels spricht hier der Kunst und ihren Orten auch eine subversive Möglichkeit zu. Zunächst versucht er jedoch anhand dichotomer Metaphern des Verstehens – Nicht-Verstehens, der Offenheit – Geschlossenheit, Beschreibbarkeit – Unbeschreibbarkeit, Sprache – Sprachlosigkeit, die ästhetischen und damit erfahrbaren Potenziale des Theaters als Kunst, der Kunst als Erfahrung darzustellen. Ich greife in dieser Arbeit die von Goebbels in seinem „Editorial“ eingeführte Thematik der Industriekultur auf. Goebbels argumentiert:<br />
„Die Räume der Industriekultur sind in ihrer Materialität die schärfsten Kritiker, wenn man ‚nur so tut als ob‘. [...] Mich interessiert Theater als eigene Realität, die eben nicht so tut, als würde sie nur auf eine andere verweisen.” (Goebbels 2012a, S. 7)</p>
<p>Was Goebbels hier weiterhin zum Ausdruck bringt ist eine Vorstellung von Theaterästhetik, die zwei Dinge vor allem ‚tut‘: Sie braucht und erwartet keine bereits existierenden Bilder oder Vorstellungen über sie, denn sie ist Ereignis selbst. Sie bildet Erfahrung und Realität nicht ab, sie schafft diese und ist damit selbst Teil der Erfahrung und Realität. Diese beiden Begriffe – „Realität“ und „Erfahrung“ ‒ jedoch werden positioniert nebst Argumenten gegen eine tradierte „Guckkastenbühne”, eine „Blackbox” oder ein „goldene[s] Porta[l]” (Ebd.), welche die meisten Theaterorte beschreiben. Goebbels traut Zuschauern und Schauspielern zu, die Rolle des gesellschaftlichen Tabus und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung gegenüber der Ordnung der Dinge infrage zu stellen und eine Neupositionierung zu erschaffen, ohne etwas zu erzwingen. Wie Douglas meint, haben Rituale der Ordnung und Reinigung zwei Hauptfunktionen, die scheinbar gegensätzlich sind, aber durch ihre immanente Spannung auch Anlass für Wandel sein könnten und ihn somit auch erklären können. Solche Rituale würden eine Ordnung herstellen, die zugleich kreativ sein kann. Rituale der Ordnung und der Reinheit stellen also ihre eigene moralische Ordnung und Sinn her. (Vgl. Douglas 2005 [1966], S. 3) Das Einordnen der Kunst in die alte Industrielandschaft ist durch die Ruhrtriennale und ihre Vernetzung der Spielstätten eine solche Umschreibung der Orte. Die selbstverständlichen Hinweise auf die industrielle Natur der Orte bringt eine positive Konnotation ins Spiel, die beinahe als Ruinen abgeschriebenen Bauten als charakteristische, passende und angemessene Bühnen bespielen. Durch ihre Architektur, auch wenn die Frage ist, wie sehr die verschiedenen Darstellungen erneute ‚Guckkastenbühnen‘ erschaffen, entfremden sie den üblichen Blick auf eine Bühne als einen für das Schauspiel geschaffenen Ort. Das Weglassen eines Themas, so erzählt Goebbels in einem Interview mit dem Magazin Brink, sei Teil seiner Antwort auf Erwartungshaltungen: „Es ist kein pädagogischer Vorgang. Sondern mich interessieren Dinge, die in der Schwebe sind”. (Goebbels 2012b, S. 54) Früher im selben Gespräch bringt er auf den Punkt, was diese subtile Lesart des Zuschauers als Erfahrender und Erschaffer der Kunst als Erfahrung meint, indem er sagt:<br />
„Ich habe hundert Male erlebt, dass Zuschauer mich nach Aufführungen ansprechen und Dinge sehen, an die ich im Traum nicht gedacht hätte, weil sie etwas beinhalten, was vielleicht unbewusst künstlerisch zum Ausdruck kam, aber gar nicht unbedingt meiner Absicht entsprach. Absichten sind sowieso gefährlich in der Kunst. Deswegen ist es immer interessanter, was im Zuschauerraum passiert, als was notwendigerweise auf der Bühne absichtsvoll stattfindet.” (Goebbels 2012b, S. 54)</p>
<p>„Kunst als Erfahrung“ sagt sich von dieser pädagogischen Vorstellung los. Sie ist nicht länger die zu erwartende Bestätigung der eigenen Ordnung oder der gesellschaftlichen Normen. Kunst als Erfahrung ist zugleich Partizipation und Beobachtung. Sie ist „teilnehmende Wahrnehmung” (Tinius 2012, S. 9), denn sie erlaubt es weder dem Schauspieler noch dem Zuschauer sich der Vorstellung zu entziehen, selbst und vor allem wenn er selber keine Vorstellungen über sie hatte.</p>
<p>Tabu und Theater</p>
<p>„Kunst als Erfahrung“ ist nicht alles, was Theater im Ruhrgebiet mit der Problematik des Schmutzes verbindet. Das Theater an der Ruhr, 1980 von dem Dramaturgen Helmut Schäfer, dem Direktor Roberto Ciulli und dem Bühnenbildner Gralf-Edzard Habben gegründet, hat sich nicht kulturpolitischen Vorstellungen über Theater entzogen, eher hat es sie redefiniert. Als gemeinsame Gesellschafter mit der Stadt Mülheim an der Ruhr entwarfen sie ein Geschäftsmodell, welches die Kulturpolitik der Stadt einband, sie jedoch nicht zu politischen Argumenten gegen die Flexibilität und Autonomie der Kunst werden ließ. (Vgl. Raddatz 2006, S. 209)<sup><a id="anker6" title="Zur Erläuterung" href="#fn6">[6]</a></sup> 1981 zog das Theater in die alte Raffelberg-Villa, einstiges Solbad, welches auf den großen Raffelberg-Park schaut, wo im Sommer in einer Allee ein Outdoor-Festival stattfindet, die Weißen Nächte, – und doch nur einen Steinwurf vom industriellen Hafen Mülheims und der Schlagader des Ruhrverkehrs, der A40, entfernt ist. So entsteht seit nunmehr über dreißig Jahren am Theater an der Ruhr eine Theaterkunst, die sich der Stadt und der Politik nicht entzieht, sondern mit ihr spielt. Sie nimmt die Idee der gesellschaftlichen Ordnung und der Beziehung zwischen Kunst und Politik nicht als Maß aller Dinge, sondern als Bühne, die es zu bespielen und neu zu entdecken gilt. Theater ist hier ein Dialogpartner der Kultur- und Kommunalpolitik, der sich seine künstlerische Freiheit nicht diktieren lässt, sondern politische Entscheidungen zur Rolle der Kunst in der Gesellschaft mitgestaltet.</p>
<p>Das Theater an der Ruhr inszeniert auf diese Art und Weise nicht nur seine eigene Bühne. Seit 1983 reist es regelmäßig außerorts und in andere Länder, um deren Bühnen zu bespielen, eine Tradition, die unter dem Namen der Theaterlandschaften bekannt geworden ist. Das Theater kommt daher zum Zuschauer und bewegt sich fern der Ideen eines immobilen Stadttheaters oder eines an existierende Traditionen gebundenen Hauses. Ciullis Visionen des Reisens spielen mit denen der Bühnen Habbens, dessen Aufbauten diesen Bewegungen angepasst sind und verladen werden können – eine Logistik für die Architektur des Hauses eigens angepasst ist mit einem Gang, der von Bühne zu Ladebühne entlang verschiedener Werkstätten führt. Die Reise ist hierbei mehr als ein logistisches Element. Die Bewegung des Theaters ist ein strukturgebendes Moment, ein philosophisches Gerüst, welches für Kommunikation, Interaktion und Prozess steht. Wie der Dramaturg Helmut Schäfer anmerkt, „[z]ur Person werden, das heißt: nicht interpretieren, sondern kreieren, nicht repräsentieren, sondern sich als Präsenz behaupten.” (Schäfer zitiert nach Hiß 2001, S. 29) So arbeitet das Theatermachertrio am Theater an der Ruhr zusammen, denkend, Menschen auf und vor der Bühne antreibend, über Gesellschafts- und Individuationsprozesse, Ordnung und Unordnung, Grenzen und die provozierte Grenzüberschreitung nachzudenken.</p>
<p>„[Ciullis] Inszenierungen schlagen als autonome Kunstwerke einen Bogen durch die Jahrhunderte zur ausgemerzten Gegenkultur des Mittelalters, dem die Rechte der Narrenkappe heilig waren. Wenn damals ein Mächtiger durch die theatralischen Fäkalien gezogen wurde, mochte es die Würdenträger wohl insgeheim ärgern, aber eine Anzeige wegen Majestätsbeleidigung, Verleumdung, übler Nachrede, Verunglimpfung sittlicher oder religiöser Gefühle kannte das Gesetz nicht. Der Narr war in seiner Kunst unantastbar.” (Raddatz 1991, S. 14)</p>
<p>Wenn Ciullis Regiearbeit also, wie vor kurzem mit Luigi Pirandellos Verbrechen zu einer Dekonstruktion des Faschistischen in der Liebe, in der Sünde und den Gedanken der komplizierten Beziehung zwischen Marineoffizier Giorgio Vanzi, Romeo Daddi und Vanzis Ehefrau Ginevra einlädt, so tut er dies mit tabuisierten Themen: Tod, Ehebruch und Schändung. In dieser Inszenierung des 1934 vom sizilianischen Autor geschriebenen Stücks erkennt man die Züge einiger Themen: der Schuld, des Unbewussten und der Gewalt, des Eros. Nach dem tödlichen Schuss auf Daddi, abgefeuert aus Vanzis Pistole, um dessen Ehebruch mit seiner Frau zu rächen, legt der Offizier den reglosen Körper Daddis auf einen Barren um diesen, befestigt mit schwarzem Klebeband, wie einen starren Athleten tanzen zu lassen.</p>
<p>Abb. 5 Fabio Menéndez und Steffen Reuber in Pirandellos Verbrechen. Photo: Andreas Köhring. Copyright: Theater an der Ruhr.</p>
<div id="attachment_1493" class="wp-caption alignleft" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb-5_klein.jpg"><img class="size-medium wp-image-1493" title="Abb 5_klein" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb-5_klein-300x199.jpg" alt="" width="300" height="199" /></a><p class="wp-caption-text">Fabio Menéndez und Steffen Reuber in Pirandellos Verbrechen | &amp;#0169 Theater an der Ruhr</p></div>
