Fünf Jahre studentisches Symposium des Arbeitskreises EuroEthno und des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie Bamberg

Alexander Riedmüller

Der Arbeitskreis Europäische Ethnologie Bamberg ( AK EuroEthno ) wurde im Frühjahr 2008 von interessierten Studierenden und Doktoranden des Faches Europäische Ethnologie und benachbarter Disziplinen der Universität Bamberg gegründet. Zentrales Ziel der von ihm ausgehenden Projekte und Initiativen ist der gegenseitige Austausch und die Vernetzung von Studierenden und Lehrenden des ‚Vielnamenfaches‘ Europäische Ethnologie / Volkskunde / Empirische Kulturwissenschaft / Kulturanthropologie und dessen Nachbardisziplinen.

Neben der Übernahme der Organisation und Durchführung der Semesterabschlussfeste (Winter- und Sommerfest) und eines Studierendenstammtisches (seit 2008), eines EuroEthno Picknick s und eines Kennenlernrundgangs für Erstsemerstler_innen und Interessierte durch Bamberg , sowie gemeinsamen Fahrten und Besuchen von Studierenden zu/von Fachtagungen, Ausstellungen und Veranstaltungen, veranstaltet der AK EuroEthno seit dem Sommersemester 2010 thematische Filmabende mit anschließenden Diskussionsrunden (seit 2011 gemeinsam mit dem Arbeitskreis Bauforschung/Denkmalpflege).

Herzstück der Arbeit des AK EuroEthno bildet jedoch das Studentische Symposium der Europäischen Ethnologie .

Quo vadis Europäische Ethnologie?

Euro-Ethno Picknick

Bereits in seinem Gründungsjahr 2008 wurde unter dem Titel „Quo vadis Europäische Ethnologie?“ ein erstes Symposium der Studierenden des Faches abgehalten. Neben Beiträgen zur Geschichte und zu(r) universitären Verortung(en), fachliche(n) (Neu-)Ausrichtung(en), Grenzen und Grenzlinien des Faches standen hierbei disziplinäre wie disziplinierende Herausforderungen, Anforderungen und – auch dies soll hier nicht verschwiegen werden – die für Studierende und Dozierende im Zuge der Umsetzung des Bologna-Prozesses aufgetretenen Zumutungen und Überforderungen auf der Tagesordnung.

Durch das große und über das engere Fach hinausreichende Publikumsinteresse und die intensiven Diskussionen bezüglich der anstehenden (Neu-)Ausrichtung von Studium und Studiengängen im Anschluss an dieses erste, noch weitgehend improvisierte und ‚interne‘ Symposium, reifte unter den Mitgliedern des AK EuroEthno noch im Herbst 2008 die Absicht, das Studentische Symposium der Europäischen Ethnologie fest in Bamberg zu etablieren.

Intellektuelle Lebenswelten

Bereits ein knappes halbes Jahr nach diesem Entschluss folgte am 4. Januar 2009 unter dem Titel „Intellektuelle Lebenswelten. Theorie und Praxis einer studentischen Laufbahn“ ein zweites Symposium. Nun öffentlich und erstmals mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen aus unterschiedlichen Universitätsstandorten und Disziplinen.

Neben der kritischen Reflexion der fachlichen wie persönlichen Identitätsfindung in den Kultur- und Geisteswissenschaften aus der Sicht von Studierenden und Lehrenden, rief die Veranstaltung zu einer eingehenden Rückschau auf das zurückliegende Jahr der Geisteswissenschaften 2008 auf.

