Selbstbeschreibungen in der Parkour-Szene

Marius Meinhof

Das Thema Parkour ist hinlänglich bekannt. Spätestens seit die Popmusikerin Madonna parkourartige Techniken in ihren Musikvideoclip „Jump“ einbezog (vgl. etwa YouTube 2011), ist Parkour Teil der Popkultur geworden. Fernsehsendungen und Zeitungsartikel entstanden über die „Traceure“, wie sich die Parkour-Ausübenden selbst nennen. Die massenmediale Darstellung zeigt in der Regel junge Männer, die Häuserwände hinaufrennen, sich über Mauern schwingen und verschiedene turnerische und leichtathletische Übungen, zu einem Hindernislauf durch den urbanen Raum kombinieren (vgl. etwa Menke 2008). Das von den Medien verbreitete Bild zeichnet Parkour häufig als Sport und reduziert die Tätigkeit der Traceure in der Regel auf ihre dynamischen Höhepunkte. Unbeachtet bleibt die Differenzierung der Parkour-Szene in verschiedene Gruppierungen und ihre Selbstbeschreibungen, die sich vor allem in Diskussionen um eine „Philosophie“ des Parkour niederschlagen. Derartige Diskussionen möchte der vorliegende Beitrag analysieren. Bei der Analyse der Forendiskussionen identifizierte ich drei Distinktion erzeugende Semantiken, [1] jeweils bestehend aus einem favorisierten Begriff, dem ein Gegenbegriff zugeordnet wird. Hierbei handelt es sich um die Begriffspaare „authentisch“ oder „kommerziell“, „Parkour“ oder „nur Sport“ und „Effizienz“ oder „Selbstdarstellung“.

Diese Begriffspaare dienen zugleich der Selbstbeschreibung der Szene und der Unterscheidung von anderen Akteuren des urbanen Raums. Sie beschreiben jeweils eine Form des richtig gelebten Parkour in Abgrenzung von etwas anderem, das anhand eines Gegensatzbegriffs konstruiert wird. Als Gegensätze sind sie selbst schon konstruierte (Be-)Deutungen, denn es ist keineswegs zwingend, sich zum Beispiel Authentizität unter Ausschluss von Kommerz oder Effizienz unter Ausschluss von Selbstdarstellung vorzustellen. Um diesen „Seitensprüngen“ und ihrer Wahrnehmung in der Parkour-Szene auf den Grund zu gehen, habe ich vor allem Diskussionen in Internet-Foren analysiert, [2] die ich um ein „Experteninterview“ und informelle Gespräche ergänzte (vgl. Schmidt-Lauber 2001; Krebs 2001, S. 30; Kaschuba 2003, S. 235 f.). Aufgrund der Möglichkeit, Meinungsverschiedenheiten darzustellen, sind Foren als Orte der szeneinternen Selbstbeschreibung von besonderer Bedeutung, auch (oder gerade weil) diese Meinungsverschiedenheiten oft sehr konflikthaft ausgetragen und im jeweiligen Forum oft über Jahre hinweg archiviert werden.

Eine eindeutig greifbare Identität, die als Parkour-Szene zu bezeichnen ist, lässt sich dabei nicht feststellen. Lediglich ein hoher Konsens über die Semantiken, mit deren Hilfe man eine Identität des Parkours abzugrenzen versucht, ist zu beobachten. In Folge dessen ist es schwer, eine Bezeichnung zu finden, die Parkour gerecht wird, da jeder mir bekannte Begriff bereits spezifische Annahmen über die Wesensart des Parkour mittransportiert. Handelt es sich um eine Sportart? Dem widerspricht die Tatsache, dass viele Traceure Parkour als „Philosophie“ erachten, womit offenbar eine spezifische Lebenseinstellung gemeint ist, die Parkour von anderen Tätigkeiten unterscheidet. Und auch Parkour als Jugendkultur zu bezeichnen, wird der Sache nicht gerecht, da Parkour offenbar sowohl von jungen, als auch von älteren Traceuren betrieben wird, und die Grenzziehung zwischen Jung und Alt in der Selbstbeschreibung der Szene keine Rolle spielt. So habe ich mich im vorliegenden Beitrag, als Kompromiss zwischen Verständlichkeit und Genauigkeit, für den Begriff „Szene“ entschieden.

