Die Volkskunde und ich: Es ist kompliziert

Verena Rock

Der Fensterplatz in der Uni Bonn

Die Dreiecksgeschichte begann vor zwei Jahren im Internet. Nämlich auf der Website der Uni Bonn. Ich wollte aus privaten Gründen näher an Köln rücken und entdeckte durch Zufall einen reizvollen Studiengang an der Uni Bonn: eine Kombination aus Germanistik und Volkskunde/Kulturanthropologie. Diese Interdisziplinarität erschien mir spannend und auch für spätere Bewerbungen hilfreich. Ich schaute mir das Vorlesungsverzeichnis an und fand einen großen Pool an interessanten Veranstaltungen. Wäre ich damals bereits bekannt gewesen mit den Vorschriften, Studienverlaufsplänen und dem Punktesystem einer Universität, hätte ich etwas detaillierter hingesehen. Doch bevor man nicht eine Weile an einer Uni studiert hat, versteht man viele Abläufe und Zusammenhänge nicht. Ich hätte damals schon erkennen können, dass die Volkskunde/Kulturanthropologie an der Uni Bonn den Stellenwert eines Nebenfachs hat, was mir aber als „Laie“ überhaupt nicht klar war. Das Veranstaltungsangebot sah verlockend aus und ich wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass bei einigen Modulen, auf denen „Kultur“ drauf steht, nicht unbedingt Volkskunde/Kulturanthropologie drin ist. Diese Begriffsschwierigkeit kennen sicher viele Studienanfänger_innen in unserem Bereich.

Ich war zwar schon sehr angetan von dem Studiengang in Bonn, aber da ich keine Dummheiten machen wollte, entschied ich mich, zu einer Studienberatung zu gehen. Dafür reiste ich aus dem 600 Kilometer weit entfernten Berlin an. Dieses Gespräch verlief so positiv, dass ich endgültig von Bonn überzeugt war. Während des Gesprächs war nie die Rede davon, dass die Volkskunde/Kulturanthropologie in irgendeiner Art gefährdet war – und ich hätte natürlich auch niemals in der Richtung nachgefragt. Warum sollte ich auch? Ich stand kurz vor dem Abitur und freute mich wahnsinnig auf alles, was mich im Studium erwarten würde.

Das Abitur war geschafft, ich war mit meinen Kisten und Kartons in Bonn angekommen. Ich hatte mich mittlerweile auch schon ein wenig in den Studienverlaufsplan eingearbeitet. Zunehmend wurde mir klar, dass ich in den ersten zwei Semestern vier Basismodule zu absolvieren hatte und keines davon würde Kulturanthropologie beinhalten. Das war der erste Haken am Studium, aber ich stürzte mich in die Germanistik und fand auch hier einige spannende Veranstaltungen.
Im dritten Semester ging es nun endlich los mit der Kulturanthropologie. Ich hatte sehr viel Spaß dabei und fing an, alle Menschen in meinem Umfeld mit meinem neu erworbenen Wissen über kulturanthropologische Themen zu überschütten. Ob sie es wollten oder nicht. Alles war gut! Bis eine Email von einer Dozentin kam, dass in der nächsten Woche eine Abschaffung der Volkskunde drohte. Es war ein absoluter Schock für mich und die meisten meiner Kommilitonen_innen. Für viele Andere an der Universität jedoch nicht. Nach und nach erfuhr ich die Ausmaße des Ganzen, seit einigen Jahren drohte der Volkskunde bereits das Aus. Davon hatte ich noch nie etwas gehört. Ich gab mir sehr viel Mühe, zu tun, was ich nur irgendwie konnte. Ich sammelte Unterschriften im Französisch-Kurs, verschickte E-Mails, mobilisierte meine Familie und Freunde. Schließlich stand die entscheidende Sitzung des Fakultätsrates an. Studierende des Faches durften ausnahmsweise als stille Gäste an der Diskussion über die Schließung der Module teilnehmen, um Präsenz zeigen zu können. Natürlich war ich voller Entschlossenheit und Optimismus vor Ort, was mir aber schnell verging. Wie dort über die Zukunft meines Fachs verhandelt wurde, öffnete mir erst die Augen, wie verfahren die ganze Situation tatsächlich war.

