Einblicke in die Lebenswelt Sexarbeit

Barbara Wittmann

Die Denker und Dichter aller Zeiten haben der Kurtisane Barmherzigkeit erwiesen“ (Dumas d. J. 2003, S. 28), schreibt Alexandre Dumas in seinem Roman „Die Kameliendame“, der Giuseppe Verdi als Vorlage für die berühmte Oper „La Traviata“ diente. Die Prostitution ist Motiv unzähliger Romane, Kunstwerke und Filme ? dies liegt nicht zuletzt daran, dass das aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft entrückte Arbeitsfeld gerade durch seine scheinbare Unzugänglichkeit Spielraum lässt für Fantasie und Interpretation. Zugleich faszinieren Bilder von nackter Haut und Szenen aus dem Rotlichtmilieu die Menschen durch ihre Aura der Verruchtheit und durch die Lust am Voyeurismus. Sex, Geld und Huren ? das Thema Prostitution ist medial ständig präsent und wird nicht nur in der Berichterstattung von (Pseudo-)Dokumentationen diverser Privatsender mit emotional aufgeladenen und zugleich abstrakten Begriffen wie Schmutz, Ekel, Scham und Liebe verbunden. Debatten über Legalisierung und Menschenhandel dominierten gerade vor der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine wieder die Medien. Das Thema wird dankbar ausgeschlachtet ? jeder redet mit, kaum einer hat Ahnung ? denn einen tatsächlichen Einblick in den Alltag und die Lebenswelt von Prostituierten können nur diese selbst ermöglichen.

 

Bereits die Vorstellung, dass Sexarbeiterinnen nicht mit Außenstehenden über ihre Tätigkeit sprechen möchten, erwies sich bei meinen Recherchen im Prostitutionsmilieu als falsch. Ganz im Gegenteil ? die meisten meiner Interviewpartnerinnen wiesen mich nicht etwa ab, sondern zeigten sich erfreut darüber, mit einer Person außerhalb ihres Arbeitsumfeldes eine Unterhaltung zu führen, nicht zuletzt deshalb, weil sich dadurch die Möglichkeit ergab, gängige Klischees und Vorurteile zu relativieren. Trotzdem offenbarte sich bereits im Vorfeld der Untersuchung das Hauptproblem vieler Sexarbeiterinnen; die nach wie vor vorhandene gesellschaftliche Stigmatisierung, weshalb eine ständige Versicherung, dass keine Fotos oder Kameraaufnahmen gemacht würden und eine Veröffentlichung auf rein wissenschaftlicher Basis angestrebt sei, nötig war. Rein rechtlich gesehen wurde die langjährige Forderung nach öffentlicher Anerkennung von Prostitution 2002 in Form von ProstG durch den deutschen Staat erstmals aufgegriffen, ein Gesetz, welches die Gleichstellung, Legalisierung und Verortung der Prostitution im Dienstleistungssektor beinhaltet. (Bundesministeriums der Justiz/juris GmbH 2011) Durch die Konnotation mit Begriffen wie Hierarchie, Macht, Geschlecht und die Tabuisierung von polygamer Sexualität steht die Prostitution faktisch aber immer noch in einer dunklen Ecke des gesamtgesellschaftlichen Raumes. Das liegt vor allem daran, dass die jeweilige Sicht auf die Prostitution stark von kulturell determinierten Norm- und Wertvorstellungen abhängig ist, wodurch sie gerade im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften einen äußerst ergiebigen Forschungsgegenstand darstellt.

 

Forschungsstand

Die häufigsten Abhandlungen über das Prostitutionsgewerbe stammen im Bereich der Kultur- und Sozialwissenschaften aus der Geschlechterforschung, welche sich vor allem mit den Entstehungsbedingungen der Sexarbeit im Rahmen einer patriarchalischen Gesellschaftsstruktur beschäftigt und im Wesentlichen in zwei gegensätzlichen Strömungen mündet. Die Theorie der radikal ablehnenden Position entstand im Kontext der Frauenbewegung der 1960/70er-Jahre und vertritt die Überzeugung, dass „Männern ein ungehinderter Zugriff auf den weiblichen Körper zwecks ökonomischer und psychosexueller Ausbeutung und auf die weibliche Sexualität ermöglicht wird.“ (Howe 2009) Diese These beinhaltet eine Kriminalisierung der Freier und Imagination der Prostituierten als Opfer, deren Menschenwürde durch die Ausübung der Sexarbeit verletzt wird. Eine ambivalente bis akzeptierende Haltung basiert weitgehend auf der Grundlage der Arbeiten von Rose-Marie Giesen und Gunda Schuhmann, welche „Prostituierte nicht als Opfer der bestehenden Verhältnisse wahrnehmen, sondern als Expertinnen ihrer eigenen Lebens- und Arbeitswelt“. (Giesen/Schuhmann 1980, S. 4)

