Was Geschenke über Paarbeziehungen erzählen

Lina Wiemer

Was ist eigentlich dran an der Geschichte, dass Männer, nachdem sie fremdgegangen sind, ihrer Frau als entschuldigendes Geschenk einen Blumenstrauß mitbringen? Wahrscheinlich nicht so viel, außer dass sie sexistisch, heteronormativ und überhaupt ziemlich doof ist. Und was ist mit dem Valentinstag? Wie wird dieser Tag der Liebenden in Paarbeziehungen begangen? Fiebern beide auf den Tag hin und können ihn kaum erwarten oder wird er aufs Strengste abgelehnt und als konsumistisches Ungetüm entlarvt? Und wie ist das eigentlich mit Geschenken in Paarbeziehungen?
Am Besten alles der Reihe nach: Zu Beginn macht es Sinn, sich mit der Theorie vertraut zu machen. Schenken wurde vor allem seitens der Völkerkunde gern betrachtet; beim Thema Liebe musste ich bis zu den Griechen zurückgehen und dass eine Paarbeziehung als kleinste soziale Einheit zu verstehen ist, erfuhr ich aus der Soziologie. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive aber sind Paare, die Liebe und Geschenke wenig untersucht. Solche Lücken können aber geschlossen werden. Am Besten indem man sich direkt ins Feld begibt; in meinem Fall also in die Paarbeziehung. So hörte ich zu, fragte nach und erfuhr was, wann und wie sie ihm, er ihr, sie ihr und er ihm geschenkt hat.

Theoretische Ansätze über das Schenken

Mario Stephan spricht von einer „völlig unterentwickelten Schenkforschung“ und die Soziologie des Geschenks sei Helmut Berking zufolge „ein Stiefkind des sozialwissenschaftlichen Diskurses geblieben.“ (Stephan 2010, S. 13/ Berking 1996, S. 17) Zwar hat sich auch die Volkskunde mit den Themen geben und nehmen beschäftigt, dabei blieb sie aber einer deskriptiven Arbeitsweise verhaftet und isolierte die gesammelten und beschriebenen Gegenstände aus ihrem kulturellen Kontext. (Dressel 2000, S. 15)
Etymologisch geht geben auf die indogermanische Wurzel ghabh zurück, die fassen, nehmen, bringen bedeutet. So gehen beide Wörter, geben und nehmen, auf „dieselbe Stammwurzel zurück.“ (Lintner 2008, S. 35f) Interessant ist dies deshalb, weil geben und nehmen die Handlungen sind, die beim Schenken vollzogen werden.
Jacob Grimm lieferte bereits 1865 die heute immer noch bedeutendsten Forschungsgrundlagen zu den Begriffen schenken und geben. Er machte darauf aufmerksam, dass „wie jeder vertrag zwei leute, z. b. der kauf einen käufer und verkäufer, setzt auch die schenkung einen geber und empfänger voraus und dem geben stellt unsere sprache ein nehmen [...] zur seite.“ (Grimm 1865, S. 173) Im Mittelalter, so Grimm weiter, sei der Brauch, einem Gast einen Trank anzubieten bzw. einzuschenken, so verbreitet gewesen, dass das Verb schenken die Bedeutung von geben übernahm. (1865, S. 174) Es habe auch nahegelegen, dem Gast nach dem Trinken den Becher zu schenken. So zeigen die Verben schenken und geben, dass aus dem Darreichen des Getränks der Begriff geben abgeleitet werden könne. (1865, S. 181, 205)