Vor dem Hintergrund eines zunehmenden gesellschaftlichen, ökonomischen wie politischen Rechtfertigungsdrucks an die Geisteswissenschaften, gingen die Referierenden in ihren Vorträgen „ Der Studierende als Showmaster oder Die Kunst, die Fragen zu stellen, deren Antworten man schon weiß “ (Michael Schmitt, Bamberg); „ Ehr(Furcht)? Über den Schrecken des wissenschaftlichen Diskurses “ (Arthur Depner, Bamberg); „ Seitenblicke. Ein Exkurs in das kunsthistorische Sehen “ (Heidrun Lange, Augsburg); „ Historiker als Stütze der Gesellschaft. Analyse von Herrschaftsbedingungen und Aktualisierung populärer Geschichtsbilder “ (Manuel Manhard, Augsburg); „ Sozioprudenz. Zu einer Neuakzentuierung der Kultur- und Sozialwissenschaften “ (Joachim Fischer, Bamberg) und „ Denk’ nicht, sondern schau’!. Sieben pragmatische Aphorismen über die Geisteswissenschaften “ (Stefan Petzuch, München) auf Chancen aber auch Risiken ‚geistes- und kulturwissenschaftlicher Lebensentwürfe‘ ein. Neben eigenen Studien- und Berufserfahrungen wurden unterschiedliche Argumentationsstrategien und Leistungen der unterschiedlichen kultur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen thematisiert. Dies jedoch ausdrücklich ohne, dass sich die Referierenden auf die Ebene rein marktwirtschaftlicher ‚Nützlichkeitsdebatten‘ begaben. Es verwunderte daher nicht, dass auch die Teilnehmer_innen der nachfolgenden Diskussionsrunden wiederholt die fortwährende Infragestellung vorgeblich marktrationaler ‚Nützlichkeiten‘ und das Fragen nach dem gelebten Alltag, Denken und den Bedürfnissen von Menschen jenseits ‚normierter bzw. normierender Lebensentwürfe‘ und dem Denken in ‚gesellschaftlichen Eliten‘ als zentrale Leistung und Forschungsaufgabe der Geistes- und Kulturwissenschaften herausstellten. Abschließend forderten Referierende und Diskutierende, dass Kultur- und Geisteswissenschaften sich nicht länger in die Ecke eines ‚exzentrisch-orchideenfachhaften Elfenbeinturms‘ drängen lassen dürften, sondern offensiv und selbstbewusst auf ihre je spezifischen Leistungen und Beiträge für die Gesellschaft verweisen müssten. Bescheidenheit und ‚Minderwertigkeitskomplexe‘ seien hierbei ebenso unangebracht, wie falsches Elitedenken und Überlegenheitsdünkel gegenüber den wirtschafts- und naturwissenschaftlichen Fächern. Leidenschaftliche Auseinandersetzung provozierte schließlich die Forderung Manuel Manhards, Historiker hätten mit ihrer Arbeit stets gesellschaftsfördernd tätig zu sein. Jene wurde von der Mehrzahl der Diskutanten mit dem Hinweis auf die geistige Unabhängigkeit als unabdingbare und nicht verhandelbare Grundlage wissenschaftlicher Tätigkeit abgelehnt.

Trotz eines weitestgehend positiven Feedbacks auf die Symposien der Jahre 2008 und 2009, zeigte sich anhand von Diskussionsbeiträgen und Rückmeldungen rasch, dass die hohe Attraktivität des Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie weniger von Themen und Prozessen persönlicher Selbstfindung und -verortung, als vielmehr von der Gelegenheit zum intensiven interdisziplinären und interuniversitären Austausch ausging. Insbesondere die Möglichkeit(en) des Kennenlernens von Fragestellungen, Projekten, Theorien, Arbeitsweisen, Blickwinkeln und Themenfeldern der je ‚Anderen‘ erwiesen sich sowohl für Organisierende als auch für Teilnehmer und Teilnehmerinnen der Symposien als inspirierend für die eigene wissenschaftliche Tätigkeit und beförderte bei allen Beteiligten wesentlich ein tieferes Verständnis der je eigenen und ‚fremden‘ Disziplinen und ihrer jeweiligen Forschungsschwerpunkte.

Grenzen und Grenzüberschreitungen

Infolge dieser Überlegungen veranstaltete der AK EuroEthno am 23. Januar 2010 unter dem Titel „ Grenzen und Grenzüberschreitungen “ erstmals ein dezidiert interdisziplinär ausgelegtes Symposium zu einem festgelegten Themenbereich.

Leitungs- und Symposiumsteam des AK EuroEthno: Gudrun Schwenk, Marius Meinhof und Alexander Riedmüller

Das Ziel dieses 3. Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie war es, die überaus zahlreichen Facetten des Begriffs ‚Grenze‘ auf der Grundlage unterschiedlicher Zugänge und Themenfelder über Fach- und Institutsgrenzen hinweg zu thematisieren. Der Begriff ‚Grenze‘ stand für die Symposiumsteilnehmer_innen dabei für eine Vielzahl unterschiedlichster Konzepte und Bedeutungsebenen, welche von topografischen und politisch-administrativen ‚Grenzlinien‘ bis hin zu kulturellen, ideellen und analytischen ‚Entgrenzungsphänomenen‘ reichten.