 

Zudem wurden in der Vergangenheit gerade im Bereich der Soziologie immer wieder verschiedene Theorien zur Erklärung der Umstände rund um die Ausprägung der Sexarbeit entwickelt. In Bezug auf den Umfang der Arbeit sollen hier als wichtigste Strömungen nur die Milieu-Theorie, welche von ungünstigen Hintergrundbedingungen im sozialen Milieu ausgeht, die wiederum zu einer gestörten Persönlichkeitsentwicklung im Rahmen prostitutiven Verhaltens führen können (vgl. Hübner 2000, S. 29), sowie die Ventil-Theorie, welche eine infolge des erhöhten Geschlechtstrieb des Mannes gesellschaftliche Notwendigkeit zur Prostitution annimmt, da die monogame Ehe zu dessen Bedürfnisbefriedigung nicht ausreichen würde (vgl. 2000, S. 30f.), erwähnt werden.

 

Dass diese Ansätze auf Grund ihres spekulativen und kategorisierenden Charakters in der wissenschaftlichen Forschung mittlerweile kaum mehr eine Rolle spielen, ist vor allem auf das Engagement der Prostituiertenverbände zurückzuführen, die seit den 1990er-Jahren in einem teilweise von starken Auseinandersetzungen mit feministischen Organisationen geprägten Diskurs eine „unreflektierte, mittelschichtsgeprägte, maternalistisch-bevormundende Haltung gegenüber Prostituierten“ (Howe 2009) ablehnten. Da deren vehemente Forderungen 2002 in Form von ProstG aufgegriffen wurden, befasst sich die aktuelle Forschung anstelle der Legitimitätsdebatte vermehrt mit den Umstrukturierungen im Bereich der Sexarbeit. (Vgl. Choluj/Gerhard/Schulte 2010, S. 1f.). Dazu heißt es: „Die zunehmende Mobilität der Menschen durch die Globalisierung und das ökonomische Gefälle zwischen den einzelnen Ländern sind sicherlich ausreichende Gründe, sich dem Prostitutionsdiskurs trotz aller Schwierigkeiten zuzuwenden.“ (Ebd., S. 2)

 

Während 1994 der Wiener Soziologe Roland Girtler anhand seiner Feldforschungen im Rotlichtmilieu noch den Versuch einer Typologisierung von Prostituierten, Zuhältern und Freiern unternahm (vgl. Girtler 2004, S. 15f.), liegen aus den vergangen Jahren vor allem Studien zum Zusammenhang von Sexarbeit mit Problemen der Migration aus wirtschaftlich schwächeren Ländern vor. An dieser Stelle soll zudem darauf hingewiesen werden, dass der Forschungsstand in Bezug auf die Prostitution sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart kritisch zu betrachten ist und teilweise erhebliche Lücken aufweist. Einerseits unterliegt die Herangehensweise an diese Thematik auf Grund ihrer engen Verbindung mit persönlichen Wertvorstellungen gewissen Schwierigkeiten in Hinblick auf die Neutralität des Forschers, andererseits sorgt die Lokalisation des Gewerbes außerhalb des bürgerlichen Milieus häufig für Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme, weswegen auch wissenschaftliche Studien oftmals nicht frei von spekulativen Annahmen und stereotypen Darstellungen sind.

 

Fragestellung und Zugang zum Feld

Ziel der durchgeführten Studie war es, zu untersuchen auf welche Art und Weise eine Selbstverortung innerhalb dieses sozial weitgehend stigmatisierten und tabuisierten Berufsfeldes erfolgt, wobei vor allem die kulturwissenschaftlich relevante Wechselwirkung zwischen Individuum und Gesellschaft im Mittelpunkt des Erkenntnisinteresses stand. Durch die Analyse von Erzählweise und Erzählinhalt sollte festgestellt werden, welche Perspektive die unter insgesamt fünf befragten Interviewpartnerinnen hier exemplarisch ausgewählte Prostituierte Laura in Bezug auf die von ihr ausgeübte Tätigkeit einnimmt und inwieweit dies in Abgrenzung oder in Übereinstimmung mit der auf sie projizierten Sicht erfolgt. Der Studie ist zudem vorauszuschicken, dass die Aussagen von Laura eine persönliche Wahrnehmung widerspiegeln. Daher soll und kann die vorliegende Untersuchung weder als Beitrag zur moralischen Bewertung von Sexarbeit verstanden werden, noch vermag sie ein allgemeines oder repräsentatives Bild von Sexarbeit oder ‚den‘ Prostituierten zu vermitteln. Stattdessen versucht sie mit Hilfe kulturwissenschaftlich-qualitativer Vorgehensweise einen konkreten Einblick in die Arbeits- und Lebenswelt des Forschungssubjektes zu ermöglichen, denn, um mit den Worten des Prostituiertenprojektes Hydra zu sprechen: „Es wurde und wird viel zu viel über Prostitution und Prostituierte gesprochen, jedoch viel zu wenig mit Prostituierten“. (Prostituiertenprojekt Hydra 1991, S. 9f., Hervorhebung i. O.)