Die mit dem Szenebegriff transportierte, oft selbstverständlich vorausgesetzte Annahme einer Individualisierung der Szeneteilnehmer (z.B. Bauer 2010, S. 61; Hitzler / Bucher / Niederbacher 2005) erscheint mir als empirisch nicht hinreichend belegt und spiegelt möglicherweise nur einen Trend der Jugendforschung, nicht aber der Jugend wieder. [3] Szene ist also nur ein „Verlegenheitswort“ in Ermangelung eines angemessenen Begriffes. Die dabei implizierten Annahmen sind für die Parkour-Szene, so scheint es, nicht hinreichend überprüft.

Authentizität und Kommerzialität [4]

Um Parkour entsteht eine szeneinterne Geschichtsschreibung. Ihr zufolge entwickelte sich Parkour in den 1990er Jahren in Frankreich. In den von mir untersuchten Foren wird Parkour fast durchweg mit dem Ursprungsort Frankreich identifiziert. Französischen Traceuren wird eine besondere Authentizität und ein großes Können zugeschrieben. Nach wie vor rankt sich etwa ein Mythos um die Traceure der Yamakasi. Bei den Yamakasi handelt es sich um die erste Parkour-Gruppe rund um den Schauspieler und Traceur David Belle. Bei den Yamakasi, so verrät mir ein Traceur in einem leider nicht aufgezeichneten Interview, trainiert man mit großer Gelassenheit, man kifft sogar vor dem Training – und schafft trotzdem schier unmögliche Sprünge. Dass es sich hierbei um einen Mythos handelt, ist meinem Gesprächspartner bewusst, doch werden hier bestimmte Idealvorstellungen des Parkour formuliert. Die eher spärliche Präsenz der Yamakasi auf YouTube wird als Verzicht auf eine Selbstinszenierung gewertet und trägt gleichzeitig zum Mythos ihrer sportlichen Überlegenheit bei.

Zudem wird eine gewisse Mythologie der Gründerfiguren betrieben. Im Zentrum steht hier meist der französische Traceur David Belle, über dessen Intentionen spekuliert und dessen Biografie interpretiert wird (vgl. LeTraceur 2011).

Verschiedene Interpretationen des Ursprungs von Parkour werden in den Foren erläutert und teils heftig diskutiert. Beispielsweise äußerte der User Q1 im Forum parkour-germany die These, Parkour existiere bereits seit Friedrich Ludwig Jahn (vgl. Parkour Germany 2010). Er entwarf dabei eine lineare Geschichte von Jahn über Hébert bis zu Raymond Belle und dessen Sohn David Belle, und sprach letzterem ab, Begründer des Parkour zu sein. [5] Diese Idee löste im Forum zum Teil Empörung aus. Die Heftigkeit, mit der verschiedene User_innen die These verwarfen, verdeutlicht, welche Bedeutung der Gründerfigur David Belle innerhalb der Szene zukommt. Der User Q4 stellt im Gegensatz dazu sogar das Ausmaß des Einflusses von Raymond Belle auf David Belle in Frage, da die beiden seiner Meinung nach nur wenig Kontakt miteinander hatten. [6] Damit setzt er David Belle und die Yamakasi als alleinverantwortliche Begründer der Sportart ein. Zwischen diesen Extrempositionen, einerseits kontinuierliche Entwicklung seit F. L. Jahn, andererseits unabhängige Innovation durch David Belle gibt es verschiedene „gemäßigte“ Positionen. In den Diskussionen wird kaum bezweifelt, dass im Parkour gewisse Elemente der méthode naturelle auftauchen. Man ist sich allerdings uneinig, ob diese ausreichen, um eine klare Entwicklungslinie zu unterstellen. [7]

Wie in vielen anderen Szenen auch, wird die Etikettierung als kommerziell – und damit auch inszeniert – als Zuschreibung benutzt, die dazu dient, sich abzugrenzen. Als Kommerz bezeichnete Phänomene werden zum Teil dafür verwendet, um Abweichungen von dem idealen Selbstbild der Szene, als „Seitensprung“ im Sinne einer Abweichung vom echten Parkour zu bezeichnen. Als David Belle, der sich die Rechte an seinem eigenen Namen sichern wollte, die Schließung der populären Plattform parkour.net bewirkte (vgl. German Parkour 2008), wurde dies in der Szene zum Teil mit Unverständnis aufgenommen: „Sobald Geld im Spiel ist geht ein Sport tendenziell den Bach runter. Das hat der Gründer Belle wieder mal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.“ (Ebd.)