In ihren Vorträgen: Die Grenzen des Zumutbaren. Kulturelles Erbe zwischen eigen und fremd “ (Anamaria Carabeu, Bamberg); „ Frühmittelalterliches Egerland – Grenzregion oder Kontaktgebiet “ (Jan Hasil, Bamberg/Prag); „ Kultur oder Natur? Die Grenze aus anthropologischer Sicht “ (Arthur Depner, Bamberg); „ Die Idee vom dritten Rom und die Übernahme der russischen Zarenwürde (Janis Witowski, Bamberg/Heidelberg) gingen Referenten und Referentinnen ausführlich auf die unterschiedlichen Dimensionen und Bedeutungsebenen des Begriffs ‚Grenze‘ ein. Neben historischen, ökonomischen, sozialen, theoretischen und definitorischen Annäherungen an den Begriff der ‚Grenze‘ stand die Frage, wie ‚alte‘ Kategorien, Fachdefinitionen, Methoden und Ansätze geistes- und kulturwissenschaftlicher Disziplinen angesichts einer sich rasant verändernden gesellschaftlichen und universitären Umwelt angepasst und in dieser sinnvoll angewandt und weiterentwickelt werden können im Mittelpunkt des 3. Studentischen Symposiums der Europäischen Ethnologie.

Auch die nachfolgende Abschlussdiskussion war geprägt von der zentralen Überlegung, welche neuen Zugänge, Theorien, Methoden, Kategorien, Strukturen, Regeln und ‚Grenzen‘ wissenschaftlichen Denkens und Forschens sinnvoll und welche nur dem Zeitgeist und/oder einem reflexhaften Aktionismus aufgrund überzogener (Er-)Neuerungsforderungen aus Politik und Wirtschaft geschuldet seien. Die Aufforderung der Teilnehmer_innen des Symposiums zur intensiveren Auseinandersetzung mit eigenen psychischen, physischen wie intellektuellen ‚Grenzen‘ und ‚Grenzerfahrungen‘, sowie die Forderung nach einem ehrlichen Austausch über Themen wie ‚Überforderung‘ und ‚ burn out ‘ zwischen Studierenden, Lehrenden und Bildungspolitikern, bildeten einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion. In diesem Zusammenhang wurde von den unterschiedlichen Akteuren mehr Mut beim Setzen von ‚Grenzlinien‘, aber auch beim Eingestehen der eigenen Unkenntnis und Respekt vor den ‚Grenzen des Anderen‘ eingefordert. Eine kontrovers zwischen Anhängern der Rückbesinnung auf den traditionellen Fachkanon und Verfechtern einer prinzipiell geltenden Offenheit des wissenschaftlichen Forschungsinteresses geführte Debatte um die Grenzen des Denk- und Machbaren bei deren Überschreitung Geistes- und Kulturwissenschaften Gefahr laufen, sich selbst, ihre Forschungsfelder und Inhalte aufzugeben, bildeten den Abschluss der Veranstaltung.

Innovation und Vergessen

Den roten Faden des 4. Studentischen Symposiums bildete am 22. Januar 2011 das Thema „Innovation und Vergessen “. Als Dauerthemen der späten Moderne stellen ‚Innovation und Vergessen‘ ein prägendes Element sowohl von Kultur- und Gesellschaftstheorien als auch des alltäglichen (Er-)Lebens breiter Bevölkerungsschichten dar. Gesellschaftliche Selbstbeschreibungen wie ‚traditionell‘‚konservativ‘, ‚modern‘ oder postmodern‘ verweisen auf Verwerfungen und Traditionsbrüche, bei denen – nicht nur im populären Diskurs – Innovation häufig mit Fortschritt‘, Vergessen hingegen mit ‚Stagnation‘ und ‚Rückschritt‘ gleichgesetzt werden.