 

Der Zugang zum Milieu verlief erstaunlich unkompliziert und einfach, eine Tatsache, die wohl eng mit der Auswahl der Appartementprostitution als Forschungsfeld zusammenhängt. Zum einen waren die Wohnungen durch genauen Adress- und Personenangaben im Internet leicht auffindbar, zum anderen gestaltete sich die Kontaktaufnahme mit den Sexarbeiterinnen durch das Fehlen einer Vermittlungsperson, wie beispielsweise in der Bordell- oder Lokalprostitution vorhanden, direkt und ohne Schwierigkeiten. Außerdem trug die Durchführung der Interviews innerhalb der geschützten und gewohnten Atmosphäre der Appartements zu einer entspannten Gesprächssituation bei. Das starke Entgegenkommen, mit dem die aufgesuchten Prostituierten auf die Interviewanfragen reagierten, war anfangs zwar überraschend, kann jedoch als Reaktion auf ihre ansonsten weitgehende soziale Isolation interpretiert werden, in Verbindung mit dem Bedürfnis, über den eigenen Beruf zu sprechen. Sowohl während der Kontaktaufnahme als auch im Gespräch selbst war das Verhältnis zwischen Forscher und Forschungssubjekt daher meist von wenig Berührungsängsten und einer erstaunlichen Offenheit geprägt.[1]

 

Allerdings betätigen sich im Erhebungsraum fast ausschließlich Frauen osteuropäischer, asiatischer oder afrikanischer Herkunft in der Sexarbeit, wodurch sich die Probeinterviews auf Grund von Kommunikationsproblemen teilweise schwierig gestalteten. Da die Qualität der Analyse erheblich vom Ausdrucksvermögen des Forschungssubjektes abhängig ist, wurde für die diesem Beitrag vorangegangene Studie gezielt nach deutschen Prostituierten als Gesprächspartnerinnen gesucht. Wie sich herausstellte, stehen das Bestreben nach Wahrung der Anonymität und die Angst vor einer Offenlegung der Sexarbeit bei einheimischen Frauen weitaus stärker im Vordergrund als bei ausländischen Prostituierten, weswegen diese häufig nur zu einer telefonischen Auskunft bereit waren und die Sondierung einer geeigneten Interviewpartnerin einige Zeit in Anspruch nahm.

 

Identitätskonstruktion in der Sexarbeit

Zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Januar-Februar 2011 befand sich Laura für die Dauer einer Woche in einer Regensburger Privatwohnung, die sie für die Ausübung ihrer Tätigkeit angemietet hatte. Die ursprünglich in Hamburg beheimatete Prostituierte übt die Sexarbeit deutschlandweit, abwechselnd in verschiedenen Städten aus, wobei ihr Gewerbe nach eigenen Angaben legal angemeldet ist. Vor ihrem Übergang in die Prostitution, der sich vor circa drei Jahren vollzog, absolvierte die zum Zeitpunkt der Datenerhebung 26-Jährige den Realschulabschluss und eine Ausbildung zur Kosmetikerin.

Als maßgebliche Indikatoren für die Konstruktionen der Identität wurden exemplarisch die Bereiche Sexarbeit, Körperwahrnehmung, Selbstverortung sowie das Verhältnis zu Männern und das Thema Doppelleben untersucht, wobei hier nur einige der Themengebiete kurz angerissen werden sollen.