Es kam mir so vor, als ob der Volkskunde/Kulturanthropologie womöglich auch persönliche Antipathien zum Verhängnis werden würden. Ich wunderte mich über einige Kommentare in offizieller Runde: Noten würden verschenkt, Kulturanthropologen_innen würden Kurse stören (was ich sehr befremdlich fand, denn ich war zufällig in einem dieser Kurse und habe regelmäßig etwas zum Kurs beigetragen). Und überhaupt wäre einigen gar nicht klar, warum man das überhaupt studieren wolle. Einiges widersprach jeder Sachlichkeit und das empfand ich als verletzend und beleidigend. Zudem war ich entsetzt darüber, dass die Diskussion auf eine solch persönliche Ebene gehoben wurde. Ich hatte in einem universitären Betrieb etwas Anderes erwartet. Es gab glücklicherweise auch Stimmen, die objektiv argumentierten und auch Einzelne, die positive Sichtweisen formulierten und das Fach unterstützten. Schließlich wurde der Volkskunde ein Aufschub von einigen Wochen gewährt, innerhalb derer sie versuchen sollte, sich zu vernetzen und möglicherweise doch noch einen Zusammenschluss mit einer anderen Abteilung zu erwirken. Sicherlich waren diese Wochen für alle Betroffenen eine große Herausforderung. Für mich waren sie voller Unwissenheit und Unruhe. Es wurde zwar mehrfach betont, dass alle Studierenden, die derzeit einen Bachelor im Profil der Volkskunde/Kulturanthropologie anstrebten, diesen auch beenden können würden, doch einen Master würde es im schlimmsten Falle für uns nicht mehr geben.

Je mehr Zeit verstrich, desto bewusster machte ich mir die derzeitige Situation. Ich musste mit der Schließung unserer Abteilung rechnen. Ich fing an, mich mit meiner Lage intensiv auseinanderzusetzen: Was kann ich tun? Wo könnte ich einen Master studieren? Wieder landete ich im Internet – und wieder durchsuchte ich die Websites aller möglichen Unis, dieses Mal jedoch mit einem geschulten Auge. Je mehr ich mich damit befasste, desto klarer wurde mir, dass das mit dem Master gar nicht so einfach werden dürfte. Die meisten Master im Bereich der Volkskunde sind konsekutiv, das heißt sie knüpfen an vorher erlerntes Wissen an. Dieses Wissen wird gleichgesetzt mit einer gewissen Anzahl an Leistungspunkten (oder Credit Points). Das Minimum wird hier meist mit 60 oder 80 Leistungspunkten angegeben. Gut, also bisher hatte ich im Bereich der Volkskunde … ähm … null! Am Ende des dritten Semesters wären es dann zwölf. Und am Ende des vierten Semesters 24. Dann noch die Bachelor-Arbeit … schließlich wäre ich bei ganzen 36 Punkten. Langsam dämmerte es mir, dass ich auf ein Problem zusteuerte. Ich besprach das Thema mit einer Dozentin. Sie brachte mich auf die Idee, die fehlenden Punkte im Ausland zu sammeln. Also recherchierte ich auch sämtliche ausländische Unis im Hinblick auf Europäische Ethnologie.
Inzwischen waren die Verhandlungen über die Zukunft der volkskundlichen Abteilung fortgeschritten, leider ließen sie nichts Gutes erahnen. Fragen tauchten auf: Was wird aus der Bibliothek? Dem Archiv? Woher bekommt der Landschaftsverband Rheinland in Zukunft seinen Nachwuchs? Was geschieht mit den Zeitschriften? Ich weiß auf diese Fragen bis heute keine Antwort.

Mit der Planung meines Auslandsaufenthalts ging es dafür gut voran. Ich erfuhr sehr viel Unterstützung seitens des Erasmus-Büros und konnte schließlich eine Uni finden, wo ich jene Punkte sammeln könnte, die ich so dringend brauchte. Nun musste ich nur noch zu einem abschließenden Gespräch zum Kustos. Und da tat sich mir mal wieder der Boden unter den Füßen auf: Der Plan fiel dem Computersystem der Uni Bonn zum Opfer. Es stellte sich heraus, dass ich nur zwei kulturanthropologische Module absolvieren darf. Denn um etwas anrechnen zu können, braucht es ein Äquivalent im System, dieses ist aber nicht vorgesehen und damit kommen nur noch germanistische Module in Frage. Nun war es Zeit für den Zusammenbruch: Krise! Mir verging wirklich die Lust auf dieses Hin und Her.