<p>Der schmale Grad auf dem Ciulli und die künstlerische Leitung zugleich Komödie, Tanz und Tragik erfahrbar macht, bringt den Zuschauer in und über den Zwiespalt der alten Brecht’schen Kritik hinaus: Lachen oder weinen wir, schauen oder werden wir beschaut? Woran halten wir uns, um diesen Akt zu bewerten, oder lassen wir uns auf die Erfahrung der Kunst ein und sammeln Fragen über unsere möglichen Bewertungen und Vorstellungen, anstatt Antworten zu formulieren?</p>
<h3>Ausblickende Gedanken</h3>
<p>Wie gehören diese scheinbar fernen Momente – die strukturalistische Thematik der Ordnung, die Industriekultur des Ruhrgebiets und Gedanken zum Ästhetischen und Politischen am Theater an der Ruhr zusammen? Es ist die Entstehung einer Aufmerksamkeit für die Umgestaltung der ehemals vorrangig industriell geprägten Ruhrgebietslandschaft in eine Metropole der urbanen, postindustriellen Kultur, die für kultur- und sozialanthropologische Beobachtungen von großer Bedeutung ist: die Möglichkeiten der kreativen Hoffnung und der Kunst, die selbst in scheinbar desolaten, schmutzigen Orten immer neue Projekte und Erfahrungen möglich machen. Das Erkennen des subversiven Potenzials, also der Gesamtheit aller Möglichkeiten, die im industriekulturellen Ballungsraum des Ruhrgebiets für die Kunst stecken, ist Heiner Goebbels’ „Editorial“ wichtig gewesen. (Vgl. Goebbels 2012a) Die Fähigkeit, Schmutz oder Perversion, Tabu oder Sprachlosigkeit als kreatives Potenzial für das Theater als Erlebnisraum zu entdecken und es politisch relevant zu machen, es selbst als politischen Akt zu sehen, ist ein Weg, den das Theater an der Ruhr geht und von dem auch die Anthropologie und ihre Beobachtung lernen kann. Es sind eben nicht immer nur die Ordnungen der Dinge und deren Klassifizierungen, von denen aus wir gesellschaftliche Zusammenhänge verstehen können, sondern auch das Spiel mit deren Rändern und Grenzen. Im Theaterspiel mit der Politik und dem Humor, in der Architektur und dem Schmutz, der Halde und dem Amphitheater, in der Geschichte der industriellen Vergangenheit und deren Aufbereitung als kulturelle Zukunft – überall finden wir Anhalts- und Anknüpfungspunkte, die von Hoffnung, von Kunst und von kreativem Potenzial sprechen und diese zum Denken, Spielen und Agieren nutzen.</p>
<h3>Der Autor</h3>
<p><em>Jonas Tinius, geb. 1989, ist ab Oktober 2012 Doktorand der Sozialanthropologie an der University of Cambridge, wo er auch sein Bachelorstudium absolvierte. Er kommt aus dem Ruhrgebiet und befasst sich dort mit Kunst, Politik, Tradition und dem Theater an der Ruhr.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<div id="fn1"><a href="#anker1">[1]</a> Begonnen habe ich die Feldforschung am Mülheimer Theater für meine Bachelor-Arbeit über die Konzeption des ‚Ensembles‘ am Mülheimer Theater an der Ruhr im Juni 2011. Erst verbrachte ich dort circa drei Monate mit verschiedenen Tätigkeiten und mit Interviews. Für die Zukunft plane ich längere Aufenthalte, wobei zwischen Mai 2013 und September 2014 der Hauptteil dieser Forschung stattfinden soll. Was ich hier als ‚politische Ästhetik‘ versuche zu entwickeln geht über ein übliches Verständnis von politischer, oder ‚engagierter‘ Kunst hinaus und bezeichnet hier ebenfalls die Beziehung zwischen „Theater-Ereignis“ (Badiou 2001 [1998], S. 123) und der städtischen wie auch nationalen Kultur-Politik.</div>
<div id="fn2"><a href="#anker2">[2]</a> Die Wahl der Kulturhauptstadt Europas ist ein Projekt der Europäischen Union, das seit 1985 (bis 1999 unter der Bezeichnung Kulturstadt Europas) im Rotationsprinzip an Städte oder Regionen vergeben wird. Das Projekt verbindet weitere Subventionspolitik Europas mit der Unterstützung und Revitalisierung der Kulturlandschaften der Regionen, die auch über Sponsorenagglomerate, im Ruhrgebiet beispielsweise durch die Energiekonzerne e-on und RWE getragen werden. (Vgl. Essen 2010).</div>
<div id="fn3"><a href="#anker3">[3]</a> Ich spreche von scheinbaren Oppositionen und konstruierten Gegenübersetzung, da ich der strukturalistischen Vereinfachung der Welt in solche binären Kategorien nicht zuspielen, sondern auf die mögliche Ausfransung, Multiplizierung, oder Komplexität dieser Kontraste hinweisen will.</div>
<div id="fn4"><a href="#anker4">[4]</a> Es findet sich eine abgewandelte Anwendung ähnlicher Ideen bei Victor Turners Beschreibung des social dramas, als welche er Rituale, Situationen und Ereignisse beschreibt, die die soziale Ordnung einer Gemeinschaft infrage stellen und möglicherweise gefährden oder diese durch Konfliktlösung aber auch bestätigen können. (Vgl. Turner 1967, S. 50).</div>
<div id="fn5"><a href="#anker5">[5]</a> Daneben gibt es jetzt begrünte Halden, auf denen die Müllabfuhr ihren Abfall entsorgt.</div>
<div id="fn6"><a href="#anker6">[6] </a> Die Aussagen stützen sich außerdem auf einen persönlichen Kommentar Ciullis während eines Gesprächs mit dem Verfasser.</div>
<h3>Literaturverzeichnis</h3>
<p>Badiou, Alain (2001 [1998]): Kleines Handbuch der Inästhetik. Wien.</p>
<p>Berghahn, Volker R. (2005 [1994]): Imperial Germany, 1871-1918: Economy, Society, Culture, and Politics. Oxford.</p>
<p>Berndt, Christian (1998): Ruhr Firms between Dynamic Change and Structural Persistence. Globalization, the &#8216;German Model&#8217; and Regional Place-Dependence. In: Transactions of the Institute of British Geographers. New Series. 23 (1998), Nr. 3, S. 331-352.</p>
<p>Brauneck, Manfred (2012): Europas Theater. 2500 Jahre Geschichte – eine Einführung. Hamburg.</p>
<p>Ditt, Karl / Tenfelde, Klaus (Hrsg.) (2007): Das Ruhrgebiet in Rheinland und Westfalen. Koexistenz und Konkurrenz des Raumbewusstseins im 19. und 20. Jahrhundert. Paderborn.</p>
<p>Essen (2010): New in Europe! The Metropolis Ruhr. Essen. URL: http://www.essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de/en/home.html [Dez. 2011].</p>
<p>Douglas, Mary (2005 [1966]): Purity and Danger. An analysis of concepts of pollution and taboo. London.</p>
<p>Evans-Pritchard, Edvard Even (1991 [1937]): Witchcraft, Oracles and Magic Among the Azande. Oxford.</p>
<p>Foucault, Michel (1966): Les Mots et les Choses. Une Archéologie des sciences humaines. Paris.</p>
<p>Foucault, Michel (1984): Histoire de la Sexulaité. L’usage des Plaisirs. Paris.</p>
<p>Goebbels, Heiner (2012a): Editorial. In: Ruhrtriennale. International Festival of the Arts. Gelsenkirchen, S. 7-11.</p>
<p>Goebbels, Heiner (2012b): In der Schwebe. Fragen an Heiner Goebbels von Sandra Kornmeier und Milena Cairo. In: Brink &#8211; Magazin für Kunst und Wissenschaft 2 (2012), S. 52-55.</p>
<p>Hugh-Jones, Stephen / Laidlaw, James (Hrsg.) (2000a): The Essential Edmund Leach. Volume I: Anthropology and Society. London.</p>
<p>Hugh-Jones, Stephen / Laidlaw, James (Hrsg.) (2000b): The Essential Edmund Leach. Volume II: Culture and Human Nature. London.</p>
<p>Lévi-Strauss, Claude (1968): Structural Analysis in Linguistics and in Anthropology. In: Moore, Henrietta / Sanders, Todd (Hrsg.) (2006): Anthropology in Theory. Issues in Epistemology. Malden, S. 268-280.</p>
<p>Lévi-Strauss, Claude (1982 [1972]): The Way of the Masks. Translated by Sylvia Modelski. Seattle.</p>
<p>Nietzsche, Friedrich (1954 [1886]): Jenseits von Gut und Böse. Werke in drei Bänden. Band 2. München.</p>
<p>Raddatz, Frank (1991): Von Nasen, Tod und Technik. In: Polenz, Harald u.a. (Hrsg.): Die Theatervisionen des Roberto Ciulli. Essen, S. 8-33.</p>
<p>Raddatz, Frank (2006): Botschafter der Sphinx. Zum Verhältnis von Ästhetik und Politik am Theater an der Ruhr. Berlin.</p>
<p>Ruhrtriennale (2012): „Spielstätten”. URL: http://www.ruhrtriennale.de/de/programm/spielstaetten/halde-haniel/ [02.08.2012]</p>
<p>Spethmann, Hans (1956): Franz Haniel. Sein Leben und seine Werke. Duisburg.</p>
<p>Hiß, Guido (2001): Aspekte der Mülheimer Dramaturgie. In: Theater an der Ruhr (Hrsg.): Zwanzig Jahre. Mühlheim an der Ruhr, S. 27-31.</p>
<p>Tinius, Jonas (2012): UrSprünge. Das Feld zwischen Anthropologie und Theater. In: Brink. Magazin zwischen Kunst und Wissenschaft 2 (2012), S. 6-9.</p>
<p>Turner, Victor (1967): The Forest of Symbols. Aspects of Ndembu Ritual. Ithaca / London.</p>
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		<title>Schmutz lässt sich leichter entsorgen</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Sep 2012 15:00:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgabe 4 - 2012]]></category>

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		<description><![CDATA[<h2>Stadterneuerung im Istanbuler Zentrum</h2>
<em>Luise Veit</em>
Attraktives Müllgebiet