Etymologisch ist es auch von Bedeutung, dass der Begriff Gift auf denselben Ursprung zurückgeht wie der Begriff Gabe; Gift bedeutete also auch Geschenk. Im Althochdeutschen fand die Bezeichnung Gift später nur noch einseitig für eine negative Gabe Verwendung. Als Grund gibt Stephan an, dass man im Mittelalter Feinde durch vergiftete Gaben in Form eines Trunks tötete. Im Deutschen wurde das Gift dann zur allgemeinen Bezeichnung für Verderben bringende Mittel. Im Englischen dagegen ist gift nach wie vor die Bezeichnung für gegebene Dinge. Das aus dem Vorgang des Trinkens abgeleitete Wort poison, im Französischen boisson (Getränk), boire (trinken), übernahm die negative Bedeutung für die todbringende Gabe. (Stephan 2010, S. 19f.) „Ohne Liebe kann eine Gabe jedoch zu ‚Gift’ werden”, wusste auch der Philosoph Jacques Derrida. (Derrida in Wolf 2006, S. 9)
Grimm griff mit seinen Überlegungen Mauss’ Ideen voraus, ohne dass dies in der Literatur Erwähnung findet. Erst 1923/24 veröffentlichte Mauss sein „Essai sur le Don“: Die Gabe sei „total“, da sie „zur gleichen Zeit ein ökonomisches, juristisches, moralisches, ästhetisches religiöses, mythologisches und sozio-morphologisches Phänomen“ darstelle. (Mauss 1990, S. 10) Dass die Gabe als totales gesellschaftliches Phänomen zu verstehen sei, ist eine wichtige Erkenntnis aus Mauss’ Essay und könnte erklären, warum Schenken oft so schwierig ist. Eine weitere Erkenntnis ist, dass Geschenke „theoretisch freiwillig sind, in Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen.“ (1990, S. 17) Die Gabe ist also auf der einen Seite freiwillig und spontan, auf der anderen wohne ihr auch ein zwanghafter und eigennütziger Charakter inne. Man ist also verpflichtet Geschenke zu machen und auch anzunehmen, alles andere käme einer Kriegserklärung gleich und bedeute „die Freundschaft und die Gemeinschaft [zu] verweigern.“ (1990, S. 22; 37) Schließlich seien, so Mauss, die drei Elemente des Schenkens, die Verpflichtung des Gebens, Nehmens und Erwiderns charakteristisch. Allerdings ist die Pflicht des Nehmens nicht weniger zwingend, da man nicht das Recht habe, eine Gabe abzulehnen. (1990, S. 91; 98) Beim Annehmen der Gabe werde diese in den meisten Fällen sogar gepriesen: „Die Gabe ist also etwas, das gegeben werden muß, das empfangen werden muß und das anzunehmen dennoch zugleich gefährlich ist. Das rührt daher, daß die gegebene Sache selbst eine wechselseitige und unwiderrufliche Bindung schafft [...].“ (1990, S. 147) Geben verbindet Mauss mit „Überlegenheit beweisen“ und zeigen, „daß man mehr ist und höher steht, [...]; annehmen, [...], heißt sich unterordnen, Gefolge und Knecht werden, tiefer sinken, [...].“ (1990, S. 170f.)