Bei den Diskussionen rund um den kommerzialisierten Parkour wird die Verbreitung „falscher“ Bilder durch die Reklame für „falsche“ Marken sowie eine Reduzierung auf das Spektakuläre befürchtet und zuweilen als problematische Folge einer Kommerzialisierung interpretiert. Als David Belle im Mai 2006 während einer im Fernsehen Live übertragenen Performance stürzte, wurde dieser Unfall von ihm als positives Erlebnis, als „echter“ Parkour im Gegensatz zu medieninszenierter Zurschaustellung, gedeutet (vgl. Saville 2008, S. 891).

Im Bezug auf die von vielen User_innen beobachtete Kommerzialisierung des Parkour werden z.B. die Werbekampagnen des österreichischen Energy-Drink-Herstellers Red Bull diskutiert. Für den User Q3 ist die Nutzung von Parkour als Werbeträger für den ‚Energy-Drink‘ Red Bull problematisch, weil sich das ungesunde Red Bull seiner Meinung nach nicht mit der Philosophie des Parkour vereinen lässt. Auch hinter seiner Kritik steht die Forderung, Parkour als Lebenseinstellung und nicht nur als Hobby zu sehen: “I mean it all depends on one’s level of awareness. […] If parkour is only a hobby that doesn’t positively influence other aspects of your own life, you won’t see any problem of such an ‘invasion’.” (Archive Parkour 2010)

In für die Forendiskussionen ungewöhnlicher Schärfe kommentiert Q5 einen Artikel: “Did they just refer to those dudes as ACROBATS? what happened to ‘traceurs’? […] Anyway F##k Red bull for once again trying to cash in on our beloved discipline!” (Ebd.)

Beide Kommentare sind nicht nur Beispiele dafür, dass kommerzielle Interessen an Parkour abgelehnt werden, sondern verweisen auch auf die Bedeutung einer parkourspezifischen Identität. Es geht darum, Traceur zu sein und nicht Akrobat.

Als Distinktionssemantik taucht „Kommerz“ in der Parkour-Szene zwar häufig auf, doch wird Kommerz nicht durchweg negativ bewertet. Manche Szenemitglieder sehen auch positive Effekte der Kommerzialisierung oder betrachten, wie Q3, den Prozess mit Gelassenheit. So schreibt etwa der User Q2: „Ist ja auch bei der freien Martwirtschaft [sic.] eigentlich kein Wunder mehr. Viele Menschen sind so fasziniert von Parkour wenn sie es sehen, das es kein Wunder mehr ist das man dann versucht damit Geld zu machen. […] Ich persönlich finds ja nicht so schlimm dass Parkour mehr Aufmerksamkeit bekommt, aber es gibt eben viele die sich darüber aufregen“ (Parkour Germany 2010a)

Parkour oder nur Sport

Teilweise verwoben mit der Diskussion um eine Kommerzialisierung des Parkour ist, wie oben bereits angedeutet, die Diskussion um echten Parkour, von dem gefordert wird, mehr als nur Sport zu sein.

Ein entscheidender Aspekt der Parkoursemantik ist die Ablehnung von einer Selbstdarstellung. Hier wird eine scharfe Trennlinie zur verwandten Sportart Freerunning gezogen. Parkour soll effizient und möglichst sicher sein, während Freerunning nach Meinung vieler Traceure unnötig spektakuläre Bewegungen, zum Beispiel Saltos, beinhaltet. Auch sollen Traceure Parkour nicht ausüben, um anderen zu gefallen. Mein Interviewpartner Jan sagte dazu: „Wir haben zum Beispiel auch im Unisport teilweise Leute, da siehst du wirklich die wollen halt Parkour wirklich lernen um cool zu sein, vielleicht um anzugeben. […] Das hat für mich halt nichts mit Parkour zu tun, du sollst es bitteschön für dich halt machen und nicht irgendwie um anderen Leuten zu gefallen.“ (Interview, Jan) Der ideale Traceur übt, um das spezielle Gefühl des „flow“ zu erreichen und sich individuell zu steigern. Die Ästhetik der Bewegungen steht im Hintergrund und ist, wenn überhaupt, ein unbedeutendes Nebenprodukt des richtigen „flow“. Noch entschiedener als alltägliche Selbstdarstellung werden sportliche Wettkämpfe abgelehnt, die der Idee einer nur individuell bedeutsamen Bestleistung widersprechen und stattdessen Vergleichbarkeit erzwingen.