 

Die Sexarbeit

Das ausschlaggebende Motiv für Lauras Entscheidung, ihren Beruf zu wechseln, bildeten finanzielle Schwierigkeiten, mit denen sie sich auf Grund einer Tätigkeit im Niedriglohnbereich konfrontiert sah:

„…da hab ich im Monat 900 Euro verdient und ja … dann kamen Rechnungen und dies und das … und dann konnte ich mir eben gar nicht so vernünftig, großartig was leisten. […] Ich hab‘ in einer Zeitarbeitsfirma gearbeitet. Also jeden Tag von sechs Uhr morgens bis nachmittags um drei Uhr von Montag bis Freitag und Samstag musst‘ ich auch mal ab und zu arbeiten. Also viel gearbeitet für wenig Geld.“[2]

Erste Berührungen mit dem Milieu ergaben sich durch die Freundschaft mit einer bereits seit längerem tätigen Prostituierten, welche Laura in die Sexarbeit einführte. Während die ersten Erfahrungen mit dem Prostitutionsmilieu in so genannten FKK Sauna Clubs stattfanden ist Laura mittlerweile nur noch in der Appartementprostitution tätig, welche gegenüber dem Clubwesen Vorteile wie eine höhere persönliche Freiheit und Eigenständigkeit in der Preiseinteilung gewährleistet. Das problemlose Eingehen von Mietverhältnissen, die Auswahlmöglichkeit an Appartements durch Agenturen oder Inserate in einschlägigen Zeitschriften und das Erstellen einer wöchentlich wechselnden Werbeanzeige im Internet lassen auf den relativ hohen Organisationsgrad der Sexarbeiterinnen in diesem Milieu schließen.

Allerdings verlangt diese Form der Sexarbeit nach Aussagen der Interviewpartnerin auch ein erheblich gesteigertes Maß an Flexibilität und Mobilität so wie den Verzicht auf zuverlässige und stabile Einkommensverhältnisse:

„Das hatte ich auch schon oft, dass ich dann dagesessen bin wie so ein Depp von morgens um zehn Uhr bis nachts um zwei Uhr und ich gar nichts hatte […] also man hat nie die Garantie. Das ist immer so eine fifty-fifty Chance, ob man was verdient oder nicht“

weshalb für die Prostituierte die Notwendigkeit besteht, ihre Verdienstmöglichkeiten durch ein möglichst vielfältiges und rasch wechselndes Städteangebot zu steigern.

Obwohl im laufenden Rhythmus verschiedene deutsche Städte aufgesucht werden, spielen sich Berufs- und Privatleben einzig im begrenzten Umfeld des Appartements ab, welches aus Angst vor finanziellen Verlusten außer zur Lebensmittelversorgung kaum verlassen werden kann. Hält sich die Prostituierte nicht in ihrer Heimatstadt auf, ist die Verwirklichung individueller Bedürfnisse also kaum möglich, weshalb Lauras Identität in dieser Zeit fast ausschließlich auf ihre Tätigkeit als Prostituierte reduziert ist.

 

Schon während der ersten Gesprächsminuten kam Laura auf ihren geplanten Ausstieg aus der Prostitution zu sprechen, da sich ihre Hoffnungen auf eine Verbesserung der finanziellen Verhältnisse nicht bestätigen konnten, „weil viele eben glauben, dass Prostituierte voll die fette Kohle haben und das ist nicht so.“ Die Verwendung des Wortlautes „viele glauben“ setzt die Grundannahme voraus, hierbei handle es sich um eine in der Bevölkerung verbreitete Meinung ? eine Vorstellung, der Laura vor ihrem Einsteig möglicherweise selbst anhing und die sie nun als Expertin ihrer eigenen Lebenswelt richtig stellen möchte. Wie ein roter Faden zieht sich daher die ständige Wiederholung der schlechten Verdienstmöglichkeiten in der Sexarbeit durch das Interview:

„Das zahlst du alles selber. Die Fahrtkosten, die Wohnung, deine Werbung, alles selber. […] Also mir ist es schon auch wirklich mal passiert, dass ich meine Miete bezahlt habe und ich mit dem gleichen Geld, mit dem ich gekommen bin auch wieder nach Hause gefahren bin. Ist mir auch schon passiert, dass ich eine Woche für nichts saß.“

Inwieweit eine Existenzsicherung durch den Verdienst in der Prostitution tatsächlich möglich ist, kann auf Grund dieser Einzelaussage nicht verallgemeinert werden, da gerade Finanzplanung und Geldverbrauch starken individuellen Gewohnheiten unterliegen und Einkommensverhältnisse je nach Bedürfnis subjektiv unterschiedlich bewertet werden. In jedem Fall stellen die Bedingungen jedoch für das Forschungssubjekt eine starke Problematik dar.