<p>Gerüchten zufolge hat sich die städtische Müllentsorgung seit fünf Jahren hier nur sehen lassen, um Müll zu hinterlassen und nicht, um ihn &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/schmutz-lasst-sich-leichter-entsorgen/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
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<h3><em>Luise Veit</em></h3>
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<h3>Attraktives Müllgebiet</h3>
<p>Gerüchten zufolge hat sich die städtische Müllentsorgung seit fünf Jahren hier nur sehen lassen, um Müll zu hinterlassen und nicht, um ihn zu entsorgen. Auf den Straßen und in den Kellern sowie Erdgeschossen der vier- oder fünfgeschossigen Häuser gibt es viele Mülllager zu sehen und sie lassen sich – verbunden mit dem Geruch von Urin – bei sommerlichen Temperaturen auch von Weitem riechen. Wenn überhaupt noch Fassadenputz an den Gebäuden besteht, dann ist dieser vom Dreck und Ruß meist grau. Stuckbordüren, Balkone und Erker bröckeln vor sich hin. Hier und da grünt es ungeplant. In den fast gänzlich nicht mehr bewohnten höheren Geschossen lassen sich materielle Aneignungspraxen beobachten: Fenster, Türen und Treppen werden zu Feuerholz verarbeitet, Künstler_innen nutzen die leeren Räume für Streetart, Ausstellungen und die Dreharbeiten von Musikvideos. Köfteverkäufer<a id="anker1" title="zur Fussnote" href="#fn1">[1]</a> richten sich mit mobilen Ständen provisorisch in den Häuserskeletten ein.</p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/2web.jpg"><img class="alignleft size-medium wp-image-1607" title="2web" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/2web-300x200.jpg" alt="" width="300" height="200" /></a>Einige Straßen weiter und etwas den Hügel hinab sieht es noch wohnlicher aus und weiße Wäsche hängt zwischen grauen Häuserfassaden. Unter Erasmusstudierenden als Erstwohnsitz und für Taxim-Partygänger_innen als Wochenendübernachtungsort, wird <em>Tarlabaşı</em> gerade in. Die Lage ist zentral und die Mieten sind vergleichsweise günstig.<br />
<em>Tarlabaşı</em> ist ein Stadtteil in Istanbul, nur zehn Minuten vom zentralen Taxim-Platz und einen Katzensprung von der <em>Istiklal</em>-Einkaufs- und Partymeile entfernt. Teile des Viertels werden seit 2006 im Rahmen eines städtischen Erneuerungsprojektes <em>top down</em> gentrifiziert.<br />
Dort, wo das Viertel auf die dicht befahrene Hauptverkehrsstraße, den <em>Tarlabaşı Boulevard</em>, stößt, ist bereits seit Mitte April 2012 das neue, „gesunde, saubere und sichere“ (Beyoğlu Belediyesi 2012, Übersetzung Franziska Klaas) Gesicht des Quartiers auf werbenden Großplakaten zu sehen. 2015 soll dies zu Ende kreiert sein und „neue Möglichkeiten für diese Nachbarschaft“ (ebd.) eröffnen.</p>
<h3>Historische Entwicklung von <em>Tarlabaşı</em></h3>
<p>Ein Großteil der Häuser wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von armenischen Architekten geplant und zunächst primär von Nichtmuslim_innen mittleren Einkommens bewohnt. (Vgl. Dinçer 2011, S. 54) In den 1950er Jahren verlor das Viertel seine ursprüngliche Bewohnerschaft in Folge des wachsenden Nationalismus in der Türkei. Kurd_innen aus dem Südosten, Roma, Prostituierte, Transsexuelle, Migrant_innen aus Anatolien, sowie illegalisierte Flüchtlinge – gesellschaftliche Gruppen, die über wenig ökonomisches Kapital verfügen – zogen im Laufe der Jahre in die Häuser ein.<br />
Aufgrund seines spezifischen architektonischen Charakters wurde das Viertel 1993 zu einem „Konservationsgebiet“ erklärt (vgl. ebd.), in dem die Bausubstanz erhalten werden solle. Ironischer weise ließ die städtische Regierung die Häuser verkommen und vernachlässigte die Infrastruktur. Es gibt zum Beispiel keine der sonst in Istanbul so zahlreichen Banken, da sich noch kein greifbares ökonomisches Kapital angesammelt hat. Regelmäßig führt die Polizei Kontrollen auf der Suche nach Drogen und illegalisierten Flüchtlingen durch. Türkische Zeitungen berichten sehr gern auf Seite drei von kriminellen Machenschaften in <em>Tarlabaşı</em>.<a id="anker2" title="zur Fussnote" href="#fn2">[2]</a> Die Bewohner_innen werden – wie ihre heruntergekommenen Häuser – seit Jahren von Politiker_innen, Bürokrat_innen und den Medien als ‚Schmutz‘ stigmatisiert, den es nun zu beseitigen gilt. (Vgl. ebd., S. 49)</p>
<h3>Städtisches Erneuerungsgebiet</h3>
<p>Eine richtungsweisende gesetzliche Basis für das Erneuerungsprojekt bekam der Hauptakteur, die von der <em>Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP)</em> regierte <em>Beyoğlu</em>-Kommunalbehörde, mit dem 2005 in Kraft getretenen Gesetz zur Restaurierung von Stadtgebieten.<a id="anker3" title="zur fussnote" href="#fn3">[3]</a> Das Gesetz bestimmt die entsprechenden Viertel,<a id="anker4" title="zur Fussnote" href="#fn4">[4]</a> enthält Anweisungen für die Vorbereitung und Durchführung der Sanierungsprojekte sowie zu den involvierten Akteur_innen, zur späteren Nutzung der Gebiete und zur Supervision der Projekte. Offiziell wird eine Anpassung der Häuser an „gegenwärtige Bedürfnisse und moderne Standards“ (Projekthomepage zitiert nach Letsch 2012, eigene Übersetzung) angestrebt.</p>
<p>Zur Legitimierung des Großprojektes wurde ergänzend die Erdbebengefährdung Istanbuls herangezogen. 90 Prozent des Istanbuler Stadtgebietes sollen von Erdbeben bedroht sein. Genutzt wurde hierfür das 2007 entstandene ‚urbane Transformationsgesetz‘ zur Erdbebensicherung. Es beinhaltet die Legitimation für Totalabrisse unsicherer Wohnviertel und die Enteignung von Grundbesitzer_innen, denen lediglich neuer Wohnraum mit besserer und kostspieliger Bausubstanz, aber geringerer Fläche zum Ausgleich angeboten werden soll. (Vgl. Staud 2012) In der Praxis wurde es bisher wie in <em>Tarlabaşı</em> umgesetzt, um im Rahmen neoliberaler Landspekulationen wirkmächtig marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu vertreiben.<a id="anker5" title="zur fussnote" href="#fn5">[5]</a></p>
<p>In <em>Tarlabaşı</em> schloss die Kommunalbehörde, die sich als Mittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen präsentiert, einen Vorvertrag mit der Privatfirma <em>GAP Inşaat</em>, einer Subfirma des Unternehmens <em>Galicik Holding</em>, welches unter anderem auch in der Textil- und Telekommunikationsbranche tätig ist. Mit diesem Vertrag wurde <em>GAP Inşaat</em> die Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des mit 500 Millionen Dollar kalkulierten <em>Tarlabaşı Erneuerungsprojektes</em> übertragen. Laut dem privaten Investor hätten 60 Prozent der Landbesitzer_innen dem Abkommen, das unter anderem den Auszug der Bewohner_innen vorsieht, zugestimmt. Zum Teil in Griechenland oder Armenien lebende Besitzer_innen, die das Abkommen nicht unterstützen, erklärten, sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gerichtet zu haben. (Vgl. Dinçer 2011, S. 55)</p>
<p>Zu Projektbeginn hatte sich eine Vereinigung aus Hausbesitzer_innen und Mieter_innen (die sich zu etwa 75 Prozent aus der lokalen Bevölkerung zusammensetzte) gebildet, um mit der investierenden Firma über höhere finanzielle Entschädigungen zu verhandeln. (Vgl. ebd., S. 54) Der ausgehandelte Deal sei laut einer <em>GAP Inşaat</em>-Mitarbeiterin ein Abkauf des Wohnraums oder eine Umzugsunterstützung, sowie spätere Mietübernahme für Mieter_innen gewesen.<a id="anker6" title="zur Fussnote" href="#fn6">[6]</a> Trotzdem gingen vor allem diese aus der dem Verhandlungsprozess folgenden Praxis wohl als Verlierer_innen hervor. Viele sollen viel zu wenig Geld oder keine Entschädigungen für ihre Wohnräume bekommen haben. Sie haben diese bereits verlassen. Andere Nachbar_innen sollen von Unbekannten durch Verwüstungen ihrer Häuser vertrieben worden sein.<a id="anker7" title="fussnote" href="#fn7">[7]</a> Einige wenige Bewohner_innen leben unter prekären Bedingungen noch heute (im Mai 2012) an ihren Wohn- und Arbeitsorten.</p>
<p>Eine Gerichtsklage der türkischen Architektenkammer, die exemplarisch für viele andere steht, geht nur langsam voran. (Vgl. ebd.) Sie beklagt die Zerstörung historischer Bausubstanz durch das Erneuerungsprojekt.</p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/4web.jpg"><img class="aligncenter size-full wp-image-1609" title="4web" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/4web.jpg" alt="" width="600" height="399" /></a></p>
<h3>Situation der Bewohner_innen</h3>
