Stadterneuerung im Istanbuler Zentrum

Luise Veit

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Attraktives Müllgebiet

Gerüchten zufolge hat sich die städtische Müllentsorgung seit fünf Jahren hier nur sehen lassen, um Müll zu hinterlassen und nicht, um ihn zu entsorgen. Auf den Straßen und in den Kellern sowie Erdgeschossen der vier- oder fünfgeschossigen Häuser gibt es viele Mülllager zu sehen und sie lassen sich – verbunden mit dem Geruch von Urin – bei sommerlichen Temperaturen auch von Weitem riechen. Wenn überhaupt noch Fassadenputz an den Gebäuden besteht, dann ist dieser vom Dreck und Ruß meist grau. Stuckbordüren, Balkone und Erker bröckeln vor sich hin. Hier und da grünt es ungeplant. In den fast gänzlich nicht mehr bewohnten höheren Geschossen lassen sich materielle Aneignungspraxen beobachten: Fenster, Türen und Treppen werden zu Feuerholz verarbeitet, Künstler_innen nutzen die leeren Räume für Streetart, Ausstellungen und die Dreharbeiten von Musikvideos. Köfteverkäufer [1] richten sich mit mobilen Ständen provisorisch in den Häuserskeletten ein.

Einige Straßen weiter und etwas den Hügel hinab sieht es noch wohnlicher aus und weiße Wäsche hängt zwischen grauen Häuserfassaden. Unter Erasmusstudierenden als Erstwohnsitz und für Taxim-Partygänger_innen als Wochenendübernachtungsort, wird Tarlaba?? gerade in. Die Lage ist zentral und die Mieten sind vergleichsweise günstig.
Tarlaba?? ist ein Stadtteil in Istanbul, nur zehn Minuten vom zentralen Taxim-Platz und einen Katzensprung von der Istiklal -Einkaufs- und Partymeile entfernt. Teile des Viertels werden seit 2006 im Rahmen eines städtischen Erneuerungsprojektes top down gentrifiziert.
Dort, wo das Viertel auf die dicht befahrene Hauptverkehrsstraße, den Tarlaba?? Boulevard , stößt, ist bereits seit Mitte April 2012 das neue, „gesunde, saubere und sichere“ (Beyo?lu Belediyesi 2012, Übersetzung Franziska Klaas) Gesicht des Quartiers auf werbenden Großplakaten zu sehen. 2015 soll dies zu Ende kreiert sein und „neue Möglichkeiten für diese Nachbarschaft“ (ebd.) eröffnen.

Historische Entwicklung von Tarlaba??

Ein Großteil der Häuser wurde Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts von armenischen Architekten geplant und zunächst primär von Nichtmuslim_innen mittleren Einkommens bewohnt. (Vgl. Dinçer 2011, S. 54) In den 1950er Jahren verlor das Viertel seine ursprüngliche Bewohnerschaft in Folge des wachsenden Nationalismus in der Türkei. Kurd_innen aus dem Südosten, Roma, Prostituierte, Transsexuelle, Migrant_innen aus Anatolien, sowie illegalisierte Flüchtlinge – gesellschaftliche Gruppen, die über wenig ökonomisches Kapital verfügen – zogen im Laufe der Jahre in die Häuser ein.
Aufgrund seines spezifischen architektonischen Charakters wurde das Viertel 1993 zu einem „Konservationsgebiet“ erklärt (vgl. ebd.), in dem die Bausubstanz erhalten werden solle. Ironischer weise ließ die städtische Regierung die Häuser verkommen und vernachlässigte die Infrastruktur. Es gibt zum Beispiel keine der sonst in Istanbul so zahlreichen Banken, da sich noch kein greifbares ökonomisches Kapital angesammelt hat. Regelmäßig führt die Polizei Kontrollen auf der Suche nach Drogen und illegalisierten Flüchtlingen durch. Türkische Zeitungen berichten sehr gern auf Seite drei von kriminellen Machenschaften in Tarlaba?? . [2] Die Bewohner_innen werden – wie ihre heruntergekommenen Häuser – seit Jahren von Politiker_innen, Bürokrat_innen und den Medien als ‚Schmutz‘ stigmatisiert, den es nun zu beseitigen gilt. (Vgl. ebd., S. 49)

Städtisches Erneuerungsgebiet

Eine richtungsweisende gesetzliche Basis für das Erneuerungsprojekt bekam der Hauptakteur, die von der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) regierte Beyo?lu -Kommunalbehörde, mit dem 2005 in Kraft getretenen Gesetz zur Restaurierung von Stadtgebieten. [3] Das Gesetz bestimmt die entsprechenden Viertel, [4] enthält Anweisungen für die Vorbereitung und Durchführung der Sanierungsprojekte sowie zu den involvierten Akteur_innen, zur späteren Nutzung der Gebiete und zur Supervision der Projekte. Offiziell wird eine Anpassung der Häuser an „gegenwärtige Bedürfnisse und moderne Standards“ (Projekthomepage zitiert nach Letsch 2012, eigene Übersetzung) angestrebt.

