Oder der Stiftkeimgänsehautgedanke

Marie-Kristin Tetzner

Der Gedanke an Bakterien macht mich wahnsinnig. Sie sind überall. In der Luft, auf Gegenständen, auf meiner Haut. Ich kann sie nicht abkratzen, abwischen oder abschmirgeln. Egal wie sehr ich versuche sie zu beseitigen, augenblicklich bringe ich neue Keime in die Luft, auf Gegenstände oder meine Haut.

Der Gedanke an Bakterien macht mich wahnsinnig. Sie sind eine unsichtbare Bedrohung, die auf einen Moment der Schwäche warten, um sich unter gehässigem Lachen und siegessicherem Gejohle auf mir auszubreiten und mich zu zerstören. Ich kann sie bildlich sehen, wie sie mit brennenden Fackeln, Enterhaken und Heugabeln gierig auf meine Haut blicken.

 

Ich bin ein reinlicher Mensch. Ich hasse Staub, hasse Dreck, hasse Schmutz. Hasse und verachte all das, was damit zu tun hat. Ich putze viel, sauge viel, wische Staub. In dem Moment, in dem ich versuche die Sauberkeit, die Ordnung wieder herzustellen, kann ich beobachten wie alles wieder schmutzig wird. Es ist ein endloser Teufelskreis aus Reinigen und Verschmutzen.

 

Wenn ich bei dem Anderen liege, fühle ich mich schmutzig. Ich kann ihn auf meiner Haut riechen, ich kann spüren, wie mein Körper klebt. Überzogen mit schmutzigen Rückständen meiner Tat.

Ich liege da, halte die Augen fest geschlossen und versuche bis Hundert zu zählen. Ich denke, wenn ich bei Hundert angekommen bin, ist genug Zeit vergangen, dass ich es mir selber erlaube aufzustehen und unter die Dusche zu gehen.

Versuche es von mir abzuspülen, abzuwaschen, abzurubbeln, abzuscheuern, abzubürsten.

 

Danach fühle ich mich besudelt. Scharlachroter Schlamm, der jeden Zentimeter meiner Haut bedeckt und mich als Verräterin, als Betrügerin kennzeichnet. Eine Ganzkörperschandmaske. Wenn ich so über und über bedeckt mit dem Schmutz meines Verrates das Haus verlassen würde, würden die Leute auf der Straße stehen bleiben. Sie würden mit dem Finger auf mich zeigen und mit einem abscheuerfüllten Blick den Kopf schütteln. Mütter würden ihren Kindern die Hände über die Augen legen und Geistliche würden ein Kreuz in die Luft schlagen und ein schnelles Gebet sprechen. Dessen bin ich mir sicher.

 

Die Frage ist nur, warum tue ich es überhaupt, wenn ich mich im Nachhinein so schlecht fühle? So schuldig? So schmutzig? So angewidert von mir selbst?

 

Ich drehe den Kopf zu ihm. Sein Atem geht leise und gleichmäßig. Er ist eingeschlafen, während er auf meine Entscheidung gewartet hat, ob ich bleibe oder gehe.

 

Als die Erinnerungen an die letzten Stunden wieder durch meine Gedanken blitzen, verdecke ich ganz schnell mein Gesicht mit meinen Händen. Versuche die Bilder und Geräusche aus meinen Gedanken fernzuhalten, versuche mich davor zu verschließen. Doch je mehr Kraft ich dafür aufbringe, desto schärfer stellt meine Erinnerung den Zoom auf die letzten Stunden. Ich kann mich selbst verräterisch lustvoll keuchen hören, also drücke ich meine Hände ganz fest auf meine Ohren. Bei diesem Unterfangen streift meine Hand meine Nase und das Geruchspotpourri aus Sperma, Schokoladensirup und Gleitgel beflügeln mein Gedankenmartyrium nur noch mehr.

 

Natürlich muss ich jetzt meine Hände doch genauer betrachten und an diversen Fingern lecken, um festzustellen, ob sie nur so riechen oder auch so schmecken. Ich stelle fest, dass ein schwacher Geschmack tatsächlich an ihnen haftet. Also darf ich gleich, wenn ich mich erhebe, um meinen Schandschmutz von mir abzuwaschen, auch meine Hände nicht vergessen. Auch sie muss ich aufs Gründlichste reinigen.