<p>Für die gegenwärtigen bzw. vormaligen Bewohner_innen ist es jedoch viel mehr eine Frage des Überlebens als eine kulturhistorische Frage, wie sie sich aus der architektonischen Perspektive stellt. Einige Bewohner_innen des Viertels selbst schaffen Müll aus anderen Nachbarschaften zu nicht legalen Erwerbszwecken herbei. Eilig sortieren Männer, Frauen und Kinder in Kellern ihr Sammelsurium. Was nicht verwertbar ist, wird in Wärme und Licht spendenden Tonnen auf der Straße vor den Häusern verbrannt. Müllsammler_innen, oft Kurden_innen und Roma, verlieren durch die Sanierungsmaßnahmen nicht nur ihren Wohn-, sondern gleichzeitig ihren zentralen Arbeitsort. Was ihnen an ihren neuen Wohnorten erhalten bleibt, ist die Marginalisierung. Diese wird auch an den neuen Wohnhäusern, welche das <em>Beyoğlu</em>-Rathaus für sie vorsieht, spürbar sein. Es sind oftmals nach der Großwohnhausverwaltung der Türkei benannte <em>TOKI</em>-Hochhäuser, in die die Stadt ihre unliebsamen Bewohner_innen verfrachten will – 32 Kilometer vom <em>Tarlabaşı</em> entfernt. Aus dieser selbst für Istanbuler Verhältnisse peripheren Lage ist es nur schwer möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an zentrale Punkte des Stadtlebens zu gelangen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist es für die jüngeren Generationen jedoch unerlässlich an zentralere Orte zu pendeln. Ältere Menschen bleiben tagsüber in der Anonymität der Hochhäuser vereinsamt zurück. Durch den Zuzug von Gruppen nach <em>Tarlabaşı</em>, die schon in ihren ländlichen Herkunftsorten in engem Kontakt standen, wurden soziale Netzwerke erneut etabliert, modifiziert und ausgebaut. Viele der älteren Menschen sprechen daher kein Türkisch, was die Abhängigkeit von der jüngeren Verwandtschaft noch verstärkt. Ökonomische Vorteile ergeben sich am ehesten für beteiligte, private Unternehmen. (Vgl. Basdas 2012)</p>
<h3>Reinigungsprojekt</h3>
<p>Das <em>Tarlabaşı</em>-Projektgebiet umfasst neun Blocks und 278 Gebäude. 70 Prozent der Häuser sollen zunächst abgerissen, die historischen Fassaden jedoch beim Neubau rekonstruiert werden. Innenhöfe sind angedacht und entstehender Raumverlust soll durch zusätzliche Etagen ausgeglichen werden. Tiefgaragen sollen die Bewohner_innenfahrzeuge schützen. Um das Sicherheitsgefühl der neuen Nachbarschaft noch zu verstärken, ist der Zugang zu den Häusern mehrheitlich über die Innenhöfe angedacht. (Vgl. Dinçer 2008, S. 239-258) Ziel ist es, zentralen, attraktiven, „gesunden und lebbareren“ (GAP Inşaat, S. 4, eigene Übersetzung) Wohnraum für eine weiße, gut situierte Mittelschicht in einer homogenen und ‚sauberen‘ Nachbarschaft zu schaffen, die ihre Wäsche im Trockner und nicht wie die jetzigen bzw. vormaligen Bewohner_innen über die Straße gespannt trocknet. Das Verschwinden der Wäsche aus dem öffentlichen Raum deutet eine neue Form der Privatisierung an.<a id="anker8" title="zur Fussnote" href="#fn8">[8]</a></p>
<p><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/5web.jpg"><img class="alignleft size-full wp-image-1606" title="5web" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/5web.jpg" alt="" width="450" height="300" /></a>Der angestrebte Bewohner_innenaustausch lässt sich anhand von Visualisierungen auf der Projekthomepage (Vgl. Beyoğlu Belediyesi 2012) und auf Werbeplakaten vor Ort folgern: Businessmänner laufen auf leeren und durchgängigen Bürgersteigen entlang. Die vormals das Straßenbild prägenden Familien mit zahlreichen Kindern sind verschwunden. Vereinzelt gibt es heteronormative Pärchen, Arm in Arm, die Frau in kurzen Hosen, zu sehen. Touristen sollen nach <em>Tarlabaşı</em> kommen. Für Istanbul ungewöhnlich, werden Fahrräder und, à la Prenzlauer Berg, Vespas imaginiert. Es gibt nichts, was die Fahrt und das Image stört. Der Himmel ist blau und die Farben sind bunt und freundlich. Kein Grau ist mehr zu sehen. Die Reinigung hat nicht nur den Müll, sondern auch die gesellschaftlichen ‚Abfallprodukte‘ – Drogenabhängige, Straßenkinder und Prostituierte – getroffen. Auf der Seite des <em>Tarlabaşı Boulevard</em> sollen dort Cafés mit Außenbestuhlung und Juweliergeschäfte entstehen, wo noch bis vor wenigen Wochen in Kneipen Prostituierte auf ihre Kunden warteten bzw. dies, nach temporären Pausen, erneut tun. Über den mietbaren Geschäften sollen 54 Büros eingerichtet werden, die zu einem Quadratmeterpreis von 6.000 Dollar angeboten werden.</p>
<div id="attachment_1627" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/6web.jpg"><img class="size-medium wp-image-1627" title="6web" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/6web-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">„Sauberkeit gefällt“ | &amp;#0169 Lisa Haizmann</p></div>
<p><em>Tarlabaşı</em> steht exemplarisch für zahlreiche Stadterneuerungsprojekte in Istanbul,<a id="anker9" title="zur fussnote" href="#fn9">[9]</a> massive Versicherheitlichungstendenzen in der Türkei, unter anderem auch in Form zahlreicher <em>Gated Communities</em>, sowie die Entwicklung von Innenstädten als Hauptquelle für Kapitalakkumulation und für viele weitere Projekte mit neoliberalem Hintergrund. (Vgl. Harvey 2005)</p>
<h3>Die Autorin</h3>
<p>Luise Veit, Masterstudentin der Europäischen Ethnologie/Kulturwissenschaft in Marburg, weilte im Frühjahr 2012 in Istanbul, um Anthropologie zu studieren.<em>Den Anstoß sich näher mit </em>Tarlabaşı<em> zu beschäftigen bekam die Autorin durch zahlreiche sonntägliche Marktbesuche im Viertel. Das Verständnis der im Artikel dargestellten Zusammenhänge und Prozesse verdankt sie der Anthropologin, Geografin und Feministin Begum Basdas, welche in einem Seminar zu </em>Urban Studies<em> an der </em>Yeditpepe<em> Universität in </em>Istanbul Tarlabaşı<em> vertiefte.</em></p>
<h3>Anmerkungen</h3>
<div id="fn1"><a title="zurueck" href="#anker1">[1]</a> Köfte sind türkische Buletten.</div>
<div id="fn2"><a title="zurueck" href="#anker2">[2]</a> Ich beziehe mich auf ein Seminar zu <em>Urban Studies </em>an der Yeditepe Universität und im Speziellen auf Aussagen meiner Professorin Begum Basdas, welche dieses Seminar leitete. Im Folgenden: Basdas 2012.</div>
<div id="fn3"><a title="zurueck" href="#anker3">[3]</a> Das Gesetz Nummer 5366 zur Konservierung durch Restaurierung und Schutz von baufälligen, historischen und kulturellen Vermögenswerten, wurde am 05.07.2005 verabschiedet. (Vgl. Dinçer 2011, S. 45).</div>
<div id="fn4"><a title="zurueck" href="#anker4">[4]</a> Zehn Prozent des Istanbuler Stadtgebietes wurden als Gebiet mit besonderem Restaurierungsbedarf deklariert. (Vgl. Basdas 2012).</div>
<div id="fn5"><a title="zurueck" href="#anker5">[5]</a> Mit dem Gesetz kann der Stadtumbau schnell vorangetrieben werden. Es macht es möglich, ganze Viertel zu Sanierungsgebieten zu erklären. Das Gesetz zielt darauf ab, die Stadtproduktion durch kleine Akteure zu beenden. Die Sanierungspläne sollen größere Flächen für Großakteure wie die Bau-, Finanz- und Versicherungswirtschaft schaffen. (Vgl. Orhan 2012).</div>
<div id="fn5"><a title="zurueck" href="#anker6">[6]</a> Auskunft von Şeyma Kural vom 11.06.2012.</div>
<div id="fn6"><a title="zurueck" href="#anker7">[7]</a> Zu diesen Aussagen kam ich durch informelle Gespräche mit Anwohner_Innen.</div>
<div id="fn7"><a title="zurueck" href="#anker8">[8]</a> Vgl. für dahin gehende Aussagen zur Wäsche-Thematik: GAP Inşaat (o. J.), S. 26-27.</div>
<div id="fn9"><a title="zurueck" href="#anker9">[9]</a> Ein weiteres Paradebeispiel in Istanbul ist <em>Sulukule</em>, ein Stadtviertel nahe der historischen Stadtmauer mit einem hohen Roma-Anteil, welches 1985 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde.</div>
<h3>Literatur</h3>
<p>Dinçer, Ical (2008): Tarihi Kentlerin Korunmasive Yeniden Düzenlenmesinde Sorumlukve Yeterlik Sorunları. In: Memiş, Şefik / Sadırlı, Fatih (Hrsg.): 3rd International Symposium on the Historical Peninsula: The Book of Notifications: the Heart of Istanbul, the European Capital of Culture, 2010: Historical Peninsula. Eminönü Belediyesi, S. 238-258.</p>
<p>GAP Inşaat (o. J.): Tarlabaşı Urban Renewal Project. Istanbul.</p>
<p>Harvey, David (2005): A Brief History of Neoliberalism. Oxford.</p>
<h3>Web</h3>
<p>Letsch, Constanze (2012): The looted prospect of Tarlabaşı Yenileniyor. 12.03.2012. URL: www.tarlabasiistanbul.com/2012/03/the-looted-prospect-of-tarlabasi-yenileniyor/ [31.08.2012].</p>
<p>Beyoğlu Belediyesi (2012): Tarlabaşı Yenileniyor. URL: www.tarlabasiyenileniyor.com/default.aspx [31.08.2012].</p>
<p>Dinçer, Ical (2011): The Impact of Neoliberal Policies on Historic Urban Spaces: Areas of Urban Renewal in Istanbul. In: International Planning Studies. Istanbul, S. 43-60. URL: www.tandfonline.com/doi/as/10.1080/13563475.2011.552474 [28.08.2012].</p>
<p>Esen, Orhan (2007): „Sie haben sich selbst bedient“. In: taz, 26.01.2007. URL: www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/01/26/a0170 [05.05.2012].</p>
<p>Staud, Toralf (2006): Chaos ohne Kollaps. In: Greenpeace magazin 4 (2006). URL: www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=2763 [11.06.2012].</p>
<h3>Weitere Quelle</h3>
<p align="left">Basdas, Begum (2012), Seminar „Urban Studies” an der Yeditepe Universität (Istanbul).</p>