Mauss’ Veröffentlichung hatte weitreichende Folgen; besonders für die Ethnologie. Auch eröffnete Mauss den Kulturwissenschaften erst den Zugang zu ihren klassischen Fragen, beispielsweise wie sich kulturelle Handlungen begründen ließen und sich eine kulturelle Ordnung herausbilde. (Adloff 2008, S. 7) Das ist erstaunlich, da Mauss’ eigentlicher Fokus auf der Analyse der Gabe in archaischen Gesellschaften lag. Seine Gedanken fanden lange Zeit keine weiterführenden Ideen, bis Pierre Bourdieu darauf hinwies, dass Mauss einen entscheidenden Faktor im Schenkvorgang übersehen habe, „nämlich die entscheidende Rolle des zeitlichen Intervalls zwischen Gabe und Gegengabe, die Tatsache, daß in praktisch allen Gesellschaften stillschweigend davon ausgegangen wird, daß man die erhaltene Gabe nicht auf der Stelle erwidert – was einer Zurückweisung gleichkäme.“ (Bourdieu 1998, S. 163)
Die Zeit, die bis zur Gegengabe vergehen müsse, habe, so Bourdieu, die Funktion Gabe und Gegengabe gegeneinander abzugrenzen und als zwei unverbundene Einzelhandlungen erscheinen zu lassen. Wenn man sein Geschenk als großmütig erlebe, dann deshalb, weil das Risiko bestehe, dass die Gegengabe ausbleibe. Diese Ungewissheit und Spannung, die das Intervall zwischen dem Augenblick, in dem man gibt, und dem, in dem man bekomme, als solches erst schaffe. (1998, S. 163) Der Schenkvorgang spiele sich so ab, als ob das zeitliche Intervall dazu da sei, „den Gebenden seine Gabe als Gabe ohne Gegengabe erleben zu lassen, und den die Gabe Erwidernden seine Gegengabe als unbedingt und von der ersten Gabe unabhängig“ erscheinen zu lassen. (1998, S. 163) Die Existenz des zeitlichen Intervalls sei nur zu erfassen, wenn man davon ausgehe, dass beide Beteiligten, ohne es zu wissen, gemeinsam an einer Verschleierung arbeiteten, so Bourdieu weiter. Diese Verschleierung diene dazu, den Schenkvorgang nicht als Tauschvorgang erscheinen zu lassen, denn dies würde einer Vernichtung des Schenkens gleichkommen. (1998, S. 164) So spricht er auch vom „Tabu der Berechnung“ und formuliert: „Ich vollziehe eine ökonomische Handlung, aber ich will es nicht wissen; ich führe sie so aus, daß ich mir und den anderen sagen kann, sie sei keine ökonomische Handlung – und glaubwürdig in den Augen der anderen kann ich nur sein, wenn ich dies selber glaube.“ (1998, S. 176; 189)

Bourdieu äußert sich auch zum Preis eines Geschenks, den man vor dem Verschenken meist entferne. Der Preis fungiere als „das ureigenste Merkmal der Ökonomie [...], als der symbolische Ausdruck jener Übereinkunft über den Wechselkurs, die mit jenem ökonomischen Tauschakt impliziert ist.“ (Bourdieu 1998, S. 166) Auch müsse der Preis beim Gabentausch implizit bleiben, denn man wolle den wahren Preis gar nicht wissen; auch wolle man nicht, dass andere ihn wissen. (Bourdieu 2005, S. 141f.)
Auch höre das Geschenk beim Gabentausch auf, ein materielles Objekt zu sein. Es werde zu einer Botschaft und einem Symbol, mit Hilfe dessen ein sozialer Tatbestand hergestellt werden solle. (Bourdieu 2005, S. 149) Bourdieu lieferte mit seinen Überlegungen eine entscheidende Erweiterung zu Mauss’ Gedanken, gerade weil er sie aus ökonomischen und konsumistischen Gedanken heraus entwickelte.

Methodische Vorgehensweise

Und meine Gedanken und Erfahrungen mit Geschenken? Auch ich wurde schon beschenkt; und auch ich habe schon verschenkt. Während der Vorbereitungen meiner Magisterarbeit überlegte ich, wem ich wann welche Geschenke machte und was ich wann geschenkt bekam. Einige der Geschenke sind mir noch sehr präsent, an manche erinnere ich mich nur noch vage, ein paar sehe ich täglich und sicherlich sind auch welche in Vergessenheit geraten. Besteht nun die Gefahr einer Entzauberung des Schenkprozesses durch die wissenschaftliche Betrachtung? Um dieser Gefahr zu entgehen, war es wichtig die für meine Fragestellung passende Methode auszuwählen.