 

Körperwahrnehmung

Bereits vor dem tatsächlichen Vollzug sexueller Akte dient der Körper der Prostituierten mittels zahlreicher Nacktfotografien, mit deren Hilfe potenzielle Kunden auf sich aufmerksam gemacht werden sollen, als Werbemittel im Internet. Um ihre Anonymität zu wahren, ist Lauras Gesicht auf diesen Fotografien nicht zu erkennen, allerdings wird viel Wert auf die Ausformulierung des zugehörigen Bildtextes gelegt, der eine Nymphomanie der Sexarbeiterin suggeriert, welche Laura im Interview jedoch negiert: „Ich bin keine Nymphomanin. Aber man muss schon eben ‘nen guten Text rein schreiben, weil sonst keiner kommt. Man muss die Männer in dem Glauben lassen, dass es uns Spaß macht.“

Die Prostituierte geht hierbei von einer, ihrer Meinung nach zumindest im männlichen Teil der Bevölkerung verankerten Vorstellung aus, die Frauen würden mit dem Ausüben der Sexarbeit ihren promiskuitiven Veranlagungen nachgehen, wobei sie diese These wiederum zu ihrem Vorteil nutzt und damit nach außen hin einen Teil ihrer Identität als Prostituierte konstruiert, der nicht mit den tatsächlichen Verhältnissen übereinstimmt:

„B.W.: Gibt es eigentlich auch Männer, mit denen du gerne schläfst?

L: Ne! (lacht ) Ne, also ich bin ehrlich. Es geht mir nur um die Kohle. Ich schalte eh immer meinen Kopf dabei aus. […] Ich denke mir immer: Hoffentlich kommt er schnell. Das ist immer mein Gedanke. Hoffentlich kommt er schnell und ich bin fertig.“

Ähnlich den Ausführungen Roland Girtlers nimmt Laura ihren Körper als eine Art Werkzeug wahr, „[d]ie Prostituierte bietet also die Ware Sexualität – nicht jedoch sich selbst ? an“ (Girtler 2004, S. 269). Dessen Gebrauch wird demzufolge auch physisch als belastend empfunden und besitzt zudem Auswirkungen auf die private Sexualität der Interviewpartnerin: „… wenn ich dann zu hause bin, dann bin ich froh, wenn ich keinen Sex habe und nicht blasen und nicht ficken muss. Da bin ich wirklich froh darum.“

Einen weiteren wichtigen Aspekt im Zusammenhang mit Körperlichkeit bildet der Umgang mit Hygiene und Sauberkeit, da die Ansteckungsgefahr mit Sexualkrankheiten angesichts des häufigen Geschlechtsverkehrs mit wechselnden Partnern für Prostituierte einen hohen Risikofaktor darstellt: „Also die Nachfrage ist schon hoch: Ficken ohne Gummi. Das sag ich auch: Nein, tut mir leid. Und wenn ich dir dann ein bisschen mehr gebe? Da sage ich: Nein, mach ich nicht.“

Die Klarheit und Vehemenz, mit der Laura ihre Ablehnung derartiger Angebote ausdrückt, unterstreicht, obwohl sich der Wahrheitsgehalt ihrer Aussage für diese Untersuchung nicht überprüfen lässt, die eindeutige Meinung der Prostituierten zu diesem Thema und deklariert den Verkehr ohne Schutz für sie zum absoluten Tabu. Diese stringente Haltung dient zudem der persönlichen Abgrenzung von Sexarbeiterinnen, die sich nicht an diese Vorkehrungen halten, und betont daher die eigene moralische Integrität und Standfestigkeit trotz des zunehmenden finanziellen Drucks. Der hohe Maßstab, den sie an hygienisches Verhalten anlegt, äußert sich des Weiteren in einem strengen Reinigungsritual, welches sowohl sie selbst als auch ihre Kunden betrifft:

„ich schicke immer jeden davor zum Duschen. […] Die erwarten ja auch von mir, dass ich gepflegt und sauber bin, also müssen sie es auch sein. […] Ich dusche nach jedem Gast, anders kann ich das nicht. Ich weiß auch es gibt ein paar Prostituierte, die sich nicht nach jedem Gast waschen, gibt es auch viele. Das ist zum Beispiel ekelhaft, aber naja, muss ja jeder selber wissen.“

Dieser Vorgang lässt sich als eine Art rite de passage deuten, dessen Kennzeichen nach van Gennep in dem Ziel begründet liegen, „[d]as Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte hinüberzuführen“ (van Gennep laut Kaschuba 2006, S. 188) und „den Umgang mit Gefühlen und Beziehungen [zu] regeln und dadurch letztendlich Identität [zu] sichern.“ (Ebd., S. 189)

In diesem Fall handelt es sich also um den ritualisierten Übergang in den Geschlechtsverkehr im Rahmen der Sexarbeit und die ebenso festgelegte Beendigung dieses beruflich bedingten Aktes, welche Laura eine Rückkehr zur privaten Identität erlaubt und der Prostituierten somit hilft, die Problematik dieser Situation zu überwinden, da der sexuelle Kontakt mit den Freiern für sie mit verschiedenen Schwierigkeiten verbunden ist.