<h3>Abbildungen:</h3>
<p>Abb. 1-5 hat Luise Veit in <em>Istanbul </em><em>Tarlabaşı </em>fotografiert. Abb. 6 ist ein Foto von Lisa Haizmann.</p>
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		<title>Vom disziplinären Quo Vadis zum delokalisierten Helden</title>
		<link>http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/vom-disziplinaren-quo-vadis-zum-delokalisierten-helden/</link>
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		<pubDate>Fri, 28 Sep 2012 15:00:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausgabe 4 - 2012]]></category>

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		<description><![CDATA[<h2>Fünf Jahre studentisches Symposium des Arbeitskreises EuroEthno und des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie Bamberg</h2>
<p>&#160;</p>
<em>Alexander Riedmüller</em>
<p>Der <em>Arbeitskreis Europäische Ethnologie</em> Bamberg (<em>AK EuroEthno</em>) wurde im Frühjahr 2008 &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/09/vom-disziplinaren-quo-vadis-zum-delokalisierten-helden/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<h2>Fünf Jahre studentisches Symposium des Arbeitskreises EuroEthno und des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie Bamberg</h2>
<p>&nbsp;</p>
<h3><em>Alexander Riedmüller</em></h3>
<p>Der <em>Arbeitskreis Europäische Ethnologie</em> Bamberg (<em>AK EuroEthno</em>) wurde im Frühjahr 2008 von interessierten Studierenden und Doktoranden des Faches Europäische Ethnologie und benachbarter Disziplinen der Universität Bamberg gegründet. Zentrales Ziel der von ihm ausgehenden Projekte und Initiativen ist der gegenseitige Austausch und die Vernetzung von Studierenden und Lehrenden des ‚Vielnamenfaches‘ Europäische Ethnologie / Volkskunde / Empirische Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie und dessen Nachbardisziplinen.</p>
<p>Neben der Übernahme der Organisation und Durchführung der <em>Semesterabschlussfeste</em> (Winter- und Sommerfest) und eines <em>Studierendenstammtisches</em> (seit 2008), eines <em>EuroEthno Picknick</em>s und eines <em>Kennenlernrundgangs für Erstsemerstler_innen und Interessierte durch Bamberg</em>, sowie<em> </em>gemeinsamen Fahrten und Besuchen von Studierenden zu/von Fachtagungen, Ausstellungen und Veranstaltungen, veranstaltet der <em>AK EuroEthno</em> seit dem Sommersemester 2010 <em>thematische Filmabende</em> mit anschließenden Diskussionsrunden (seit 2011 gemeinsam mit dem Arbeitskreis Bauforschung/Denkmalpflege).</p>
<p>Herzstück der Arbeit des <em>AK EuroEthno</em> bildet jedoch das <em>Studentische Symposium der Europäischen Ethnologie</em>.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Quo vadis Europäische Ethnologie?</h3>
<div id="attachment_1536" class="wp-caption alignright" style="width: 310px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb2Riedmueller_EuroEthnoPicknick_2010.jpg"><img class="size-medium wp-image-1536" title="Abb2Riedmueller_EuroEthnoPicknick_2010" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb2Riedmueller_EuroEthnoPicknick_2010-300x225.jpg" alt="" width="300" height="225" /></a><p class="wp-caption-text">Euro-Ethno Picknick</p></div>
<p>Bereits in seinem Gründungsjahr 2008 wurde unter dem Titel <em>„Quo vadis Europäische Ethnologie?“</em>ein erstes Symposium der Studierenden des Faches abgehalten. Neben Beiträgen zur Geschichte und zu(r) universitären Verortung(en), fachliche(n) (Neu-)Ausrichtung(en), Grenzen und Grenzlinien des Faches standen hierbei disziplinäre wie disziplinierende Herausforderungen, Anforderungen und – auch dies soll hier nicht verschwiegen werden – die für Studierende und Dozierende im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses aufgetretenen Zumutungen und Überforderungen auf der Tagesordnung.</p>
<p>Durch das große und über das engere Fach hinausreichende Publikumsinteresse und die intensiven Diskussionen bezüglich der anstehenden (Neu-)Ausrichtung von Studium und Studiengängen im Anschluss an dieses erste, noch weitgehend improvisierte und ‚interne‘ Symposium, reifte unter den Mitgliedern des <em>AK EuroEthno</em> noch im Herbst 2008 die Absicht, das<em> Studentische Symposium der Europäischen Ethnologie</em> fest in Bamberg zu etablieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Intellektuelle Lebenswelten</h3>
<p>Bereits ein knappes halbes Jahr nach diesem Entschluss folgte am 4. Januar 2009 unter dem Titel <em>„Intellektuelle Lebenswelten. Theorie und Praxis einer studentischen Laufbahn“</em> ein zweites Symposium. Nun öffentlich und erstmals mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Universitätsstandorten und Disziplinen.</p>
<p>Neben der kritischen Reflexion der fachlichen wie persönlichen Identitätsfindung in den Kultur- und Geisteswissenschaften aus der Sicht von Studierenden und Lehrenden, rief die Veranstaltung zu einer eingehenden Rückschau auf das zurückliegende <em>Jahr der Geisteswissenschaften 2008</em> auf.</p>
<p>Vor dem Hintergrund eines zunehmenden gesellschaftlichen, ökonomischen wie politischen Rechtfertigungsdrucks an die Geisteswissenschaften, gingen die Referierenden in ihren Vorträgen „<em>Der Studierende als Showmaster oder Die Kunst, die Fragen zu stellen, deren Antworten man schon weiß</em>“ (Michael Schmitt, Bamberg); „<em>Ehr(Furcht)? Über den Schrecken des wissenschaftlichen Diskurses</em>“ (Arthur Depner, Bamberg); „<em>Seitenblicke. Ein Exkurs in das kunsthistorische Sehen</em>“ (Heidrun Lange, Augsburg); „<em>Historiker als Stütze der Gesellschaft. Analyse von Herrschaftsbedingungen und Aktualisierung populärer Geschichtsbilder</em>“ (Manuel Manhard, Augsburg); „<em>Sozioprudenz. Zu einer Neuakzentuierung der Kultur- und Sozialwissenschaften</em>“ (Joachim Fischer, Bamberg) und „<em>Denk’ nicht, sondern schau’!. Sieben pragmatische Aphorismen über die Geisteswissenschaften</em>“ (Stefan Petzuch, München) auf Chancen aber auch Risiken ‚geistes- und kulturwissenschaftlicher Lebensentwürfe‘ ein. Neben eigenen Studien- und Berufserfahrungen wurden unterschiedliche Argumentationsstrategien und Leistungen der unterschiedlichen kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen thematisiert. Dies jedoch ausdrücklich ohne, dass sich die Referierenden auf die Ebene rein marktwirtschaftlicher ‚Nützlichkeitsdebatten‘ begaben. Es verwunderte daher nicht, dass auch die Teilnehmer_innen der nachfolgenden Diskussionsrunden wiederholt die fortwährende Infragestellung vorgeblich marktrationaler ‚Nützlichkeiten‘ und das Fragen nach dem gelebten Alltag, Denken und den Bedürfnissen von Menschen jenseits ‚normierter bzw. normierender Lebensentwürfe‘ und dem Denken in ‚gesellschaftlichen Eliten‘ als zentrale Leistung und Forschungsaufgabe der Geistes- und Kulturwissenschaften herausstellten. Abschließend forderten Referierende und Diskutierende, dass Kultur- und Geisteswissenschaften sich nicht länger in die Ecke eines ‚exzentrisch-orchideenfachhaften Elfenbeinturms‘ drängen lassen dürften, sondern offensiv und selbstbewusst auf ihre je spezifischen Leistungen und Beiträge für die Gesellschaft verweisen müssten. Bescheidenheit und ‚Minderwertigkeitskomplexe‘ seien hierbei ebenso unangebracht, wie falsches Elitedenken und Überlegenheitsdünkel gegenüber den wirtschafts- und naturwissenschaftlichen Fächern. Leidenschaftliche Auseinandersetzung provozierte schließlich die Forderung Manuel Manhards, Historiker hätten mit ihrer Arbeit stets gesellschaftsfördernd tätig zu sein. Jene wurde von der Mehrzahl der Diskutanten mit dem Hinweis auf die geistige Unabhängigkeit als unabdingbare und nicht verhandelbare Grundlage wissenschaftlicher Tätigkeit abgelehnt.</p>
<p>Trotz eines weitestgehend positiven Feedbacks auf die Symposien der Jahre 2008 und 2009, zeigte sich anhand von Diskussionsbeiträgen und Rückmeldungen rasch, dass die hohe Attraktivität des <em>Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie</em> weniger von Themen und Prozessen persönlicher Selbstfindung und -verortung, als vielmehr von der Gelegenheit zum intensiven interdisziplinären und interuniversitären Austausch ausging. Insbesondere die Möglichkeit(en) des Kennenlernens von Fragestellungen, Projekten, Theorien, Arbeitsweisen, Blickwinkeln und Themenfeldern der je ‚Anderen‘ erwiesen sich sowohl für Organisierende als auch für Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Symposien als inspirierend für die eigene wissenschaftliche Tätigkeit und beförderte bei allen Beteiligten wesentlich ein tieferes Verständnis der je eigenen und ‚fremden‘ Disziplinen und ihrer jeweiligen Forschungsschwerpunkte.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Grenzen und Grenzüberschreitungen</h3>