Es bot sich also an, qualitative Interviews mit in Paarbeziehung lebenden Personen durchzuführen. Als Interviewform wählte ich ein leitfadengestütztes teilnarratives Interview. Diese Form des Interviews ermöglicht es, ein bestimmtes Thema, hier Geschenke, mittels der Leitfragen in den Mittelpunkt zu stellen. Auch ist es mit Hilfe der Leitfragen möglich, die transkribierten Interviews im Anschluss besser vergleichen zu können. Mit Hilfe der Teilnarrativität ist gewährleistet, dass die InterviewpartnerInnen relativ offen und frei ihre eigenen Positionen vertreten und eigene Prioritäten setzen können.
Durch die im Voraus festgelegten Leitfragen war eine flexible Handhabung während des Interviews gewährleistet. Mit Hilfe der offenen Erzählaufforderung „Wie habt ihr euch denn kennengelernt?“ (Stimulus) war es möglich, thematisch zu fokussieren, ohne dabei die angestrebte Offenheit zu gefährden. So konnte die erste thematische Fokussierung vorgenommen werden und für die interviewte Person war es möglich, die ersten ,Relevanzsetzungen hinsichtlich der Themen Liebe und Paarbeziehung zu setzen. Darauf folgten konkretere Fragen zum Themenkreis Schenken (Wie machst du deiner Freundin/ deinem Freund eine Freude?, Über was hast du dich zuletzt gefreut?, Erinnerst du dich an das erste Geschenk, das du bekommen hast?, Was macht für dich ein Geschenk wertvoll?, Wann ist ein Geschenk für dich zu teuer?, Was denkst du über den Valentinstag?) und eventuelle Nachfragen.

Milieuzugehörigkeit der InterviewpartnerInnen

Alle zehn InterviewpartnerInnen weisen Gemeinsamkeiten auf. Bis auf eine Interviewpartnerin, die ein Hochschulstudium abgebrochen hat, können alle anderen der Gruppe Studierende und AkademikerInnen zugerechnet werden. Alle Personen weisen somit ein hohes Bildungsniveau auf. Der (ehemals) universitäre Rahmen ist dabei das ausschlaggebende Merkmal. Dieser Rahmen zögert den Eintritt ins Berufsleben und die Familiengründung hinaus. Gleichzeitig ebnet er den Weg für „die individualisierten sozialen Kontakte in der urbanen Lebenswelt.“ (Koppetsch/ Burkart 1999, S. 249) Bis auf eine Interviewpartnerin hat niemand Kinder. Zwei der Interviewpartnerinnen sind verheiratet, ein Interviewpartner lebt in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Die Paare, die verheiratet bzw. verpartnert sind und ein weiterer Interviewpartner leben in einer gemeinsamen Wohnung. Die befragten Studierenden leben nicht mit ihrem Freund/ ihrer Freundin zusammen. Bis auf eine Interviewpartnerin und die Studierenden, gehen alle einer vollen Erwerbstätigkeit nach.

Aufgrund dieser Merkmale können die InterviewteilnehmerInnen dem Milieu der individualisierten AkademikerInnen zugeordnet werden. (1999, S. 252-254) Die Berufsbezogenheit (bzw. die Studienbezogenheit) beider Geschlechter ist hierfür der ausschlaggebende Punkt. Nach Burkart sei diese Berufsorientierung die Grundlage eines starken Individualismus, welcher auch für die Zweierbeziehung bestimmend sei und sich oft in der Wohnform niederschlage. (1999, S. 253) Das Beziehungsmodell der individualisierten Partnerschaft entspricht den Paarbeziehungen im AkademikerInnenmilieu am meisten. Zur individualisierten Partnerschaft komme es, wenn „ein bestimmtes Maß an Individualität und Entscheidungsautonomie […] und eine weitgehende Angleichung der Lebensentwürfe beider Partner erreicht ist.“ (1999, S. 254) In dieser Form der Partnerschaft sollen beide die gleichen Lebensziele haben, egal ob Frau oder Mann. Diese Idee sei am stärksten bei den Paaren zu finden, wo beide über eine hohe schulische Qualifikation verfügten bzw. ein Hochschulstudium beendet hätten und in der Lage seien, „damit jeweils eigenständig nicht nur genug Geld zu verdienen, sondern auch ein über den Beruf [hinaus] erfülltes Leben zu führen […].“ (1999, S. 254)