 

Männerbild

Bei der Analyse von Lauras Beziehung zu ihren Freiern stellt sich schnell heraus, dass sie diese vor allem als Perverse bewertet, zu deren anormaler Bedürfnisbefriedigung sie als Prostituierte beiträgt: „Ich mein‘, zu Hause kann ihn ja die Frau schlecht anscheißen oder anpissen. Oder SM oder den Mann verdreschen“, eine Tatsache, die sich auch auf Lauras Serviceangebot, das auf eben jene Kunden ausgerichtet ist, zurückführen lässt. Die Prostituierte sieht den Ausschnitt an Männern, die ihre Dienstleistungen in Anspruch nehmen, als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung an und überträgt ihre Erlebnisse mit den Freiern auf ihre gesamte Lebenswelt: „…ja … man kriegt auch irgendwie automatisch einen Ekel vor Männern, wenn ich ehrlich sein soll.“

An dieser Stelle betonte Laura zudem die Problematik, als ehemalige Sexarbeiterin von Männern nicht als gleichwertige Partnerin akzeptiert zu werden: „… die werden dich immer als Hure ansehen“, weshalb ein ernsthaftes Zusammenleben häufig nicht zustande kommen kann, wie die Prostituierte durch Erwähnung ihr bekannter Beispiele belegt:

„Also ich habe das auch von anderen Frauen oft gehört, die haben sich auch in einen Gast verliebt, dann sind die zusammen gezogen […] im Endeffekt nach drei Jahren hatte er dann einfach eine normale Frau, also eine solide Frau und dann hat er ihr ‘nen Arschtritt verpasst. Das ist schon auch vielen passiert.“

Vor allem die Wortwahl „eine normale Frau, also eine solide Frau“, die Laura im Kontrast zu Frauen im Prostitutionsgewerbe anwendet, weist darauf hin, dass die Sexarbeiterin sich selbst und ihr Milieu als gesellschaftlich nicht integriert und als aus Sozialstrukturen weitgehend ausgeschlossen wahrnimmt. Eine Trennung zwischen Freiern und solchen Männern, die für eine Beziehung in Frage kommen, ist der Prostituierten auf Grund ihrer Arbeit auch in der Freizeit nicht mehr möglich „man denkt das schon automatisch“, wodurch sich Laura einer erheblichen Veränderung ihrer Identität hinsichtlich der Einstellung zu partnerschaftlichen Verhältnissen unterzogen hat.

Insgesamt konnte festgestellt werden, dass das Männerbild der Interviewpartnerin durch die Ausübung der Prostitution eine starke Beeinflussung zum Negativen hin erfahren hat, wodurch sie nicht nur die Freier, sondern Männer im Allgemeinen in erster Linie als perverse und kranke Menschen wahrnimmt. Eine Trennung zwischen Kunden und Männern, welche das Angebot von Sexarbeiterinnen nicht in Anspruch nehmen, scheint der Prostituierten schwer möglich, weswegen ihre Identität in Bezug auf partnerschaftliche Mann-Frau Beziehungen offenbar einem erheblichen Wandel unterliegt.

 

Doppelleben

Ein Hauptanliegen sowohl während des Interviews als auch bei der Ausübung ihres Berufes ist für Laura die Wahrung ihrer Anonymität, was sie wie folgt begründet:

„Also ich möchte schon, dass ich, wenn ich auf die Straße gehe, das machen kann ohne dass jeder sagt: Guck mal da, das ist eine … also ‘ne Prostituierte oder ‘ne Hure. Deswegen habe ich das auch ohne Gesicht gemacht und deswegen bin ich meistens auch immer in anderen Städten, die von mir ein bisschen entfernt sind.“

Sowohl durch die Unkenntlichkeit ihres Gesichtes bei der Anzeigenschaltung als auch durch die lokale Trennung von beruflicher und privater Identität versucht die Interviewpartnerin also ihre Tätigkeit als Sexarbeiterin geheim zu halten, um der negativen Bewertung und dem Grad an Sensationslüsternheit, mit dem ihre Umwelt diesem weitgehend im Geheimen stattfindenden Berufsfeld gegenübersteht, entgehen zu können. In diesem Sinne verbirgt Laura ihren Beruf vor ihrem Familien- und Bekanntenkreis, sofern dieser überhaupt noch Bestandteil ihres Lebens ist:

„Ich muss auch sagen, ich habe eigentlich keine soliden Freunde. Fast gar nicht mehr. Ich habe allen Kontakt abgebrochen, weil die Frage ist dann immer: Ja wo bist du denn? Ja wo arbeitest du denn? Warum bist du denn andauernd weg?“