<p>Infolge dieser Überlegungen veranstaltete der <em>AK EuroEthno</em> am 23. Januar 2010 unter dem Titel „<em>Grenzen und Grenzüberschreitungen</em>“ erstmals ein dezidiert interdisziplinär ausgelegtes Symposium zu einem festgelegten Themenbereich.</p>
<div id="attachment_1529" class="wp-caption alignleft" style="width: 235px"><a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb1Riedmueller_Symposiumsteam_2012.jpg"><img class="size-medium wp-image-1529" title="Abb1Riedmueller_Symposiumsteam_2012" src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/09/Abb1Riedmueller_Symposiumsteam_2012-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" /></a><p class="wp-caption-text">Leitungs- und Symposiumsteam des AK EuroEthno: Gudrun Schwenk, Marius Meinhof und Alexander Riedmüller</p></div>
<p>Das Ziel dieses 3. Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie war es, die überaus zahlreichen Facetten des Begriffs ‚Grenze‘ auf der Grundlage unterschiedlicher Zugänge und Themenfelder über Fach- und Institutsgrenzen hinweg zu thematisieren. Der Begriff ‚Grenze‘ stand für die Symposiumsteilnehmer_innen dabei für eine Vielzahl unterschiedlichster Konzepte und Bedeutungsebenen, welche von topografischen und politisch-administrativen ‚Grenzlinien‘ bis hin zu kulturellen, ideellen und analytischen ‚Entgrenzungsphänomenen‘ reichten.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In ihren Vorträgen:<em> </em>„<em>Die Grenzen des Zumutbaren. Kulturelles Erbe zwischen eigen und fremd</em>“ (Anamaria Carabeu, Bamberg); „<em>Frühmittelalterliches Egerland – Grenzregion oder Kontaktgebiet</em>“ (Jan Hasil, Bamberg/Prag); „<em>Kultur oder Natur? Die Grenze aus anthropologischer Sicht</em>“ (Arthur Depner, Bamberg); „<em>Die Idee vom dritten Rom und die Übernahme der russischen Zarenwürde</em>“<em> </em>(Janis Witowski, Bamberg/Heidelberg) gingen Referenten und Referentinnen ausführlich auf die unterschiedlichen Dimensionen und Bedeutungsebenen des Begriffs ‚Grenze‘ ein. Neben historischen, ökonomischen, sozialen, theoretischen und definitorischen Annäherungen an den Begriff der ‚Grenze‘ stand die Frage, wie ‚alte‘ Kategorien, Fachdefinitionen, Methoden und Ansätze geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen angesichts einer sich rasant verändernden gesellschaftlichen und universitären Umwelt angepasst und in dieser sinnvoll angewandt und weiterentwickelt werden können im Mittelpunkt des 3. Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie.</p>
<p>Auch die nachfolgende Abschlussdiskussion war geprägt von der zentralen Überlegung, welche neuen Zugänge, Theorien, Methoden, Kategorien, Strukturen, Regeln und ‚Grenzen‘ wissenschaftlichen Denkens und Forschens sinnvoll und welche nur dem Zeitgeist und/oder einem reflexhaften Aktionismus aufgrund überzogener (Er-)Neuerungsforderungen aus Politik und Wirtschaft geschuldet seien. Die Aufforderung der Teilnehmer_innen des Symposiums zur intensiveren Auseinandersetzung mit eigenen psychischen, physischen wie intellektuellen ‚Grenzen‘ und ‚Grenzerfahrungen‘, sowie die Forderung nach einem ehrlichen Austausch über Themen wie ‚Überforderung‘ und ‚<em>burn out</em>‘ zwischen Studierenden, Lehrenden und Bildungspolitikern, bildeten einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion. In diesem Zusammenhang wurde von den unterschiedlichen Akteuren mehr Mut beim Setzen von ‚Grenzlinien‘, aber auch beim Eingestehen der eigenen Unkenntnis und Respekt vor den ‚Grenzen des Anderen‘ eingefordert. Eine kontrovers zwischen Anhängern der Rückbesinnung auf den traditionellen Fachkanon und Verfechtern einer prinzipiell geltenden Offenheit des wissenschaftlichen Forschungsinteresses geführte Debatte um die Grenzen des Denk- und Machbaren bei deren Überschreitung Geistes- und Kulturwissenschaften Gefahr laufen, sich selbst, ihre Forschungsfelder und Inhalte aufzugeben, bildeten den Abschluss der Veranstaltung.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Innovation und Vergessen</h3>
<p>Den roten Faden des 4. Studentischen Symposiums bildete am 22. Januar 2011 das Thema <em>„Innovation und Vergessen</em>“. Als Dauerthemen der späten Moderne stellen ‚Innovation und Vergessen‘<em> </em>ein prägendes Element sowohl von Kultur- und Gesellschaftstheorien als auch des alltäglichen (Er-)Lebens breiter Bevölkerungsschichten dar. Gesellschaftliche Selbstbeschreibungen wie ‚traditionell‘‚konservativ‘, ‚modern‘ oder <strong>‚</strong>postmodern‘ verweisen auf Verwerfungen und Traditionsbrüche, bei denen – nicht nur im populären Diskurs – Innovation häufig mit <strong>‚</strong>Fortschritt‘, Vergessen hingegen mit ‚Stagnation‘ und ‚Rückschritt‘ gleichgesetzt werden.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Die auffällig breite thematische Spannweite der Vorträge des 4. Symposiums spiegelte dabei sowohl die hohe Aktualität wie auch die wissenschaftliche Relevanz des Untersuchungsfeldes. So reichten die Vortragsthemen „<em>Vom Social Network zur Global Community: www.kythera-family.net</em>“ (Alexander Riedmüller, Bamberg), über das „<em>Das Logos in der digitalen Sphäre. Innovation und Vergessen religiöser Konzepte in Diskursen auf internetbasierten Plattformen</em>“ (Benedikt Kroll/Noah Franc, Frankfurt am Main), die „<em>Implementierung von Wissensmanagement und IT-Strukturen in Unternehmen</em>“ (Marius Meinhof, Bamberg) und „<em>Zwischen Innovation, Kassation und Tradition – die Sichtungszeit in der Herrnhuter Brüdergemeine und ihre Bewertung im Wandel</em>“ (Stephanie Böß, Bamberg), bis hin zu „<em>Innovation und Vergessen im akademischen Betrieb</em>“ (Simon Dudek, Bamberg). Gemeinsam mit dem anschließenden Kabarett-Vortrag „<em>Innovation-Vergessen-Euro-Europa-Ethnik</em>“<em> </em>des Bamberger Künstlers Roman Tick, näherten sich Referierende und Besucher sowohl diachron als auch synchron der Thematik des Symposiums an. Aktuelle Praxen und Diskurse von ‚Globalisierung‘,‚Enttraditionalisierung‘,‚Deterritorialisierung‘ und ‚Medialisierung‘ von Menschen und Wissensbeständen standen hierbei ebenso im Fokus der Referenten_innen, wie historische ‚Innovations- und Vergessensvorgänge‘.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>In den auf die Vorträge folgenden Diskussionen wurden nie dagewesene Neuheiten von den Teilnehmer_innen des Symposiums als auf Überkommenem fußende Innovationen kritisch hinterfragt, scheinbare Brüche und Verluste als Ergebnisse gezielten und gesteuerten Vergessens beschrieben und Vergessen als Voraussetzung für Innovation thematisiert.</p>
<p>Weniger ‚Innovation‘ sondern Vorgänge des ‚Vergessens‘ bildeten den Zentralen Gegenstand der Abschlussdiskussion. Gemeinsam mit Teilnehmern_innen des Symposiums stellten sich die Referierenden den Fragen, welches Vergessen überhaupt als solches wahrgenommen und dann als Bruch, Innovation oder Traditionsverlust beschrieben wird, und warum welches Vergessen vergessen wird. Auch wurde der eigene Umgang mit Innovationen im Alltag thematisiert und gemutmaßt, dass von breiten Teilen der Bevölkerung vieles aufgrund mangelnder historischer Kenntnisse und gezielter medialer Beeinflussung gar nicht (mehr) als Innovation oder Vergessen wahrgenommen werde. Auch wurde betont, dass Menschen alters- und milieuabhängig unterschiedlich auf Innovation und Vergessen reagieren. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, was Innovations- und Vergessensprozesse bei jenen bewirken, die ‒ aus welchen Gründen auch immer – nicht ‚schnell genug‘ sind, um ‚mithalten‘ zu können oder zu wollen und daher häufig auf’s gesellschaftliche Abstellgleis verschoben würden. ‚Innovation‘ sei einerseits unabdingbare Grundlage des Fortschritts. Andererseits müsse die allerorten postulierte Notwendigkeit zur permanenten Innovation und Neuerfindung vor dem Hintergrund der mit diesen Innovationen verbundenden Vergessens- und Verdrängungsvorgänge, welche nicht selten zu elementaren psychischen, physischen und emotionalen Krisen- und Verlusterfahrungen führten, kritisch hinterfragt werden. Der Prozess des Vergessens sei hierbei häufig kein passiver Vorgang, welcher sich angeblichen Naturgesetzen folgend ‚von allein ereigne‘, sondern ein von unterschiedlichen sozialen Gruppen (Werbung, Politik, Wirtschaft) gezielt gewolltes und herbeigeführtes ‚Vergessen machen‘. Eingefordert wurde daher sowohl die kritische wissenschaftliche Reflexion und Analyse bestehender Innovations- und Vergessensmodelle, als auch das ernst nehmen von Widerständigkeiten jenseits einer vorschnellen Etikettierung als ‚Heimattümelei‘,‚Ewiggestrigkeit‘, ‚gefühlsschwangerer Nostalgie‘ und einer <strong>‚</strong>allgemeinen Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit<strong>‘</strong> im wissenschaftlichen Diskurs.</p>
<h3>Neue Helden</h3>