Der entscheidende Unterschied zu bloßem Sport entsteht für die meisten User der analysierten Foren aber durch die Einhaltung der „Philosophie“ des Parkour, obgleich kein Konsens darüber herrscht, was genau diese Philosophie beinhaltet. Viele Traceure bewerten die Reduzierung des Parkour auf Sporttechniken als problematisch. Wer echten Parkour machen will, muss den weltanschaulichen Grundhaltungen der Szene entsprechen. Große Bedeutung haben dabei Diskussionen um eine szenespezifische Ethik. Sie zeigt sich in den Foren in den vergleichsweise strengen Diskussionen über Verhaltensrichtlinien und Einstellungen gegenüber dem Parkour.

Der User Q6 verweist auf parkour.net auf einen Beitrag in einem anderen Forum ashigaru.de (vgl. Parkour 2008), in dem über einen Streit zwischen Traceuren und Anwohner_innen berichtet wird, die sich von den Traceuren offenbar gestört fühlten. Die meisten Kommentare weisen darauf hin, dass Traceure in einer derartigen Situation nachgeben und sich zurückziehen sollten, selbst wenn sie sich in einem Streit im Recht befänden. Aus den Kommentaren wird aber auch indirekt deutlich, dass auf ashigaru.de andere, abweichende Verhaltensrichtlinien empfohlen wurden. Leider wurde der Beitrag auf ashigaru.de mittlerweile entfernt, weshalb er in der vorliegenden Untersuchung nicht tiefgreifender analysiert werden kann. Auffällig ist jedoch, dass Q6 die Beteiligten als „Menschen die behaupten Parkour zu machen“ (Ebd.). bezeichnet. Denjenigen, die gegen den Verhaltenscodex des Parkour verstoßen, wird also die Identität als Traceure abgesprochen. Ähnlich kommentiert User Q7 auf parkour-germany.de, „dass 90% der ‚Parkour Szene‘ gar kein Parkour machen weil sie über geistige Haltung usw. nicht nachdenken“ (Parkour Germany 2010). Ohne diese Philosophie handle es sich nur noch um gewöhnlichen Sport.

Mehrfach lässt sich beobachten, dass deutlich zwischen Sport und „mehr als nur Sport“ unterschieden wird. Von einem Informanten wird in einem Gespräch das Wort Dropper-Kid als abwertende Bezeichnung für Personen verwendet, die Parkour betreiben wollen ohne die richtige Einstellung zu teilen. „Dropper-Kids wären dann irgendwelche Kinder, die […] irgendwo raufklettern und runterspringen [und die] einfach nicht den Spirit haben.“

Die Auseinandersetzung über den richtigen Parkour erfüllt meiner Ansicht nach die Erfordernisse einer Distinktion erzeugenden Semantik: Die Anerkennung der Philosophie des Parkour ist Inklusionsbedingung, wer dagegen verstößt ist kein authentischer Traceur. Diese Vermutung wird durch die Aussage des Users Q8 unterstützt, der von einer wachsenden Bedeutung der Philosophie für die Parkour-Szene spricht. Auf die Anfrage eines Schülers zum Thema: „Zerstört die Kommerzialisierung die Philosophie des Parkour“ hin antwortet Q8: „als ich mit dem zeug angefangen hab (und das ist nun auch nicht soo lange her, 2006) war die ‚philosophie‘ von parkour für die meißten noch ‚freerunner sind dummer poser-idioten und parkour ist absolut ungefährlich‘ das ganze hat sich dann langsam etwas geändert und die ursprünglichen oder neuen werte kamen doch etwas mehr zum tragen“ (Parkour Germany 2010b).