In dem Moment muss ich an eine Warntafel auf irgendeinem Klo dieser Welt denken, auf dem aufs Ausdrücklichste darauf hingewiesen wurde, dass man beim Händewaschen auch zwischen den Fingern gründlich reinigen muss, mindestens 15 Sekunden lang. Nein, liebes Warnschild, ich werde den Bereich zwischen meinen Fingern sicher nicht vergessen.

 

Ich setze mich auf, lehne mich an das weiche Kissen, ziehe die Decke hoch bis unter das Kinn. Kann sehen, wie sich Gänsehaut auf meinen Armen bildet. Wieso ist es so verdammt kalt in diesem Schlafzimmer? Ich verabscheue es, wenn ich Gänsehaut habe. Mein Körper fühlt sich dann an, als wäre er von einem riesigen Ekzem überzogen. Jedes Quadrat meiner Haut ist augenblicklich krank und fremd. Voller Keime. Entsetzlich. Also ziehe ich noch mehr Decke noch fester um mich, bis ich nach kurzem die gesamte Gigadecke um mich geschlungen habe und der Andere ohne Wärmeschutz entblößt dem kalten Raum ausgeliefert ist.

 

Ich denke darüber nach, ob ich Mitleid empfinde. Oder es sollte. Er fängt sicher bald an zu frieren. Hmmm. Nein, eigentlich nicht. Nur wegen ihm bin ich nackt, schmutzig, scharlachrot schändlich und habe Gänsehaut. Obwohl ich mir gerade nicht sicher bin, was von alledem jetzt am schlimmsten ist.

Er sieht ziemlich schutzlos aus, so ohne Decke, ohne Kleider, ohne einen Körper, der ihn wärmt. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, einen Kugelschreiber aus meiner Tasche zu holen und ihm ein paar Kleidungsstücke auf den nackten Leib zu malen, damit er nicht ganz so weiß und hilflos aussieht. Aber die Idee verwerfe ich dann doch wieder recht schnell aus zweierlei Gründen:

 

Erstens müsste ich dafür aufstehen und ich habe starke Zweifel daran, dass wir, das heißt die Gigadecke und ich, es schaffen aufzustehen, ohne ihn zu wecken. Ohne Gigadecke kann ich auch nicht aufstehen, denn dann hätte ich ja wieder das Problem mit der Gänsehaut. Das wollen wir auf alle Fälle vermeiden.

Zweitens will ich mir nicht wirklich ausmalen, wie die Stiftkeime mit seinen Hautkeimen reagieren. Wahrscheinlich züchten sie zusammen Mutantenkeime, die dann auf mich überspringen. Und das wollen wir definitiv noch viel mehr vermeiden.

 

Der Stiftgänsehautkeimgedanke bringt mich zu einem ganz neuen Problem. Wenn ich es noch nicht mal schaffe, wegen eines Schreibmaterials aufzustehen, wie soll ich es dann erst schaffen aufzustehen, um unter meine sehnlichst ersehnte Dusche zu kommen?

 

Panisch sehe ich mich mit großen Augen im Raum um. Ich muss duschen, muss mich reinigen, muss gereinigt von hier fliehen und das alles am besten so, dass der Andere einfach friedlich weiterschläft und ich ihm und seinem Whiskey-Atem weder Rede noch Antwort stehen muss. Ich versuche, mich an meine Kindheit und die paar Besuche bei meiner Tante zu erinnern, wo ich aus lauter Langeweile nichts Besseres zu tun hatte, als eine ihrer hundert McGyver Kassetten anzusehen. Wie würde Mc-Notfallplan wohl diese Situation entschärfen? Eigentlich bringt mir diese Überlegung überhaupt nichts, denn ein paar Sekunden später muss ich mich selbst dabei erwischen, wie ich über die furchtbare 80er Jahre Frisur des Hauptdarstellers philosophiere und ich werde langsam dösig.

 

Nach einem gefühlt drei Stunden dauernden Seufzen packe ich all meinen Mut zusammen, springe antilopengleich aus dem Bett und lege die Distanz bis zu Bad / Dusche in gefühlten 0,8 Sekunden zurück.