Die verstärkte Individualisierung innerhalb der Zweierbeziehung bedeutet konkret, dass ein bestimmter Gleichheitsdiskurs und ein Selbstverwirklichungsanspruch vorhanden sind. Burkart und Koppetsch nennen dies auch „das Modell der Autonomie zweier Subjekte im Rahmen der individualisierten, egalitären Partnerschaft […].“ (1999, S. 16) In dieser Form von Partnerschaft ist die Idee verbreitet, dass es Bereiche gibt, welche außerhalb der Beziehung bleiben und beide eigene Interessen haben müssen. So sind beispielsweise außerpartnerschaftliche Kontakte „nicht nur zugelassen, sondern geradezu gefordert.“ (1999, S. 16) Wie sich die milieuspezifischen Merkmale auf das Schenken in der Paarbeziehung auswirken, wird sich in der Interviewanalyse zeigen.

„Wenn ich da zuviel von mir gebe und es nicht angebracht ist“
Geschenke als Gift

Nun gilt zu fragen, ob und wie Jaques Derridas Vermutung, ohne Liebe könne eine Gabe zu Gift werden, auch in den Interviews zur Sprache kommt; ob also beim Erzählen über Geschenke Konflikte zum Thema gemacht werden und bei den Interviewten eine Verbindung von Gabe und Gift hergestellt werden kann.

Auf die Frage, wann ein Geschenk für Sarah zu teuer sei, antwortet sie: „Es ist für mich zu teuer, wenn ich nicht dahinter stehen kann. Also nicht materiell verstanden, sondern wenn ich da zu viel von mir gebe und es nicht angebracht ist. Vielleicht zu viel zeige oder zu persönlich ist für die jeweilige Beziehung also ich mein also allgemein verstanden. Geschenk an sich ähm und finanziell zu teuer hab ich auch meine Grenze. Die ich auch aus Prinzip einhalte, weil ich sage ähm n finanzieller Wert is nicht des eigentliche die eigentliche die eigentliche Botschaft die ich damit gebe mit dem Geschenk und deswegen mach ich dann aus Prinzip nicht zu hoch.“ (Sarah. Interview. 25.05.2010)
Hier zeigt sich, dass ein Geschenk für Sarah authentisch sein muss, d. h. sie muss „dahinter stehen“ können. Dies ist für sie von entscheidender Bedeutung, denn sonst bestünde für sie die Gefahr, zu viel von sich zu geben. Daraus folgt, dass für Sarah, neben dem materiellen Objekt, auch ihre Person selbst ein Teil des Geschenks ist. Hier greift Marcel Mauss’ Überlegung, „daß jemand etwas geben soviel heißt, wie jemand etwas von sich selbst geben.“ (Mauss 1990, S. 35) Darüber hinaus muss für die Interviewpartnerin ein Geschenk „angebracht“ sein, also je nach Situation und Person entsprechend ausgewählt und dem jeweiligen Kontext angepasst werden.
Interviewpartnerin Paula antwortet auf die Frage, wann ein Geschenk für sie zu teuer sei, mit:
„Eigentlich find ich zum Beispiel die (NAME DER STADT)fahrt fand ich schon n bisschen grenzwertig. Ähm eigentlich find ich ein Geschenk dann zu teuer, wenn man es quasi in Anführungsstrichen nich mit gleicher Mütze [sic] zurückzahlen könnte ungefähr so verhältnismäßig also und ähm wenn halt der andere nich irgendwie so was ähnliches schenken könnte. [...] Sachen die unnötig sind und dann auch noch zu teuer des find ich zum Beispiel zu teuer. Und Sachen also die eigentlich irgendwie die die Welt nich brauch weil sie mit der Person nichts zu tun haben weil sie nur aus Pflichtgefühl geschenkt werden und äh irgendwie dann in der Ecke rumoxidiern. Das sind dumme Geschenke. Die dann auch den Beschenkten dann vielleicht selber irgendwie in moralische Verpflichtungen stürzen, weil sie dann was zurückschenken müssen oder so.“ (Paula. Interview. 27.05.2010)
Ähnlich wie bei Sarah zuvor, zeigt sich auch hier, dass Geschenke etwas „mit der Person“ zu tun haben sollten, also nicht als separat von der beschenkten Person angesehen werden. Darüber hinaus ist es für Paula von Bedeutung, Geschenke „zurückzahlen“ und „zurückschenken“ zu können.