In der Realität zeigt sich Parkour keineswegs als so selbstdarstellungs- und wettkampffrei wie es die Selbstbeschreibungen fordern, die nicht zuletzt ihrerseits Selbstdarstellungen sind. Die zahlreichen YouTube Videos, oft mit Musik unterlegt und spektakulär geschnitten, verweisen auf ein großes Bedürfnis nach Selbstdarstellung und erlauben zudem wettkampfähnliche Vergleiche und Konkurrenz zwischen den Traceuren. Zudem zeigt sich, dass es keine klare personale Trennung zwischen Parkour und Freerunning gibt. Viele betreiben beides, doch zumindest in den analysierten Foren legt man großen Wert darauf, dass sich die Traceure bewusst sind, wann sie Parkour betreiben und wann Freerunning.

Ausblick

Dieser Aufsatz kann und will die Frage, was „echter Parkour“ ist und welche Einflüsse die Kommerzialisierung auf die Szene hat nicht beantworten. Er stellt somit keinen Beitrag zu der Diskussion um eine Kommerzialisierung von Jugendszenen dar. Es konnte aber gezeigt werden, dass die Selbstbeschreibung der Parkour-Szene nicht auf die Darstellung von Sporttechniken beschränkt ist, sondern dass zusätzliche Merkmale, anhand derer Parkour von Nicht-Parkour unterschieden wird, in den Diskussionen in Internetforen angeführt werden. [8] Der Seitensprung ist also nicht nur als performativer Akt des Parkour, als tatsächlicher Sprung, sondern auch als Metapher im Sinne einer Untreue, einer Abtrünnigkeit von der Parkour-Szene zu verstehen. Es wäre irreführend zu behaupten, dass in den Internetforen Konsens über die Identität des Parkour herrsche. Relativ eindeutig können lediglich Themenbereiche festgestellt werden, über die diskutiert und die für wichtig empfunden werden.

Aus den Forendiskussionen kristallisiert sich eine bestimmte Selbstbeschreibung der Parkour-Szene heraus, die Parkour zum Beispiel als nicht-kommerziell, nicht-selbstdarstellerisch und als etwas bezeichnet, das „mehr als nur Sport“ ist. Offen bleibt dabei aber, wie genau sich diese Abgrenzungen bemerkbar machen. Zwar herrscht Konsens darüber, dass Parkour kein Kommerz ist, doch sowohl Kommerz als auch Parkour selbst bleiben unscharf definiert.

Die Frage, auf welche Weise sich einzelne Traceure oder lokale Gruppen auf diese Selbstbeschreibungen beziehen, müsste über Interviews und/oder teilnehmende Beobachtungen erforscht werden. Es kann aber vermutet werden, dass die im Internet diskutierten Selbstbeschreibungen, sofern sie für die ausübenden Traceure überhaupt relevant sind, einerseits unscharf genug sind, um mit jeweils eigenen Vorstellungen gefüllt zu werden, andererseits aber doch erlauben, die „Szene“ als (abgrenzbare) Einheit vorzustellen, auf die Bezug genommen werden kann.

Offen bleibt in diesem Aufsatz auch, inwieweit die szeneinternen Selbstbeschreibungen von den massenmedial vermittelten Bildern des Parkour beeinflusst werden bzw. diese massenmediale Darstellung des Parkour beeinflussen. Beide Blickwinkel unterscheiden sich stark von einander und die Forennutzer distanzieren sich heftig von den massenmedial transportierten Bildern. Wenn aber, wie Bauer annimmt, der Ruf der Yamakasi durch die gleichnamigen Spielfilme (Zeitoun 2001 und Seri 2004) mitbegründet wurde (vgl. Bauer 2010, S. 87), wäre dies ein Hinweis darauf, dass die Szene trotz starker Ablehnung bestimmter massenmedialer Inszenierungen des Parkour zugleich maßgeblich von anderen, ebenfalls massenmedialen Darstellungen geprägt wird.

Die Selbstbeschreibung des Parkour sollte jedenfalls nicht auf die Funktion der Grenzerhaltung reduziert werden. Auch darf Abgrenzung nicht ohne weiteres als Motivation für die Entwicklung dieser Selbstbeschreibungen angenommen werden. Lediglich eine Funktion der Grenzerhaltung, den diese Selbstbeschreibungen auch erfüllen, ist festzustellen und sollte in weiteren Forschungen berücksichtigt werden.