Die auffällig breite thematische Spannweite der Vorträge des 4. Symposiums spiegelte dabei sowohl die hohe Aktualität wie auch die wissenschaftliche Relevanz des Untersuchungsfeldes. So reichten die Vortragsthemen „ Vom Social Network zur Global Community: www.kythera-family.net “ (Alexander Riedmüller, Bamberg), über das „ Das Logos in der digitalen Sphäre. Innovation und Vergessen religiöser Konzepte in Diskursen auf internetbasierten Plattformen “ (Benedikt Kroll/Noah Franc, Frankfurt am Main), die „ Implementierung von Wissensmanagement und IT-Strukturen in Unternehmen “ (Marius Meinhof, Bamberg) und „ Zwischen Innovation, Kassation und Tradition – die Sichtungszeit in der Herrnhuter Brüdergemeine und ihre Bewertung im Wandel “ (Stephanie Böß, Bamberg), bis hin zu „ Innovation und Vergessen im akademischen Betrieb “ (Simon Dudek, Bamberg). Gemeinsam mit dem anschließenden Kabarett-Vortrag „ Innovation-Vergessen-Euro-Europa-Ethnik des Bamberger Künstlers Roman Tick, näherten sich Referierende und Besucher sowohl diachron als auch synchron der Thematik des Symposiums an. Aktuelle Praxen und Diskurse von ‚Globalisierung‘,‚Enttraditionalisierung‘,‚Deterritorialisierung‘ und ‚Medialisierung‘ von Menschen und Wissensbeständen standen hierbei ebenso im Fokus der Referenten_innen, wie historische ‚Innovations- und Vergessensvorgänge‘.

In den auf die Vorträge folgenden Diskussionen wurden nie dagewesene Neuheiten von den Teilnehmer_innen des Symposiums als auf Überkommenem fußende Innovationen kritisch hinterfragt, scheinbare Brüche und Verluste als Ergebnisse gezielten und gesteuerten Vergessens beschrieben und Vergessen als Voraussetzung für Innovation thematisiert.

Weniger ‚Innovation‘ sondern Vorgänge des ‚Vergessens‘ bildeten den Zentralen Gegenstand der Abschlussdiskussion. Gemeinsam mit Teilnehmern_innen des Symposiums stellten sich die Referierenden den Fragen, welches Vergessen überhaupt als solches wahrgenommen und dann als Bruch, Innovation oder Traditionsverlust beschrieben wird, und warum welches Vergessen vergessen wird. Auch wurde der eigene Umgang mit Innovationen im Alltag thematisiert und gemutmaßt, dass von breiten Teilen der Bevölkerung vieles aufgrund mangelnder historischer Kenntnisse und gezielter medialer Beeinflussung gar nicht (mehr) als Innovation oder Vergessen wahrgenommen werde. Auch wurde betont, dass Menschen alters- und milieuabhängig unterschiedlich auf Innovation und Vergessen reagieren. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, was Innovations- und Vergessensprozesse bei jenen bewirken, die ‒ aus welchen Gründen auch immer – nicht ‚schnell genug‘ sind, um ‚mithalten‘ zu können oder zu wollen und daher häufig auf’s gesellschaftliche Abstellgleis verschoben würden. ‚Innovation‘ sei einerseits unabdingbare Grundlage des Fortschritts. Andererseits müsse die allerorten postulierte Notwendigkeit zur permanenten Innovation und Neuerfindung vor dem Hintergrund der mit diesen Innovationen verbundenden Vergessens- und Verdrängungsvorgänge, welche nicht selten zu elementaren psychischen, physischen und emotionalen Krisen- und Verlusterfahrungen führten, kritisch hinterfragt werden. Der Prozess des Vergessens sei hierbei häufig kein passiver Vorgang, welcher sich angeblichen Naturgesetzen folgend ‚von allein ereigne‘, sondern ein von unterschiedlichen sozialen Gruppen (Werbung, Politik, Wirtschaft) gezielt gewolltes und herbeigeführtes ‚Vergessen machen‘. Eingefordert wurde daher sowohl die kritische wissenschaftliche Reflexion und Analyse bestehender Innovations- und Vergessensmodelle, als auch das ernst nehmen von Widerständigkeiten jenseits einer vorschnellen Etikettierung als ‚Heimattümelei‘,‚Ewiggestrigkeit‘, ‚gefühlsschwangerer Nostalgie‘ und einer allgemeinen Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit im wissenschaftlichen Diskurs.

Neue Helden

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse, entschied sich das Symposiumsteam des AK EuroEthno des 5. Symposiums für das bewusst provokant gestellte Thema „Neue Helden braucht das Land!? – Von Achill bis Guttenberg “.