Christian antwortet auf die Frage, wann ein Geschenk für ihn zu teuer sei:
„Es kommt immer drauf an, was ich für n Verhältnis zu demjenigen hab der mich beschenkt oder den ich beschenke. Also ich finde äh n entfernten Bekannten oder Bekannte sollte ma n Geschenk machen, also zumindest vom materiellen Wert das gewisse Grenzen dann nicht überschreitet. Jemand Vertrautes jemand enges oder jemand dem ma eigentlich sehr nahe steht oder jemand mit dem ma viel verbindet dann könnt ma auch mal n materiell teureres Geschenk schenken, aber eigentlich nur dann wenn wenn ma des Geschenk oder was ma da haben will nicht billiger kriegt. Also n teures Geschenk is für mich nich besser als n ja n preiswerteres Geschenk.“ (Christian. Interview. 15.06.2010)
Auch hier zeigt sich, dass Schenken immer dem jeweiligen sozialen Kontext entsprechend erfolgen sollte. Damit ein Geschenk nicht zum Gift wird, ist es für die Interviewten entscheidend, das zu verschenkende Objekt zu individualisieren. Dabei kommt es darauf an „was ich für n Verhältnis zu demjenigen hab“, wie Christian sich ausdrückt.
Die ausgewählten Interviewausschnitte zeigen auch, dass beim Erzählen über Geschenke für Sarah, Paula und Christian zwei imaginäre Grenzen existieren: Auf der einen Seite ihre „persönliche“, also individuell gesetzte Grenze; und auf der anderen Seite ihre finanzielle Grenze, die beide nicht überschritten werden sollten. Dieser Idee liegen die Beziehungsvorstellungen der Interviewten zu Grunde, denn zu teure oder unpersönliche Geschenke können Beziehungen gefährden und zudem ungleich erscheinen lassen.

Um sich über ein erhaltenes Geschenk uneingeschränkt freuen zu können oder die zu beschenkende Person nicht in eine Bredouille zu bringen und das Geschenk so giftig wird, achten die Interviewten darauf, dass das Geschenk angemessen und passend ist: Das Geschenk muss der Beziehung zur beschenkten Person gerecht werden und darf nicht zu teuer sein. Dabei geht es weniger um den Gegenstand an sich, sondern eher um dessen Symbolhaftigkeit „für die Qualität konkreter sozialer Beziehungen.“ (Dressel 2000, S. 13) Um ein passendes Geschenk zu finden, führen sich die Interviewten die jeweilige Identität der Beziehung vor Augen, um abzuwägen, welches Geschenk ihre Vorstellungen entsprechend ausdrücken kann. Ein unpassendes Geschenk hingegen trifft die Identität einer Beziehung nicht, da so, wie Sarah es ausdrückt, sie „zu viel von [sich] gebe“ und das Geschenk „zu viel zeige oder zu persönlich ist für die jeweilige Beziehung.“ Dressel merkt an, dass die Unterscheidung zwischen passend und unpassend bedeute, dass Geschenke einen dynamisierenden Charakter hätten. (2000, S. 13) So sind Geschenke zwar Ausdruck der (Paar)Beziehung, darüber hinaus können sie diese auch verstärken oder aber in Frage stellen. Wenn also eine Gabe von der einen zur anderen Person wechselt, kann damit die Beziehung vergiftet werden. Ohne Liebe kann also ein Geschenk zu Gift werden. Und dass ein Seitensprung meist als Gift für die Beziehung angesehen wird, verleiht dem Thema noch eine ganz andere Brisanz; hier im negativen Sinne.