Der Autor

Marius Meinhof studiert seit 2007 Europäische Ethnologie, Philosophie und Sozialpädagogik an der Universität Bamberg. Arbeitete als Hilfskraft am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie Bamberg und unterrichtete Englisch in Thailand und China. 2011 Auslandssemester an der Xi‘an Jiaotong Universität, China.

Literatur

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Burkart, Günter (2007): Luhmann als Kulturtheoretiker? In: Därmann, Iris; Jamme, Christoph (Hrsg.): Kulturwissenschaften. Konzepte, Theorien, Autoren. München, S. 331-367.

Eberle, Lukas (2009): Ironie auf Asphalt. In: Der Spiegel Nr. 39, S. 123.

Farin, Klaus (1998): Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik. Musik und Rebellion. Bad Tölz.

Hitzler, Ronald; Bucher, Thomas; Niederbacher, Arne (2005): Leben in Szenen. Formen jugendlicher Vergemeinschaftung heute. 2. Aufl. Wiesbaden (= Erlebniswelten, Bd. 3).

Interview: Jan (Mai 2010, Länge ca. 1,5 Stunden, Name anonymisiert).

König, Andrea (2007): Kleider schaffen Ordnung. Regeln und Mythen jugendlicher Selbst-Präsentation. Konstanz.

Krebs, Thomas (2001): Platzverweis. Städte im Kampf gegen Aussenseiter. Tübingen (= Studien und Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts, Bd. 21).

Krüger, Heinz-Herrman (1993): Handbuch der Jugendforschung. 2. Aufl. Wiesbaden.

Krüger, Heinz-Herrman (2010): Handbuch der Kindheits- und Jugendforschung. 2. Aufl. Wiesbaden.

Luhmann, Niklas (1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt a.M.

Luhmann, Niklas (1998): Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M.

Müller, Marion (2009): Fußball als Paradoxon der Moderne. Zur Bedeutung ethnischer, nationaler und geschlechtlicher Differenzen im Profifußball. Wiesbaden.

Pape-Kramer, Susanne; Heinlin, Christian (2007): Thema: Le Parkour. In: Sportunterricht 56, S. 169-175.

Saville, Stephen John (2008): Playing with fear: parkour and the mobility of emotion. In: Social and Cultural Geography 9, S. 891-914.

Scherr, Albrecht (2005): Jugendsoziologie. Einführung in Grundlagen und Theorien. 8. Aufl. Wiesbaden.

Schneider, Ingo (2009): Erzählen und Erzählforschung im Internet. Tendenzen und Perspektiven. In: Schmitt, Christoph (Hrsg.): Erzählkulturen im Medienwandel. Münster (= Rostocker Beiträge zur Volkskunde und Kulturgeschichte, Bd. 3), 225-242.

Schmidt-Lauber, Brigitta (2001): Das qualitative Interview oder: Die Kunst des Reden-Lassens. In: Lehmann, Albrecht; Göttsch, Silke (Hrsg.): Methoden der Volkskunde. Positionen, Quellen, Arbeitsweisen der Europäischen Ethnologie. Berlin, S. 165-186.

Film

Seri, Julien (2004): Die Samurai der Moderne. Die dunkle Seite. Spielfilm. Regie: Julien Seri. Darsteller: Williams Belle, Yann Hnauta, Laurent Piemontesi u.a. Frankreich.

Zeitoun, Ariel (2001): Yamakasi. Samurai der Moderne. Spielfilm. Regie: Ariel Zeitoun. Darsteller: Williams Belle, Yann Hnauta, Laurent Piemontesi u.a. Frankreich.

Internet:

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http://archive.parkour.net/index.php?showtopic=4091&pid=65186&mode=threaded&start=0#entry65186 [Zugriff 26.06.2010].

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Parkour (2008): Die Zukunft von „Parkour“ in Deutschland. Verantwortungslosigkeit, Entstirnigkeit, mangelnde Kommunikation, … URL: http://parkour.net/Die-Zukunft-von-Parkour-Deutschland-t720.html&s=d25c6463d26f8ef06c44e49fe3fff273 [17.06.2010].

Parkour Germany (2010). URL: http://www.parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=11354&highlight=Jahn [16.06.2010].

Parkour Germany (2010a). URL: http://www.parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=8438 [26.06.2010].

Parkour Germany (2010b). http://www.parkour-germany.de/board/wbb/index.php?page=Thread&threadID=12180 [24.06.2010].