<p>Nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse, entschied sich das Symposiumsteam des <em>AK EuroEthno</em> des 5. Symposiums für das bewusst provokant gestellte Thema <em>„Neue Helden braucht das Land!? – Von Achill bis Guttenberg</em>“.</p>
<p>Am 21. Januar 2012 gingen die Referierenden in ihren Beiträgen „<em>Vic Mackey </em><em>– Al Capone mit Dienstmarke. Der Protagonist als Antiheld. Merkmal des zeitgenössischen amerikanischen Fernsehens</em>“ (Eric Buhse, Marburg); „<em>Christophorus – ein heiliger Held?!</em>“ (Eva Dotterweich, Bamberg); „<em>Ich bin ein Held! – Was muss ich tun?</em>“ (Benedikt G. Kroll, Frankfurt am Main) und „<em>Delokalisierte Helden. Identitäre Narrative der griechischen Diaspora Australiens</em>“ (Alexander Riedmüller, Bamberg) auf Genese, Darstellungsweisen und Protagonisten von Helden, Heiligen und Antihelden in unterschiedlichen Mediengattungen und deren diachronen Wandel ein. Strategien von Freiwilligen in der Seniorenbetreuung und deren Umgang mit patientenkonstruierten Erwartungskomplexen im Rahmen von internationalen Jugend-Freiwilligendiensten wurden dabei ebenso thematisiert wie Formen und Motivationen popularer Heiligenverehrung des Heiligen Christophorus oder mediale Ethnizitätskonstrukte griechischstämmiger Migranten via biografischer und identitärer Narrative und Heldengestalten in Online-Netzwerken und virtuellen Kulturarchiven.<br />
In den auf die Vorträge folgenden Diskussionen wurden von den Symposiumsteilnehmer_innen zunächst grundsätzliche Fragen nach der Definierbarkeit und gegenseitigen Abgrenzbarkeit von Held und Antiheld aufgeworfen. In ihren Antworten wiesen die Referierenden wiederholt auf die engen erzählerischen und psychologischen Zusammenhänge und gegenseitigen Bedingtheiten von Held und Antiheld hin. Auch wurde im Rahmen mehrerer Diskussionen die Frage nach der sozialen, kulturellen und medialen Konstruiertheit von Helden gestellt. Merkmale eines ‚objektiven Helden‘ seien angesichts der sich häufig wandelnden und ambivalenten Bewertung ‚heldenhafter Handlungen‘ nur schwer auszumachen. Was heute als heroisch gelte, könne schon morgen als moralisch verwerflich gelten et vice versa. Im historischen Bewusstsein dieser Relativität stelle sich die grundsätzliche Frage nach der möglichen Vorbildfunktion von Helden. Ausgehend von diesen Überlegungen thematisierten die Teilnehmer_innen des Symposiums den Einfluss kulturell tradierter Rollenbilder, Ideologien, religiöser Vorstellungen und Fragen nach spezifisch ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ geprägten Formen des Heldentums und der Heldenrezeption. Auch wurde die Frage, ob ein Heiliger auch ein Held sein könne oder dürfe, oder ob streng zwischen den unterschiedlichen ‚Sphären‘ des religiösen und profanen unterschieden werden müsse am Beispiel der Vita und popularen Verehrung des Heiligen Christophorus kontrovers diskutiert. Im Anschluss an die von mehreren Referenten zitierte Aussage Bertold Brechts: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ (Brecht 1963, S. 114), unterstrichen abschließend sowohl Referierende wie Zuhörende die Notwendigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Helden. Durch ihr konkretes Handeln könnte Helden und Heldinnen im besten Falle eine echte und sinnvolle Vorbildfunktion zukommen, welche die Ausbildung der eigenen Fähigkeiten, Talente und Kreativität stärke. Im Schlechtesten würden Helden und Heldinnen in Form von Kriegs- oder Überhelden zu gewaltlegitimierenden Zerrbildern ihrer selbst, welche freies Denken behinderten und zur Rechtfertigung menschenverachtender Ideologien missbraucht würden. Vor dem Hintergrund einer oft problematischen Heldengeschichte gelte es daher sehr genau zu prüfen, ob und wann eine Person als Held angesprochen und rezipiert werden dürfe und wann nicht. Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Helden und Heldentum sei in jedem Falle angebracht.<br />
Ganz im Sinne der gemeinsamen Aufgabenstellung des <em>AK EuroEthno</em> und des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie Bamberg Studierenden und Promovierenden des Faches Europäische Ethnologie und dessen Nachbardisziplinen mit dem<em> Studentischen Symposium </em>Möglichkeiten anzubieten eigene Dissertationsvorhaben, Abschlussarbeiten, Hausarbeiten, Projekte, Themen und Ideen in einer anregenden und entspannten Atmosphäre jenseits großer Fachtagungen und Kongresse vorzustellen und mit einem interdisziplinär zusammengesetzten Publikum zu diskutieren, warf auch das 5. Symposium zum Thema „<em>Neue Helden“</em> zahlreiche Fragen und Überlegungen auf, deren Beantwortung keine einfachen und schnellen Antworten zuließ und alle Teilnehmenden zu längerem Nachdenken und -forschen anregte.</p>
<p>Im Bewusstsein dieses Umstandes legte und legt das Organisationsteam der Symposien daher besonderen Wert darauf, in diesem Rahmen auch der Vorstellung ungewöhnlicher und/oder experimenteller Themen, Fragestellungen, Arbeitsweisen, Methoden und Theorien, die in einem regulären Studium zumeist nur bedingt eingebracht werden können, Raum zu geben. Sie sind auf dieser bewusst offen gehaltenen Veranstaltung ebenso explizit erwünscht, wie Rückfragen und Anregungen für zukünftige Themenfelder und Fragestellungen des Symposiums und weiterer Tätigkeitsschwerpunkte des <em>AK EuroEthno</em>.</p>
<p>Die Mitarbeit im Arbeitskreis bietet Studierenden dabei zahlreiche Möglichkeiten zur Einbringung eigener Interessen und Fähigkeiten, zum gegenseitigen Austausch, der Vernetzung mit anderen Universitätsstandorten und zur aktiven Unterstützung des Wissenstransfers zwischen Universität und Öffentlichkeit. Nicht zuletzt durch die Vorbereitung unterschiedlicher Veranstaltungen ‒ darunter auch des <em>Studentischen Symposiums </em>‒ erwerben sich die Studierenden hierbei über das ‚normale Studium‘ hinaus eingehende Erfahrungen und Einblicke in teamgebundenes Arbeiten, Planung und Umgang mit komplexen Organisationsabläufen sowie die Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen, Tagungen und Exkursionen.</p>
<p>Inwieweit diese Form des studentischen Engagements jenseits des Regelstudiums allerdings vor dem Hintergrund gestiegener Effizienzerwartungen und der daraus resultierenden zunehmenden Verschulung von Studiengängen, Zeitnot und der hierdurch zunehmend geringer werdenden disziplinären (An-)Bindung von Studierenden der Bachelor- und Masterstudiengänge auch weiterhin möglich sein wird, muss unter den gegenwärtigen Bedingungen mehr als bezweifelt werden. Ähnlich, wie es der ehemalige dgv-Studierendenvertreter Martin Schultze 2011 in seinem Rückblick auf die dgv-Studierendentagungen befürchtete (vgl. Schultze 2011), stellt sich auch in Bamberg angesichts des ‚Aussterbens‘ der Diplom-/Magistergeneration und des (bisher) ausbleibenden studentischen Nachwuchses aus den Reihen der BA/MA-Generation die Frage nach der Zukunft von Arbeitskreis und Symposium. Es ist zu befürchten, dass auch hier studentische Aktivitäten jenseits von ECTS-Punkten und Modul-Handbüchern bald der Vergangenheit angehören werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig, der Mangel an Zeit und das permanente Schielen (oder sollte man korrekter sagen: geschielt werden?) auf Studiendauer, Effizienzsteigerung und die ökonomische Verwertbarkeit des eigenen Handelns sind hierbei jedoch sicherlich nicht die geringsten. Dabei ist es (noch) durchaus nicht so, dass sich viele Studierende der BA und MA Studiengänge nicht stärker in und für ihre Fächer engagieren wollen, sie können es nicht (mehr). Ein schmerzlicher Verlust, wie ich meine.</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Der Autor</h3>
<p>Alexander Riedmüller, studierte in Stuttgart, Tübingen, Augsburg und Bamberg Europäische Ethnologie, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie und Kunstgeschichte und promoviert am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie Bamberg zum Thema „<em>Vom Social Network zur Global Community: www.kythera-family.net. Transnationale Migration – Medien – Identität</em>“.<br />
Kontakt: ak.euroethno@uni-bamberg.de</p>
<p>&nbsp;</p>
<h3>Literatur</h3>
<p>Brecht, Bertolt (1963): Das Leben des Galilei. Berlin.</p>
<p>Schultze, Martin (2011): Frei(t)räume – Lost in Perfection? Fensterplatz. Studentische Zeitschrift für Kulturforschung 3 (2011). URL: <a href="../../freitraume-%E2%80%93-lost-in-perfection/">http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/freitraume-%E2%80%93-lost-in-perfection/</a> [02.09.12].</p>
<p>Arbeitskreis Europäische Ethnologie, Bamberg: <a href="http://www.uni-bamberg.de/euroethno/leistungen/studium/arbeitskreis-euroethno/">http://www.uni-bamberg.de/euroethno/leistungen/studium/arbeitskreis-euroethno/</a> [02.09.12].</p>
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		<title>Wenn Dreck moralisch wird</title>