 

Ekel und Entsetzen über die kalkgeränderten Armaturen, das, sagen wir mal, putzüberfällige Klo und die schmutzgeränderte Dusche überfällt mich mit einem Schlag.

Der medienbeeinflusste Teil in mir sieht vor seinem geistigen Auge die Bakterienklokonferenz aus der WC-Reinigerwerbung. Ich seufze, stehe nackt in einem viel zu schmutzigen Bad und merke, wie diverse Fußpilzsorten anfangen meine Zehen zu erobern.

 

Ich bin total überfordert, also tun meine Augen mir den Gefallen und füllen sich mit Tränen – verschwommen sieht alles nicht mehr so schlimm aus.

Was ich tun soll, keine Ahnung. Hier duschen kann ich nicht, sonst muss man mich als nächstes in die Abteilung für tödliche Tropenkrankheiten in die Charité einliefern. Nach Hause kann ich auch nicht, Schmutz und Schokosoße auf meinem Körper, der Schandschlammweg, die entsetzten Gesichter und mein werweißwielangenoch Freund zu Hause halten mich ab.

 

Eigentlich habe ich mich ja schon entschieden, seufzend beginne ich mich damit abzufinden. Außerdem ist mir mittlerweile so kalt, dass die Option, meine Eckelgänsehaut loszuwerden, von Sekunde zu Sekunde mehr Gewicht in meinen Gedanken bekommt.

Auf kalten Fußpilzscharlachrotschmutzzehen tripple ich zurück in das Schlafzimmer des Anderen.

 

Er ist wach, sieht mich an.

 

Ob ich mich wohl davonstehlen wollte, heimlich in die Nacht hinaus, fragt er mich. Seine Stimme ist tief, beruhigend, und dennoch ist der Sarkasmus fehlerfrei rauszuhören. Ich doch nicht, ähm …, ich bin verlegen, mir fehlen die Worte. Meine Gänseekelhaut wird jetzt auch noch rot. Gut, dass es dunkel ist, da sieht er das nicht.

Ein Brummen steigt aus seiner Kehle und ich kann das Blitzen in seinen Augen sehen, eine Mischung aus Belustigung und Begierde.

Dieses Blitzen lässt mich noch röter werden, macht meine Haut jedoch auch gleichzeitig so heiß, dass die Gänsehaut verschwindet.

 

Er wechselt die Position, richtet sich halb auf, geht in die Hocke. Der mediale Teil meines Hirns fühlt sich an einen der 300 erinnert, der sich bereit macht seine Beute zu erlegen.

Der Gedanke, dass ich das Opfer eines Raubtieres werden soll, setzt meinen Körper erneut in Flammen. Vom Scheitel bis zur Sohle, wie es vor einigen Stunden schon mal geschehen ist.

Er springt mich an, zieht mich an sich, gierig und unersättlich. Bedeckt meinen Körper aufs Neue mit Küssen und Keimen.

Er ist der Andere und er weiß es. Doch in diesem Moment will ich nur noch eins mit ihm werden, Schlamm, Schmutz, Dreck, Keime hin oder her. Bevor ich mich endgültig fallen lasse, jagt noch ein letzter Gedankenblitz durch meinen Kopf. Nämlich der, dass ich ihn morgen einfach bitten könnte, das Bad zu putzen, bevor ich ihn von mir abspülen kann. Dieser Gedanke stimmt mich zuversichtlich und auch ein anderer Teil meines Hirns stimmt mir zu: Das macht er sicher, ein solcher Kerl. Ob es jetzt der rationale oder der sarkastische Teil in meinem Kopf war, der mir recht gab, kann ich mir nicht mehr merken. Schon untergräbt der Andere meine Denkfähigkeit und ich beschließe, dass es reicht, wenn ich mir morgen wieder Gedanken mache. Wegen des Schmutzes, der Keime und wegen allem anderen auch.

 

Die Autorin

Marie-Kristin Tetzner, geboren 1986, schreibt im Moment an der Otto-Friedrich Universität Bamberg eine interdisziplinäre Diplomarbeit der Fächer Ethnologie und Germanistik im Bereich der Märchenforschung.