Zur Legitimierung des Großprojektes wurde ergänzend die Erdbebengefährdung Istanbuls herangezogen. 90 Prozent des Istanbuler Stadtgebietes sollen von Erdbeben bedroht sein. Genutzt wurde hierfür das 2007 entstandene ‚urbane Transformationsgesetz‘ zur Erdbebensicherung. Es beinhaltet die Legitimation für Totalabrisse unsicherer Wohnviertel und die Enteignung von Grundbesitzer_innen, denen lediglich neuer Wohnraum mit besserer und kostspieliger Bausubstanz, aber geringerer Fläche zum Ausgleich angeboten werden soll. (Vgl. Staud 2012) In der Praxis wurde es bisher wie in Tarlaba?? umgesetzt, um im Rahmen neoliberaler Landspekulationen wirkmächtig marginalisierte Bevölkerungsgruppen zu vertreiben. [5]

In Tarlaba?? schloss die Kommunalbehörde, die sich als Mittler zwischen den verschiedenen Interessengruppen präsentiert, einen Vorvertrag mit der Privatfirma GAP In?aat , einer Subfirma des Unternehmens Galicik Holding , welches unter anderem auch in der Textil- und Telekommunikationsbranche tätig ist. Mit diesem Vertrag wurde GAP In?aat die Verantwortung für die Vorbereitung und Durchführung des mit 500 Millionen Dollar kalkulierten Tarlaba?? Erneuerungsprojektes übertragen. Laut dem privaten Investor hätten 60 Prozent der Landbesitzer_innen dem Abkommen, das unter anderem den Auszug der Bewohner_innen vorsieht, zugestimmt. Zum Teil in Griechenland oder Armenien lebende Besitzer_innen, die das Abkommen nicht unterstützen, erklärten, sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gerichtet zu haben. (Vgl. Dinçer 2011, S. 55)

Zu Projektbeginn hatte sich eine Vereinigung aus Hausbesitzer_innen und Mieter_innen (die sich zu etwa 75 Prozent aus der lokalen Bevölkerung zusammensetzte) gebildet, um mit der investierenden Firma über höhere finanzielle Entschädigungen zu verhandeln. (Vgl. ebd., S. 54) Der ausgehandelte Deal sei laut einer GAP In?aat -Mitarbeiterin ein Abkauf des Wohnraums oder eine Umzugsunterstützung, sowie spätere Mietübernahme für Mieter_innen gewesen. [6] Trotzdem gingen vor allem diese aus der dem Verhandlungsprozess folgenden Praxis wohl als Verlierer_innen hervor. Viele sollen viel zu wenig Geld oder keine Entschädigungen für ihre Wohnräume bekommen haben. Sie haben diese bereits verlassen. Andere Nachbar_innen sollen von Unbekannten durch Verwüstungen ihrer Häuser vertrieben worden sein. [7] Einige wenige Bewohner_innen leben unter prekären Bedingungen noch heute (im Mai 2012) an ihren Wohn- und Arbeitsorten.

Eine Gerichtsklage der türkischen Architektenkammer, die exemplarisch für viele andere steht, geht nur langsam voran. (Vgl. ebd.) Sie beklagt die Zerstörung historischer Bausubstanz durch das Erneuerungsprojekt.