Wilkinson, Alec (2007): No Obstacles. Navigating the world by leaps and bounds. In: The New Yorker, URL: http://www.newyorker.com/reporting/2007/04/16/070416fa_fact_wilkinson?currentPage=1 [Zugriff 16.6.2010].

YouTube (2011): Madonna – Jump [Official Music Video]. URL: http://www.youtube.com/watch?v=F_Pz-2_JkZs [07.07.2011].

Fussnoten


[1] Den Begriff Semantik übernehme ich hier (recht frei) aus der Theorie des Soziologen Niklas Luhmann, die die Fragestellung dieses Aufsatzes maßgeblich inspiriert hat. Da Luhmann nicht zum ethnologischen Grundwissen gehört und seine Aufsätze zur gesellschaftlichen Semantik selbst unter Soziologen nicht immer bekannt sind, habe ich versucht, alle „Insiderbegriffe“ möglichst wegzulassen. Wer sich für die theoretischen Überlegungen, die hinter dem Semantikbegriff stehen, interessiert, kann viel Literatur zu dem Thema finden, z.B. bei Burkart 2007, S. 343; Luhmann 1998, S. 866ff; Luhmann 1987, S. 224f.

[2] Hierbei handelt es sich um Foren, in denen sich Parkour-Begeisterte über den Parkour und sein Umfeld austauschen. Diese Foren haben eine leichte Zugangsbeschränkung. Für viele Quellenangaben der vorliegenden Untersuchung bedeutet das eine erschwerte Überprüfbarkeit und entgegen vieler Online-Untersuchungen auch verstärkt, dass ich Teil des Internetforums werden musste, das ich untersuchte. Da die Foren nicht als Publikationen erachtet werden können, mussten die (oft bedeutungsvollen) Namen der Forennutzer geändert werden.

[3] Zur Kritik des Individualisierungsparadigmas vgl. Scherr 2005, S. 49f; spezifisch im Bereich Kleidungsstile: König 2007; zur Karriere des Begriffes vgl. Krüger 1993 bis Krüger 2010, wobei viele Beiträge in letzterem bereits leise Zweifel am Individualisierungsparadigma äußern.

[4] Es gibt bereits mehrere wissenschaftliche Auseinandersetzungen zur Kommerzialität des Parkour, vgl. etwa Th. Bauer 2009; Farin 1998.

[5] Den als französisch gelabelten Parkour auf F. L. Jahn zurückzuführen, erweckt natürlich auf den ersten Blick den Verdacht einer nationalistischen Auseinandersetzung. Jahn nahm eine deutsch-nationalistische und antifranzösische Haltung ein, und band diese stark in seine Turnkonzepte ein, Müller 2009: S. 41. Ob hinter Q1s Argumentation eine politische Haltung steht, konnte aufgrund des vorliegenden Materials nicht festgestellt werden. Jedenfalls erschien mir die Diskussion „Jahn“ oder „Belle“ mehr als eine Auseinandersetzung zwischen „neu“ und „alt“ denn eine Auseinandersetzung zwischen „französisch“ oder „deutsch“. Und die Gegenreaktionen verteidigten die Person Belle, nicht etwa den Ursprungsort Frankreich.

[6] Er bezieht sich dabei, und auch das ist ein Beispiel für die Verweisungszusammenhänge im Netz, auf einen online veröffentlichten Zeitungsartikel, Wilkinson 2007.

[7] In der wissenschaftlichen Literatur wird ganz selbstverständlich auf die Entwicklung des Parkour aus Héberts méthode naturelle hingewiesen, vgl. Pape-Kramer/Heinlin 2007 und Rochhausen 2009. Doch bleibt dies unbelegt und wurde wohl ungeprüft aus den Selbstbeschreibungen der Szene entnommen.

[8] Dies ist nicht auf die hier beschriebenen Grenzziehungezn in Internetforen beschränkt, sondern betrifft verschiedene symbolische Formen wie z.B. Kleidung, die im Rahmen dieses Aufsatzes nicht behandelt wurden. Ich gewann während meiner Nachforschungen den Eindruck, dass sich durchaus ein szenespezifischer Kleidungsstil entwickelt hat. Inwieweit dieser zur Grenzziehung und Darstellung von Szenezugehörigkeit genutzt wird, kann hier nicht weiter behandelt werden.