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		<pubDate>Wed, 23 May 2012 13:46:47 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianna</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Was steckt eigentlich hinter der ganzen <strong>Kunst</strong>? Das Kunst mehr ist, als die Intention des Künstlers, ist kein Geheimnis, nur von kapitalistischen Politik im Kunstbusiness erfahren wir normalerweise nicht &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/05/wenn-dreck-moralisch-wird/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Was steckt eigentlich hinter der ganzen <strong>Kunst</strong>? Das Kunst mehr ist, als die Intention des Künstlers, ist kein Geheimnis, nur von kapitalistischen Politik im Kunstbusiness erfahren wir normalerweise nicht viel im Museum. Und dabei gehört diese wohl mindestens genauso dazu, wie die Farben und Formen der Kunstobjekte oder die Eintrittskarte in der Hand.<br />
&#8220;<a href="http://tateatate.org/difficulty.html" title="tate a tate: difficulty" target="_blank">Tate à Tate</a>&#8221; hat einen alternativen <strong>Audioguide</strong> produziert, der die berühmte Kollektion in einen neuen Kontext stellt: &#8220;Drilling the Dirt&#8221;. Das Beispiel der BP – einer der Hauptsponsoren von Tate – verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Kunst, Kommerz und dunkler Politik besonders deutlich. </p>
<p>Nach der Öl-Katastrophe im Golf von Texas im Sommer 2010 wurde die <strong>BP</strong> öffentlich wegen ihrer Mensch und Natur verachtenden Ethik kritisiert. Der Tate-Direktor <em>Sir Nicholas Serota</em>, nicht nur Kunstliebhaber, sondern auch Geschäftsmann, kommentierte: “We all recognise they have a difficulty at the moment but you don’t abandon your friends because they have what we consider to be a temporary difficulty.”</p>
<p>Der Audioguide ist über <strong>soundcloud</strong> erhältlich und ein Download lohnt sich nicht nur während eines Besuchs in London.<br />
<a href="http://tateatate.org/index.html"><img src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/05/Screenshot-at-2012-05-23-145602-300x116.png" alt="" title="Screenshot at 2012-05-23 14:56:02" width="300" height="116" class="alignnone size-medium wp-image-1463" /></a></p>
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		<title>Schmutz im Essen</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Mar 2012 22:19:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianna</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Kein neues Thema der Kulturwissenschaft, aber immer wieder neue Aufsätze wert: Ekel!<br />
Viel interessanter als die Frage, warum essen wir, was wir essen, ist dabei, warum manche Köstlichkeiten so abscheulich &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/03/schmutz-im-essen/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Kein neues Thema der Kulturwissenschaft, aber immer wieder neue Aufsätze wert: Ekel!<br />
Viel interessanter als die Frage, warum essen wir, was wir essen, ist dabei, warum manche Köstlichkeiten so abscheulich sind!</p>
<p>Antrainierte Emotionen und regionale Fäule geben vielleicht Anstoß zu einem neuen Artikel? Ideen finden sich vielleicht im Smithsonian Blog über Essen und Abscheu:<br />
<a href=" http://blogs.smithsonianmag.com/food/2012/03/herz-thats-disgusting/" title="Smithsonian's Blog über Essen..." target="_blank"></p>
<p>http://blogs.smithsonianmag.com/food/2012/03/herz-thats-disgusting/</a></p>
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		<title>Mic check</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Feb 2012 17:28:41 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianna</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Michael Taussig liest unter der Überschrift &#8220;occupied ethnography&#8221; aus seinem Feldtagebuch der „Occupy“-Bewegung vor.</p>
<p>Der Saal ist mehr als bis vollbesetzt und der Mann, der seine „realtime research“ in bunten &#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/02/mic-check/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Michael Taussig liest unter der Überschrift &#8220;occupied ethnography&#8221; aus seinem Feldtagebuch der „Occupy“-Bewegung vor.</p>
<p>Der Saal ist mehr als bis vollbesetzt und der Mann, der seine „realtime research“ in bunten Socken vorträgt, scheint vorgelesene Vorträge zum Leben erwecken zu können. Sätze so couragiert wie „We use our magic to cross their magic.” halten seine Zuhörer in Bann. Die Definition von “We” ist überflüssig:<br />
“We all know where the dirt is, where the real dirt is! &#8211; That has to been cleaned up!” </p>
<p>Die Occupy Bewegung ist im Januar 2012 in London immer noch ein heißes Thema, dementsprechend breit ist das Publikum. Zwischen ethnographischer Forschung, künstlerischen Aktivisten und akademischen Personal turnen Kinder. Kann es irgendwo bessere – lebendigere &#8211; Voraussetzungen für Wissenschaft geben?</p>
<p>Noch nie war eine Protestbewegung so flexibel wie diese, sagt Taussig.</p>
<blockquote><p> “They have pepper spray, we have burning sage. They prohibit microphones, we have the people’s microphone. They prohibit tents, we improvise tents that are not tents, but what nomads used before Northface.” </p></blockquote>
<p>Es geht nicht um die Auswüchse einer protestierenden Arbeiterbewegung, sondern viel mehr um einen Paradigmenwechsel. Was passiert, wenn einer der präferierte Gegenstand volkskundlicher Kulturforschung: unterrepräsentierte Arbeiter-Gruppierungen plötzlich die Vorzeichen wechselt und Mainstream wird? Was Taussig wiedergibt klingt wie die Beschreibung eines clash of culture, was er meint, ist vor allem ein gesellschaftliches Phänomen.</p>
<blockquote><p>„They build buildings higher than the Egyptian pyramids but that allows our drumming to reverberate all the louder and our projections of images and e-mails at night be all the more visible and magical taking advantage of the mega screens that the facades of these great buildings provide. They prohibit electric generators that we use for computers and cell phones, we set up bicycles that can generate power and people who would otherwise gasp and take photographs get into the movement. They become Dionysian and not just Apollonian” </p></blockquote>
<p>Der Vortrag ist zuende und wir bleiben zurück mit der Frage, wie politisch, subjektiv und emotional darf Forschung sein ? ….<br />
Wir haben einen Ethnograph gehört, der das Gefühl einer gesellschaftlichen Bewegung erforscht hat. Das war nicht die Beschreibung eines Zeltlagers.</p>
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		<title>Shitstorm</title>
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		<pubDate>Thu, 23 Feb 2012 14:05:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Gianna</dc:creator>
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		<description><![CDATA[<p>Zum Loanword des Jahres 2011 ist der &#8220;Shitstorm&#8221; gewählt worden <a href="http://t.co/XbYfTTPb! " title="http://t.co/XbYfTTPb! " target="_blank">http://t.co/XbYfTTPb! </a><br />
Wenn das mal nicht zum Thema passt <img src='http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':-)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Beispiel gefällig? Die Storify-Collection eines <a href="http://storify.com/floriangossy/der-liveticker-und-der-shitstorm" target="_blank">Liveticker-Shitstorm</a>: <a href="http://storify.com/floriangossy/der-liveticker-und-der-shitstorm" target="_blank"><img src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/02/storify_shitstorm.png" alt="" title="storify_shitstorm" width="647" height="519" class="alignleft size-full wp-image-1474" /></a>&#8230; <a href="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/2012/02/shitstorm/" class="read_more">mehr dazu</a></p>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Loanword des Jahres 2011 ist der &#8220;Shitstorm&#8221; gewählt worden <a href="http://t.co/XbYfTTPb! " title="http://t.co/XbYfTTPb! " target="_blank">http://t.co/XbYfTTPb! </a><br />
Wenn das mal nicht zum Thema passt <img src='http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-includes/images/smilies/icon_smile.gif' alt=':-)' class='wp-smiley' /> </p>
<p>Beispiel gefällig? Die Storify-Collection eines <a href="http://storify.com/floriangossy/der-liveticker-und-der-shitstorm" target="_blank">Liveticker-Shitstorm</a>: <a href="http://storify.com/floriangossy/der-liveticker-und-der-shitstorm" target="_blank"><img src="http://www.zeitschrift-fensterplatz.de/Ablage/wp-content/uploads/2012/02/storify_shitstorm.png" alt="" title="storify_shitstorm" width="647" height="519" class="alignleft size-full wp-image-1474" /></a></p>
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