Situation der Bewohner_innen

Für die gegenwärtigen bzw. vormaligen Bewohner_innen ist es jedoch viel mehr eine Frage des Überlebens als eine kulturhistorische Frage, wie sie sich aus der architektonischen Perspektive stellt. Einige Bewohner_innen des Viertels selbst schaffen Müll aus anderen Nachbarschaften zu nicht legalen Erwerbszwecken herbei. Eilig sortieren Männer, Frauen und Kinder in Kellern ihr Sammelsurium. Was nicht verwertbar ist, wird in Wärme und Licht spendenden Tonnen auf der Straße vor den Häusern verbrannt. Müllsammler_innen, oft Kurden_innen und Roma, verlieren durch die Sanierungsmaßnahmen nicht nur ihren Wohn-, sondern gleichzeitig ihren zentralen Arbeitsort. Was ihnen an ihren neuen Wohnorten erhalten bleibt, ist die Marginalisierung. Diese wird auch an den neuen Wohnhäusern, welche das Beyo?lu -Rathaus für sie vorsieht, spürbar sein. Es sind oftmals nach der Großwohnhausverwaltung der Türkei benannte TOKI -Hochhäuser, in die die Stadt ihre unliebsamen Bewohner_innen verfrachten will – 32 Kilometer vom Tarlaba?? entfernt. Aus dieser selbst für Istanbuler Verhältnisse peripheren Lage ist es nur schwer möglich, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an zentrale Punkte des Stadtlebens zu gelangen. Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, ist es für die jüngeren Generationen jedoch unerlässlich an zentralere Orte zu pendeln. Ältere Menschen bleiben tagsüber in der Anonymität der Hochhäuser vereinsamt zurück. Durch den Zuzug von Gruppen nach Tarlaba?? , die schon in ihren ländlichen Herkunftsorten in engem Kontakt standen, wurden soziale Netzwerke erneut etabliert, modifiziert und ausgebaut. Viele der älteren Menschen sprechen daher kein Türkisch, was die Abhängigkeit von der jüngeren Verwandtschaft noch verstärkt. Ökonomische Vorteile ergeben sich am ehesten für beteiligte, private Unternehmen. (Vgl. Basdas 2012)

Reinigungsprojekt

Das Tarlaba?? -Projektgebiet umfasst neun Blocks und 278 Gebäude. 70 Prozent der Häuser sollen zunächst abgerissen, die historischen Fassaden jedoch beim Neubau rekonstruiert werden. Innenhöfe sind angedacht und entstehender Raumverlust soll durch zusätzliche Etagen ausgeglichen werden. Tiefgaragen sollen die Bewohner_innenfahrzeuge schützen. Um das Sicherheitsgefühl der neuen Nachbarschaft noch zu verstärken, ist der Zugang zu den Häusern mehrheitlich über die Innenhöfe angedacht. (Vgl. Dinçer 2008, S. 239-258) Ziel ist es, zentralen, attraktiven, „gesunden und lebbareren“ (GAP In?aat, S. 4, eigene Übersetzung) Wohnraum für eine weiße, gut situierte Mittelschicht in einer homogenen und ‚sauberen‘ Nachbarschaft zu schaffen, die ihre Wäsche im Trockner und nicht wie die jetzigen bzw. vormaligen Bewohner_innen über die Straße gespannt trocknet. Das Verschwinden der Wäsche aus dem öffentlichen Raum deutet eine neue Form der Privatisierung an. [8]

Der angestrebte Bewohner_innenaustausch lässt sich anhand von Visualisierungen auf der Projekthomepage (Vgl. Beyo?lu Belediyesi 2012) und auf Werbeplakaten vor Ort folgern: Businessmänner laufen auf leeren und durchgängigen Bürgersteigen entlang. Die vormals das Straßenbild prägenden Familien mit zahlreichen Kindern sind verschwunden. Vereinzelt gibt es heteronormative Pärchen, Arm in Arm, die Frau in kurzen Hosen, zu sehen. Touristen sollen nach Tarlaba?? kommen. Für Istanbul ungewöhnlich, werden Fahrräder und, à la Prenzlauer Berg, Vespas imaginiert. Es gibt nichts, was die Fahrt und das Image stört. Der Himmel ist blau und die Farben sind bunt und freundlich. Kein Grau ist mehr zu sehen. Die Reinigung hat nicht nur den Müll, sondern auch die gesellschaftlichen ‚Abfallprodukte‘ – Drogenabhängige, Straßenkinder und Prostituierte – getroffen. Auf der Seite des Tarlaba?? Boulevard sollen dort Cafés mit Außenbestuhlung und Juweliergeschäfte entstehen, wo noch bis vor wenigen Wochen in Kneipen Prostituierte auf ihre Kunden warteten bzw. dies, nach temporären Pausen, erneut tun. Über den mietbaren Geschäften sollen 54 Büros eingerichtet werden, die zu einem Quadratmeterpreis von 6.000 Dollar angeboten werden.