Fazit

In modernen Gesellschaften sei Schenken „ein im Schwinden begriffenes Residuum das sich am Ehesten noch in wechselseitigen Einladungen zum Abendessen und zu Weihnachten zeigt.“ (Lévi-Strauss in Adloff 2005, S. 14) Dieser Meinung war Claude Lévi-Strauss. Ähnlich kulturkritisch wie der Begründer des Strukturalismus äußerten sich auch Theodor Adorno und Jaques Derrida: In Minima Moralia schreibt Adorno, dass die Menschen verlernt hätten zu schenken und dass das private Schenken auf eine soziale Funktion heruntergekommen sei, „die man mit widerwilliger Vernunft, unter sorgfältiger Innehaltung des ausgesetzten Budgets, skeptischer Abschätzung des anderen und mit möglichst geringer Anstrengung ausführt. Wirkliches Schenken hatte sein Glück in der Imagination des Glücks des Beschenkten.“ (Adorno 1951, S. 46f.) Derrida vertritt die Meinung, dass eine Gabe nur dann vorzufinden sei, wenn es keine Reziprozität, weder Tausch, noch Gegengabe und Schuld gäbe. (Derrida 1993, S. 22f.)
Allen dreien muss hier auf Grundlage der geführten Interviews widersprochen werden, denn die InterviewteilnehmerInnen haben das Schenken nicht verlernt. Das Gegenteil trifft zu: Mag es heutzutage aufgrund des riesigen Warenangebots vielleicht schwieriger geworden sein, genau das Richtige zu schenken, ist Schenken dennoch ein wichtiger Bestandteil heutiger (Paar)Beziehungen. Schwierig ist Schenken für die Interviewten aus einem anderen Grund: Ihre egalitären Beziehungsvorstellungen erlauben es ihnen nicht. Die Interviewten wollen, wie Adorno es ausdrückt, wirklich schenken, also zurück zur eigentlichen Idee des Schenkens als uneigennützige und freiwillige Praxis. Um sich diese Idee zu erhalten, dürfen Geschenke nicht zu groß und zu teuer sein. Schenken als uneigennützige und freiwillige Praxis scheint in der Konsumgesellschaft verloren gegangen zu sein und genau aus diesem Grund erhalten sich die InterviewteilnehmerInnen im Erzählen über Geschenke diese Grundidee des Schenkens.

Die egalitären Beziehungsvorstellungen der Interviewten kommen beim Erzählen über Geschenke ebenfalls zum Ausdruck: Macht- und Ungleichheitsverhältnisse sind in egalitären Beziehungskonzepten zumindest im Diskurs nicht erwünscht. Werden Geschenke dennoch als ungleich empfunden, wird dies, wie gezeigt wurde, problematisiert und Geschenke können zu Gift werden. Statusgefälle und Hierarchie sind in der Paarbeziehung möglichst zu vermeiden. Sobald diese Idealvorstellung ins Wanken gerät und ein zu großes und zu teures Geschenk verschenkt bzw. angenommen wurde, wird versucht, dieses zu legitimieren und symbolisch kleiner und unwichtiger werden zu lassen.
Mit der geäußerten Konsumkritik und der erzählten Ablehnung gegenüber materiellen Dingen, distanzieren sich die Interviewten von institutionalisierten Geschenkanlässen. Bourdieu zufolge seien Geschenke jener soziale Akt, „deren soziale Logik nicht zum common knowledge werden darf [...]“ (Bourdieu 2001, S. 247) Für die Interviewten gilt die Devise des Nicht-Selbstverständlichen; Bourdieu nennt dies auch das Kalkül nicht zu kalkulieren. (2001, S. 248-250) Mit Geschenken wollen die Interviewten so die Besonderheit und Individualität ihrer Paarbeziehung ausdrücken und betonen. Über materielle Geschenke erzählen die Interviewten eher mit Ablehnung und üben Kritik an konsumistischen Verhaltensweisen. Dennoch ist Schenken fest in ihren Beziehungsalltag integriert. Man kann sogar sagen, dass die Inszenierung des Außeralltäglichen und die „Intensivierung des Antiökonomischen“ in einer (egalitären) Beziehung expandiere und zunehme. (Berking 1996, S. 44) Diese Vermutung äußert Helmuth Berking, denn Dinge, die als nicht notwendig erachtet werden, erfahren eine gesteigerte Wertschätzung. Gleichzeitig zehre diese gesteigerte Wertschätzung „an den Fundamenten materialistischer Vorurteile und die demonstrative Handhabung des Überschüssigen erzielt höchste soziale Prämien.“ (1996, S. 45)

