Interdisziplinarität und maximierter Erkenntnisgewinn

Benedikt G. Kroll

Was Ex-Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in der Plagiatsaffäre [1] um seine Doktorarbeit zum Verhängnis wurde, ist eigentlich gar nicht so schlecht wie sein Ruf: der Seitensprung. Er kommt nicht nur in den Romanen Rosamunde Pilchers oder in den Vorabendserien der Fernsehkanäle vor – auch in der Wissenschaft lässt sich der Seitensprung faktisch immer wieder diagnostizieren oder zumindest in Methodendiskussionen einbringen. Die Akteure ziehen ihn allerdings kaum jemals heran: Der Seitensprung ist negativ konnotiert. Fällt das Schlagwort, so kommen weitere in den Sinn – und die klingen nicht unbedingt positiv: Verwerflichkeit, Untreue, Unehrlichkeit.
An einem durchschnittlichen Nachrichtentag dürfte ein kurzer Blick in die gängigen Boulevardzeitungen genügen, um die herkömmliche Definition des Seitensprungs zu ergründen. Es geht um ein Ereignis: eine Nacht (vielleicht auch mehrere Nächte) außer der Reihe, wonach hoffentlich alles wie vorher ist. Jemand „begeht“ einen Seitensprung – hat Geschlechtsverkehr mit einem anderen als mit dem festen Partner – und geht um den Nervenkitzel einer reizvollen Erfahrung reicher daraus hervor. Der Seitensprung widerspricht dem alten Ideal der klassischen Ehe, die aufgrund der „geistigen Liebe“ entsteht und in ewiger Treue andauert. (Vgl. Dittmar 1849, S. 51)

Die Entstehensprozedur einer Liebesbeziehung, herkömmlich betrachtet, steht im Interdependenzgeflecht zahlreicher, aus der Sicht des nach der Verbindung strebenden Akteurs jeweils autonomer Aspekte und Faktoren. Wenn eine Beziehung gemäß jener „geistigen Liebe“ entsteht, kann sich das Verhältnis der potentiellen Partner, wie sie sich also persönlich zueinander positionieren, auf die Zeit als ermöglichenden und eventuell sogar fördernden Faktor stützen. Durch einen Seitensprung, wie oben definiert, erlaubt es sich der strebende Akteur hingegen, diesen Vorgang abzukürzen. Jemand strebt aus persönlichen, meist nicht-ökonomischen Gründen nach einer sexuellen Verbindung, jedoch gemäß einer vordefinierten Positionierung zum gesuchten Partner: Die zu vereinenden Ansprüche basieren zu einem großen Anteil auf Libido. Das passende Gegenüber dazu „soll für eine Nacht gut sein, nicht für ein ganzes Leben“. (Sachse/Vernier 1998)

Gesellschaften, die ihre moralischen Wertdefinitionen nach christlichen Lehren ausgerichtet haben, erkennen im beziehungstechnischen Seitensprung einen Verstoß gegen ihre Richtlinien. Dies geht zurück auf die Regeln des Dekalogs, welche unter anderem den Ehebruch verbieten. (vgl. Exodus 20,14)

Das Prinzip des Seitensprungs im Bereich zwischenmenschlicher sexueller Beziehungen lässt sich mit gewissen methodischen Erscheinungen im Bereich des Wissenschaftsbetriebes vergleichen. Der herausragende Unterschied besteht darin, dass die Definition des Seitensprungs für die Wissenschaft nicht notwendigerweise negative Konnotationen birgt. Vielmehr kann in diesem Bereich auch eine dezidiertere, auf Effektivität und emotionsfreie Kriterien konzentrierte Wertung auftreten.
Dem grundlegenden Tatbestand des Seitensprungs wohnt das Streben nach einer Horizonterweiterung über die von treue-ähnlichen Konstruktionen vorgezeichneten Bahnen hinaus inne. Er bezweckt, über bereits Bekanntes hinaus, auch weitere eingehende Reize oder Informationen aufnehmen zu können. Diese werden nicht mehr notwendigerweise rigide und eng an moralische, methodische oder religiöse Normen evaluiert, sondern individuell-rezeptiv aufgenommen, also einzeln bewertet. Als ausschließliches Kriterium hierzu gilt, dass die jeweiligen Bedürfnisse und Triebe des rezipierenden Individuums gestillt werden.