„Sauberkeit gefällt“ | &#0169 Lisa Haizmann

Tarlaba?? steht exemplarisch für zahlreiche Stadterneuerungsprojekte in Istanbul, [9] massive Versicherheitlichungstendenzen in der Türkei, unter anderem auch in Form zahlreicher Gated Communities , sowie die Entwicklung von Innenstädten als Hauptquelle für Kapitalakkumulation und für viele weitere Projekte mit neoliberalem Hintergrund. (Vgl. Harvey 2005)

Die Autorin

Luise Veit, Masterstudentin der Europäischen Ethnologie/Kulturwissenschaft in Marburg, weilte im Frühjahr 2012 in Istanbul, um Anthropologie zu studieren.Den Anstoß sich näher mit Tarlaba?? zu beschäftigen bekam die Autorin durch zahlreiche sonntägliche Marktbesuche im Viertel. Das Verständnis der im Artikel dargestellten Zusammenhänge und Prozesse verdankt sie der Anthropologin, Geografin und Feministin Begum Basdas, welche in einem Seminar zu Urban Studies an der Yeditpepe Universität in Istanbul Tarlaba?? vertiefte.

Anmerkungen

[1] Köfte sind türkische Buletten.
[2] Ich beziehe mich auf ein Seminar zu Urban Studies an der Yeditepe Universität und im Speziellen auf Aussagen meiner Professorin Begum Basdas, welche dieses Seminar leitete. Im Folgenden: Basdas 2012.
[3] Das Gesetz Nummer 5366 zur Konservierung durch Restaurierung und Schutz von baufälligen, historischen und kulturellen Vermögenswerten, wurde am 05.07.2005 verabschiedet. (Vgl. Dinçer 2011, S. 45).
[4] Zehn Prozent des Istanbuler Stadtgebietes wurden als Gebiet mit besonderem Restaurierungsbedarf deklariert. (Vgl. Basdas 2012).
[5] Mit dem Gesetz kann der Stadtumbau schnell vorangetrieben werden. Es macht es möglich, ganze Viertel zu Sanierungsgebieten zu erklären. Das Gesetz zielt darauf ab, die Stadtproduktion durch kleine Akteure zu beenden. Die Sanierungspläne sollen größere Flächen für Großakteure wie die Bau-, Finanz- und Versicherungswirtschaft schaffen. (Vgl. Orhan 2012).
[6] Auskunft von ?eyma Kural vom 11.06.2012.
[7] Zu diesen Aussagen kam ich durch informelle Gespräche mit Anwohner_Innen.
[8] Vgl. für dahin gehende Aussagen zur Wäsche-Thematik: GAP In?aat (o. J.), S. 26-27.
[9] Ein weiteres Paradebeispiel in Istanbul ist Sulukule , ein Stadtviertel nahe der historischen Stadtmauer mit einem hohen Roma-Anteil, welches 1985 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde.

Literatur

Dinçer, Ical (2008): Tarihi Kentlerin Korunmasive Yeniden Düzenlenmesinde Sorumlukve Yeterlik Sorunlar?. In: Memi?, ?efik / Sad?rl?, Fatih (Hrsg.): 3rd International Symposium on the Historical Peninsula: The Book of Notifications: the Heart of Istanbul, the European Capital of Culture, 2010: Historical Peninsula. Eminönü Belediyesi, S. 238-258.

GAP In?aat (o. J.): Tarlaba?? Urban Renewal Project. Istanbul.

Harvey, David (2005): A Brief History of Neoliberalism. Oxford.

Web

Letsch, Constanze (2012): The looted prospect of Tarlaba?? Yenileniyor. 12.03.2012. URL: www.tarlabasiistanbul.com/2012/03/the-looted-prospect-of-tarlabasi-yenileniyor/ [31.08.2012].

Beyo?lu Belediyesi (2012): Tarlaba?? Yenileniyor. URL: www.tarlabasiyenileniyor.com/default.aspx [31.08.2012].

Dinçer, Ical (2011): The Impact of Neoliberal Policies on Historic Urban Spaces: Areas of Urban Renewal in Istanbul. In: International Planning Studies. Istanbul, S. 43-60. URL: www.tandfonline.com/doi/as/10.1080/13563475.2011.552474 [28.08.2012].

Esen, Orhan (2007): „Sie haben sich selbst bedient“. In: taz, 26.01.2007. URL: www.taz.de/1/archiv/archiv/?dig=2007/01/26/a0170 [05.05.2012].

Staud, Toralf (2006): Chaos ohne Kollaps. In: Greenpeace magazin 4 (2006). URL: www.greenpeace-magazin.de/index.php?id=2763 [11.06.2012].

Weitere Quelle

Basdas, Begum (2012), Seminar „Urban Studies” an der Yeditepe Universität (Istanbul).

Abbildungen:

Abb. 1-5 hat Luise Veit in Istanbul Tarlaba?? fotografiert. Abb. 6 ist ein Foto von Lisa Haizmann.