Am 21. Januar 2012 gingen die Referierenden in ihren Beiträgen „ Vic Mackey – Al Capone mit Dienstmarke. Der Protagonist als Antiheld. Merkmal des zeitgenössischen amerikanischen Fernsehens “ (Eric Buhse, Marburg); „ Christophorus – ein heiliger Held?! “ (Eva Dotterweich, Bamberg); „ Ich bin ein Held! – Was muss ich tun? “ (Benedikt G. Kroll, Frankfurt am Main) und „ Delokalisierte Helden. Identitäre Narrative der griechischen Diaspora Australiens “ (Alexander Riedmüller, Bamberg) auf Genese, Darstellungsweisen und Protagonisten von Helden, Heiligen und Antihelden in unterschiedlichen Mediengattungen und deren diachronen Wandel ein. Strategien von Freiwilligen in der Seniorenbetreuung und deren Umgang mit patientenkonstruierten Erwartungskomplexen im Rahmen von internationalen Jugend-Freiwilligendiensten wurden dabei ebenso thematisiert wie Formen und Motivationen popularer Heiligenverehrung des Heiligen Christophorus oder mediale Ethnizitätskonstrukte griechischstämmiger Migranten via biografischer und identitärer Narrative und Heldengestalten in Online-Netzwerken und virtuellen Kulturarchiven.
In den auf die Vorträge folgenden Diskussionen wurden von den Symposiumsteilnehmer_innen zunächst grundsätzliche Fragen nach der Definierbarkeit und gegenseitigen Abgrenzbarkeit von Held und Antiheld aufgeworfen. In ihren Antworten wiesen die Referierenden wiederholt auf die engen erzählerischen und psychologischen Zusammenhänge und gegenseitigen Bedingtheiten von Held und Antiheld hin. Auch wurde im Rahmen mehrerer Diskussionen die Frage nach der sozialen, kulturellen und medialen Konstruiertheit von Helden gestellt. Merkmale eines ‚objektiven Helden‘ seien angesichts der sich häufig wandelnden und ambivalenten Bewertung ‚heldenhafter Handlungen‘ nur schwer auszumachen. Was heute als heroisch gelte, könne schon morgen als moralisch verwerflich gelten et vice versa. Im historischen Bewusstsein dieser Relativität stelle sich die grundsätzliche Frage nach der möglichen Vorbildfunktion von Helden. Ausgehend von diesen Überlegungen thematisierten die Teilnehmer_innen des Symposiums den Einfluss kulturell tradierter Rollenbilder, Ideologien, religiöser Vorstellungen und Fragen nach spezifisch ‚männlich‘ und ‚weiblich‘ geprägten Formen des Heldentums und der Heldenrezeption. Auch wurde die Frage, ob ein Heiliger auch ein Held sein könne oder dürfe, oder ob streng zwischen den unterschiedlichen ‚Sphären‘ des religiösen und profanen unterschieden werden müsse am Beispiel der Vita und popularen Verehrung des Heiligen Christophorus kontrovers diskutiert. Im Anschluss an die von mehreren Referenten zitierte Aussage Bertold Brechts: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ (Brecht 1963, S. 114), unterstrichen abschließend sowohl Referierende wie Zuhörende die Notwendigkeit der kritischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Helden. Durch ihr konkretes Handeln könnte Helden und Heldinnen im besten Falle eine echte und sinnvolle Vorbildfunktion zukommen, welche die Ausbildung der eigenen Fähigkeiten, Talente und Kreativität stärke. Im Schlechtesten würden Helden und Heldinnen in Form von Kriegs- oder Überhelden zu gewaltlegitimierenden Zerrbildern ihrer selbst, welche freies Denken behinderten und zur Rechtfertigung menschenverachtender Ideologien missbraucht würden. Vor dem Hintergrund einer oft problematischen Heldengeschichte gelte es daher sehr genau zu prüfen, ob und wann eine Person als Held angesprochen und rezipiert werden dürfe und wann nicht. Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber Helden und Heldentum sei in jedem Falle angebracht.
Ganz im Sinne der gemeinsamen Aufgabenstellung des AK EuroEthno und des Lehrstuhls für Europäische Ethnologie Bamberg Studierenden und Promovierenden des Faches Europäische Ethnologie und dessen Nachbardisziplinen mit dem Studentischen Symposium Möglichkeiten anzubieten eigene Dissertationsvorhaben, Abschlussarbeiten, Hausarbeiten, Projekte, Themen und Ideen in einer anregenden und entspannten Atmosphäre jenseits großer Fachtagungen und Kongresse vorzustellen und mit einem interdisziplinär zusammengesetzten Publikum zu diskutieren, warf auch das 5. Symposium zum Thema „ Neue Helden“ zahlreiche Fragen und Überlegungen auf, deren Beantwortung keine einfachen und schnellen Antworten zuließ und alle Teilnehmenden zu längerem Nachdenken und -forschen anregte.