Aus diesem Zitat geht deutlich das Ausmaß an sozialer Isolation hervor, mit dem die Ausübung der Prostitution für die Interviewpartnerin verbunden ist. Auffällig hierbei ist vor allem die Tatsache, dass Laura selbst dazu bereit war, ihre Bekanntschaften abzubrechen, bevor überhaupt eine negative Reaktion von deren Seite aus erfolgen konnte. Es lässt sich also die Folgerung ableiten, dass die Angst der Prostituierten vor einer Offenlegung und etwaigen Konfrontation mit ihrer Berufswahl äußerst hoch angesiedelt ist und sogar belastender empfunden wird als der freiwillige Verzicht auf soziale Kontakte. Als ausschlaggebend für diese Entscheidung bezeichnet Laura die Belastung durch das ständige Lügen. Der Zwang zur Anonymität ihrer Identität als Prostituierte, dem sich Laura auf Grund ihrer Tätigkeit ausgesetzt sieht, führt dazu, dass sie eine starke Trennung zwischen Privat- und Berufsleben vornehmen muss, die allerdings trotz der getroffenen Vorsichtsmaßnahmen zu sozialer Isolation und ständiger Angst vor Offenlegung führt. Gerade am Beispiel des von Laura geführten Doppellebens lassen sich unverkennbar die gravierenden Auswirkungen der Sexarbeit auf die Identitätskonstruktion der Prostituierten ablesen, die sich auf nahezu jeden Bereich ihrer Lebenswelt beziehen. Durch die Tätigkeit im Rotlichtmilieu vollzieht Laura eine Aufspaltung in Privatperson und Arbeitsidentität, die zwar sicherlich in den meisten Berufsfeldern in einer gewissen Form zu finden ist, jedoch wohl selten zu solch grundlegenden und einschneidenden Konsequenzen führt, wie im Falle der Prostitution.

Gegen Ende des Interviews äußerte sich die Sexarbeiterin wie folgt:

„B.W.: Von der Gesellschaft wird das ja als unmoralisch angesehen. Wie siehst du das selber?

L: Ja. Also wenn man da selber mit drin ist, dann sieht man das als ganz normal an.

B.W.: Ärgert dich das dann, wenn andere das so sehen?

L: Ne, weil jeder Mensch hat seine eigene Meinung und jeder Mensch soll seine eigene Meinung auch vertreten. Also gut, ich meine Bayern … die tun alle so katholisch … und das sind die Schlimmsten. Wirklich. Die meisten, die da so schlecht darüber reden und sagen ahh … und was weiß ich, das sind meistens die schlimmsten Puffgänger. Wirklich. Nach außen hin tun sie so und in Wirklichkeit sind das die Schlimmsten.

B.W.: Eine Doppelmoral.

L: Ja, eine Doppelmoral, das ist wirklich so. Ist es auch, aber da kann man ja nichts daran ändern.

B.W.: Mich fragen auch immer ganz viele Leute, wie das so ist, also aus Neugierde, weil das eben keiner weiß. Ich sage halt dann immer, das sind ganz normale Frauen, weil so ist es eben…

L: Ja, eben. Ganz normale Frauen. Also wir sehen nicht anders aus, wir … also alles normal. Unterhalten tun wir uns auch ganz normal. Für die meisten ist das eben halt komisch, ich weiß nicht, die denken, wir sind von einem anderen Planeten, ich weiß es nicht. Weil die uns eben nicht kennen.“

An dieser Stelle kommt der Wunsch zum Ausdruck, von der Gesellschaft integriert und als völlig „normale“ Frau akzeptiert zu werden. Gerade die Aussage des milieufremden Gesprächspartners, „[i]ch sage halt dann immer, das sind ganz normale Frauen, weil so ist es eben…“, führte während des Interviews bei Laura zu einer offensichtlichen Freudebekundung, die sich darauf zurückführen lässt, dass die Prostituiere von ihrer Umwelt als gleichwertiger Mitmensch angesehen werden möchte.

Die Toleranz der Sexarbeiterin gegenüber andersartigen Einstellungen, „jeder Mensch soll seine eigene Meinung auch vertreten“, wirkt daher bei erster Betrachtung zwar unvermutet, lässt sich jedoch im Sinne ihrer sich durch das Interview ziehenden Haltung „da kann man ja nichts daran ändern“, deuten, die beinhaltet, bestehende Denkmuster nicht beeinflussen oder verändern zu können. Aus Lauras nachfolgenden Äußerungen, welche die gesellschaftliche Doppelmoral oder die Unkenntnis und damit zusammenhängenden Vorurteile außenstehender Personen betreffen, „weil die uns eben nicht kennen“, geht jedoch auch hervor, dass die bestehenden Verhältnisse für Laura nicht zufriedenstellend sind und sie dennoch nach sozialer Anerkennung strebt.