Ich wollte neu anfangen, stand in regem Kontakt mit einer anderen Universität, ein Wechsel war schon in Planung. Doch dann wurde mir eröffnet, dass diese mir mein Nebenfach nicht würden anrechnen können. Ich müsste also mit dem Studium wieder relativ weit vorne beginnen, wahrscheinlich im zweiten Semester. Obwohl das ein Verlust von zwei Semestern bedeuten würde, hätte ich jeder anderen Person an meiner Stelle dazu geraten. Aber nicht mir. Ich fühle mich zu alt dafür, stehe kurz vor meinem 30. Geburtstag. Ich habe bereits eine Ausbildung gemacht, sechs Jahre gearbeitet und, als mein Leben eigentlich schon in gelenkten Bahnen verlief, habe ich mich dazu entschlossen, das Abitur über den zweiten Bildungsweg nachzuholen.

Volkskunde an der Uni Bonn

Ich habe diesen Entschluss nie bereut, im Gegenteil – ich bin sehr glücklich über diese Entscheidung. Aber trotzdem möchte ich nicht schon wieder von vorne anfangen, ich will endlich ankommen. Zudem hätte ich jede Menge Schulden für nichts gemacht: vier Semester Darlehen vom Studentenwerk erhalten (BAföG), zwei Semester Schulden wegen der Studiengebühren/Studienkredit und alles umsonst. Und neue Schulden kämen noch hinzu: Denn laut dem BAföG wird nur das Erststudium gefördert. Ein Wechsel des Studiengangs ist nur bis einschließlich dem dritten Semester möglich. Und ich bin ja im vierten Semester. Nee! Mir wurde klar, ich muss das Studium jetzt durchziehen und einen Master finden, der mich für die Entbehrungen im Bachelor entschädigen wird. Also nahm ich Kontakt mit drei Universitäten auf, die mir attraktiv erschienen, und verwies dabei auf die besondere Situation in Bonn. Ich habe erklärt, dass ich eigentlich viel zu wenige Punkte habe und streng genommen auch eher Germanistin als Kulturanthropologin bin; jedenfalls auf dem Papier, nicht im Herzen. Da unser Fach intern sehr gut verknüpft ist, wussten meine Ansprechpartner_innen bereits über die schwierige Lage Bescheid. Mir wurden einige Möglichkeiten eröffnet, wie eine Zulassung zum Master doch noch zu erreichen sein könnte. Auch gibt es einige Universitäten, die einen nicht-konsekutiven Master anbieten. Zum ersten Mal seit langem bin ich wieder entspannt. Ich habe mich mit der Situation, wie sie ist, arrangiert. Es gehört für mich zum Alltag, nebenbei Augen und Ohren offenzuhalten, welche Möglichkeiten sich für ein Masterstudium bieten könnten. Zudem haben die vielen Schwierigkeiten der vergangenen Monate zu einem Crash-Kurs in Sachen universitärer Bürokratie geführt. Ich kenne mich besser aus denn je. Auch meine Zukunft sehe ich jetzt wieder ein wenig klarer vor mir: Ich weiß, dass ich meinen Bachelor wie geplant zum sechsten Semester beenden werde. Ich weiß nicht, wie es mit der Volkskunde in Bonn weitergehen wird. Ich weiß aber ganz sicher, dass ich das Fach weiterstudieren werde, egal wie und wo – weil ich meine Liebe zur Volkskunde entdeckt habe. Und vielleicht wird auch die Uni Bonn diese Liebe in letzter Sekunde für sich noch einmal wiederentdecken können.

Verena Rock geb. 1981 in Fulda, seit 1999 staatl. gepr. Fremdsprachensekretärin. Anschließend einige Jahre in diesem Beruf tätig. Ab 2006 holte sie in Berlin auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nach. Seit 2009 studiert sie in Bonn den Bachelor Germanistik – Vergleichende Literatur- und Kulturwissenschaft, Profil Kulturanthropologie, Nebenfach Psychologie.

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