Im Bewusstsein dieses Umstandes legte und legt das Organisationsteam der Symposien daher besonderen Wert darauf, in diesem Rahmen auch der Vorstellung ungewöhnlicher und/oder experimenteller Themen, Fragestellungen, Arbeitsweisen, Methoden und Theorien, die in einem regulären Studium zumeist nur bedingt eingebracht werden können, Raum zu geben. Sie sind auf dieser bewusst offen gehaltenen Veranstaltung ebenso explizit erwünscht, wie Rückfragen und Anregungen für zukünftige Themenfelder und Fragestellungen des Symposiums und weiterer Tätigkeitsschwerpunkte des AK EuroEthno .

Die Mitarbeit im Arbeitskreis bietet Studierenden dabei zahlreiche Möglichkeiten zur Einbringung eigener Interessen und Fähigkeiten, zum gegenseitigen Austausch, der Vernetzung mit anderen Universitätsstandorten und zur aktiven Unterstützung des Wissenstransfers zwischen Universität und Öffentlichkeit. Nicht zuletzt durch die Vorbereitung unterschiedlicher Veranstaltungen ‒ darunter auch des Studentischen Symposiums ‒ erwerben sich die Studierenden hierbei über das ‚normale Studium‘ hinaus eingehende Erfahrungen und Einblicke in teamgebundenes Arbeiten, Planung und Umgang mit komplexen Organisationsabläufen sowie die Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen, Tagungen und Exkursionen.

Inwieweit diese Form des studentischen Engagements jenseits des Regelstudiums allerdings vor dem Hintergrund gestiegener Effizienzerwartungen und der daraus resultierenden zunehmenden Verschulung von Studiengängen, Zeitnot und der hierdurch zunehmend geringer werdenden disziplinären (An-)Bindung von Studierenden der Bachelor- und Masterstudiengänge auch weiterhin möglich sein wird, muss unter den gegenwärtigen Bedingungen mehr als bezweifelt werden. Ähnlich, wie es der ehemalige dgv-Studierendenvertreter Martin Schultze 2011 in seinem Rückblick auf die dgv-Studierendentagungen befürchtete (vgl. Schultze 2011), stellt sich auch in Bamberg angesichts des ‚Aussterbens‘ der Diplom-/Magistergeneration und des (bisher) ausbleibenden studentischen Nachwuchses aus den Reihen der BA/MA-Generation die Frage nach der Zukunft von Arbeitskreis und Symposium. Es ist zu befürchten, dass auch hier studentische Aktivitäten jenseits von ECTS-Punkten und Modul-Handbüchern bald der Vergangenheit angehören werden. Die Gründe hierfür sind vielfältig, der Mangel an Zeit und das permanente Schielen (oder sollte man korrekter sagen: geschielt werden?) auf Studiendauer, Effizienzsteigerung und die ökonomische Verwertbarkeit des eigenen Handelns sind hierbei jedoch sicherlich nicht die geringsten. Dabei ist es (noch) durchaus nicht so, dass sich viele Studierende der BA und MA Studiengänge nicht stärker in und für ihre Fächer engagieren wollen, sie können es nicht (mehr). Ein schmerzlicher Verlust, wie ich meine.

Der Autor

Alexander Riedmüller, studierte in Stuttgart, Tübingen, Augsburg und Bamberg Europäische Ethnologie, Ur- und Frühgeschichtliche Archäologie und Kunstgeschichte und promoviert am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie Bamberg zum Thema „ Vom Social Network zur Global Community: www.kythera-family.net. Transnationale Migration – Medien – Identität “.
Kontakt: [email protected]

Literatur

Brecht, Bertolt (1963): Das Leben des Galilei. Berlin.

Schultze, Martin (2011): Frei(t)räume – Lost in Perfection? Fensterplatz. Studentische Zeitschrift für Kulturforschung 3 (2011). URL: /freitraume-%E2%80%93-lost-in-perfection/ [02.09.12].

Arbeitskreis Europäische Ethnologie, Bamberg: http://www.uni-bamberg.de/euroethno/leistungen/studium/arbeitskreis-euroethno/ [02.09.12].