 

Fazit

In Bezug auf ein Zitat Hermann Bausingers, „[d]ie Rolle, die ihm [dem Individuum, A. d. V.] dadurch im Arbeitsprozeß zugewiesen ist, bleibt auch außerhalb der Arbeit maßgebend – diese Rolle bestimmt, ja man könnte zugespitzt sagen: ist seine Identität“ (Bausinger u.a. 1999, S. 213, Hervorhebung i. O.), lässt sich zusammenfassen, dass diese Aussage gerade auf die Identitätskonstruktion des Forschungssubjektes nahezu vollständig zutrifft. Die Auswirkungen der Prostitutionstätigkeit auf die Lebenswelt der Interviewpartnerin sind in jedem der analysierten Einzelpunkte deutlich zu erkennen und bestimmen auch die private Identität der Sexarbeiterin in einem Maße, wie es wohl kaum ein anderes Gewerbe zu leisten vermag.

 

Schließlich muss noch erwähnt werden, dass die Art und Weise der Erzählung sowie die von Laura vermittelten Inhalte stark mit der Kommunikationssituation mit einer milieufremden Person zusammenhingen, infolge derer verschiedene Aspekte sicherlich mehr oder weniger betont wurden oder gar unerwähnt blieben. Besonders die Leugnung negativer Auswirkungen auf die Psyche der Interviewpartnerin oder die Hervorhebung ihres erstarkten Selbstbewusstseins fallen unter diesen Gesichtspunkt. Dies muss bei der Darlegung der gewonnenen Erkenntnisse stets berücksichtigt werden. Dennoch sind die Aussagen der Sexarbeiterin von großer Offenheit geprägt und liefern einen vielseitigen Einblick in die Lebenswelt und Identitätskonstruktion der Prostituierten.

 

Die Autorin

Barbara Wittmann ist Masterstudentin des Studiengangs Vergleichende Kulturwissenschaften an der Uni Regensburg. Dort absolvierte sie auch ihr Bachelorstudium in Vergleichender Kulturwissenschaft, Russisch und Kunstgeschichte. Sie arbeitet als Wissenschaftliche Hilfskraft.

Anmerkungen

[1] Vgl. Feldforschungstagebuch Prostitution, Regensburg, 19.11.2010-10.02.2011.
[2] Alle folgenden Interviewzitate entstammen dem Interviewtranskript des mit der Sexarbeiterin Laura am 10.02.2011 in Regensburg durchgeführten Gespräches, Dauer 1 Std. 45 Min.

Literatur

Bausinger, Hermann / Jeggle, Utz / Korff, Gottfried / Scharfe, Martin (Hrsg.) (1999): Grundzüge der Volkskunde. 4. Auflage. Darmstadt.

Dumas d. J., Alexandre (2003): Die Kameliendame. Aus dem Franz. von Walter Hoyer. Leipzig.

Bundesministeriums der Justiz / juris GmbH (2001): Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz – ProstG). URL: http://www.gesetze-im-internet.de/bundesrecht/prostg/gesamt.pdf [05.].

Giesen, Rose-Marie / Schumann, Gunda (1980): An der Front des Patriarchats. Bericht vom langen Marsch durch das Prostitutionsmilieu. Bensheim.

Girtler, Roland (2004): Der Strich. Soziologie eines Milieus. 5. Auflage. Wien.

Howe, Christiane (2009): Prostitution – ein Thema für pro familia? Zwischen radikaler Ablehnung und Unterstützung. In: pro familia magazin 4/2008, S. 4-8. URL: http://www.schattenblick.de/infopool/politik/soziales/psorg176.html [28.08.2012].

Hübner, Karin R. (2000): Von Beruf Prostituierte? Regensburg.

Kaschuba, Wolfgang (2006): Einführung in die europäische Ethnologie. 3. Auflage. München.

Choluj, Bozena / Gerhard, Ute / Schulte, Regina (Hrsg.) (2010): Prostitution. L’Homme. Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft 21 (2010), H. 1, Köln.

Prostituiertenprojekt Hydra (Hrsg.) (1991): Beruf: Hure. Frankfurt/M. u.a.

Interview

Interview mit Laura, am 10.02.2011, Regensburg. Dauer: 1 Std. 45 Min., Interviewerin: Barbara Wittmann (B.W.).