Dieser Artikel entstand auf Grundlage der Magisterarbeit zum Thema „Was Geschenke über die Liebe erzählen. Eine Analyse von Erzählungen über Paarbeziehungen“ an der Universität Freiburg im Wintersemester 2010/2011 am Institut für Volkskunde.

Die Autorin

Lina Wiemer, geboren 1984 in Berlin; Studium der Europäischen Ethnologie, Gender Studies und Völkerkunde in Freiburg; derzeit tätig bei Deutschlandradio Kultur.

Literatur

Adloff, Frank/ Steffen Mau (Hrsg.) (2005): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt/M.

Adorno, Theodor W. (1951): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt/M.

Berking, Helmuth (1996): Schenken. Zur Anthropologie des Gebens. Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre (1987): Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre (1998): Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns. Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre (2001): Meditationen. Zur Kritik der scholastischen Vernunft. Frankfurt/M.

Bourdieu, Pierre (2005): Die Ökonomie der symbolischen Güter. In: Adloff, Frank/ Steffen Mau (Hrsg.): Vom Geben und Nehmen. Zur Soziologie der Reziprozität. Frankfurt/M., S. 139-155.

Dressel, Gert (2000): Gedanken zu einer Historischen Anthropologie des Gebens. In: ders./ Gudrun Hopf (Hrsg.): Von Geschenken und anderen Gaben. Annäherung an eine historische Anthropologie des Gebens. Frankfurt/M.

Derrida, Jaques (1993): Falschgeld. Zeit geben I. München.

Grimm, Jacob (1865): Über Schenken und Geben. Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 26. October 1848. In: Kleinere Schriften. Zweiter Band. Abhandlungen zur Mythologie und Sittenkultur. Berlin.

Koppetsch, Cornelia/ Günter Burkart (1999): Die Illusion der Emanzipation. Zur Wirksamkeit latenter Geschlechtsnormen im Milieuvergleich. Konstanz.

Lintner, Martin M. (2008): Eine Ethik des Schenkens. Von einer anthropologischen zu einer theologisch-ethischen Deutung der Gabe. Studien zur Moraltheologie. Band 35. Berlin.

Mauss, Marcel (1990) [1968]: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften. Frankfurt/M.

Mauss, Marcel (1975): Soziologie und Anthropologie. Band 2. Gabentausch. Soziologie und Psychologie. Todesvorstellung. Körpertechniken. Begriff der Person. München.

Stephan, Mario (2010): Geschenkt! Vom Schenken und seinen gesellschaftlichen Zwängen in der Konsumgesellschaft. Marburg.

Wolf, Kurt (2006): Philosophie der Gabe. Meditationen über die Liebe in der französischen Gegenwartsphilosophie. Stuttgart.

Interview

Christian. Interview. 15.06.2010.
Paula. Interview. 27.05.2010.
Sarah. Interview. 25.05.2010.