Insofern, als ein Seitensprung die Offenheit für externe Reize und Informationen impliziert, entsteht die Chance auf einen größeren Erfolg der jeweiligen Methode durch einen breiter gefächerten Denkansatz im Arbeitsstadium. Gerade im Wissenschaftsbetrieb in den Bereichen der Forschungsdarstellung und sekundären Textproduktion ist ein bedachter Umgang mit dem machtvollen Instrumentarium des Seitensprungs jedoch unbedingt erforderlich.
Das Beispiel des Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg erweist sich damit nicht gerade als Modell für einen Seitensprung im Bereich der Wissenschaft: Als vitales Element dieses Konzepts müsste die eigene inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Thema sowie den externen Reizen und Informationen durch das agierende Subjekt, also beispielsweise den Verfasser einer Doktorarbeit, gegeben sein, damit sie in einen Diskurs integriert werden. Fehlt dieses Element, sind eher Einordnungen wie Nutznießertum oder letztendlich wissenschaftliche Zwangsprostitution an der Tagesordnung. Dass eine Aktion wie die des ehemaligen Verteidigungsministers strafrechtlich betrachtet den Tatbestand des Betruges erfüllt und somit institutionalisierter Ächtung unterliegt, welche auch öffentlich kommuniziert wird, bringt potentiell auch andere in Verruf, die sich abseits streng disziplinärer Bahnen bewegen.

Das Konzept des wissenschaftlichen Seitensprungs birgt allerdings ein großes interdisziplinäres Potential. Es gibt zwei grundlegende Möglichkeiten, wie es in die Praxis umgesetzt werden kann: Zum einen sind Situationen denkbar, in denen ein interdisziplinär erkennbares Ziel gemeinsam verfolgt wird. In der Affäre um die Plagiatsvorwürfe gegen zu Guttenberg beispielsweise, als Pars pro Toto [2] der Wissenschaft, fanden sich zunächst parallel in zahlreichen Disziplinen stattfindenden Bemühungen, die vermuteten Verfehlungen zu belegen, zusammen. Sie stellten im Laufe der Zeit Verbindungen untereinander her und begingen somit in einzelnen, praktisch dafür geeigneten Aspekten wissenschaftliche Seitensprünge. Ausgangspunkt der dazu führenden Bestrebungen war jeweils, das Ziel optimaler zu erreichen. Umgekehrt bestünde jedoch auch die Möglichkeit, einen wissenschaftlichen Seitensprung bewusst als Angriffspunkt zu konzipieren, um damit einen interdisziplinären Dialog zu provozieren. Auch auf diese Weise wird das Erreichen des Ziels, dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn, mit höheren Erfolgsaussichten ermöglicht. Wie beim beziehungstechnischen Seitensprung besteht unterdessen ein Risiko, innerhalb der jeweiligen Fachgemeinschaften Kritik am Seitensprung, möglicherweise auch Trennungen bisheriger Einheiten der Wissenschaftler zu erzeugen.

Emotionsfrei betrachtet, bietet das eben Erläuterte das Potential für konstruktive, gestaltende Dynamiken innerhalb der Wissenschaft. Die im Zuge eines Seitensprungs neu aufkommenden Kommunikationsprozesse lösen im Idealfall auch praktische Konsequenzen aus, welche strukturelle Veränderungen hervorrufen und eine allmähliche Selbstgestaltung von Methodik, Selbstverständnis und Wertekanon der Wissenschaft hervorrufen.
Auch wenn er so gar nicht in die Strukturen konservativer Methodik passen möchte und von daher gesehen wenig respektabel oder sogar verwerflich erscheint – der Seitensprung trägt Potential für wissenschaftliche Erfolge. Gerade durch die zunehmend komplexen Sphären der wissenschaftlichen Arbeit in der Gegenwart wird eine Erweiterung des Arbeitshorizonts immer wichtiger. Mit Blick auf die hier exemplarisch angeführten Ereignisse zeigt sich jedoch, dass im Interesse der Wissenschaft ein deutlicher und auch von Laien wahrnehmbarer Abstand zur missbräuchlichen Anwendung des Seitensprung-Konzepts gewahrt werden muss.

Benedikt G. Kroll geboren 1990 in Wolfsburg, studiert in Frankfurt am Main Kulturanthropologie, Philosophie und Informatik. Mitarbeit in verschiedenen Programmen der länderverbindenden Jugendbildungsarbeit.  Seit April 2011 Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Kulturanthropologie e.V. Frankfurt am Main.

Quellen

Dittmar, Louise (1849): Das Wesen der Ehe. Nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen. Leipzig.

Sachse, Katrin und Vernier, Robert (1998): Dienstleistung. Untreue und anderer Betrug. In: FOCUS Magazin, Heft 43. Online-Archiv. URL: http://www.focus.de/politik/deutschland/dienstleistung-untreue-und-anderer-betrug_aid_174328.html [17.05.2011].

Anmerkungen

[1] Neben der Plagiatsaffäre um zu Guttenberg gelangten auch weitere Fälle von unter Plagiatsverdacht stehenden Dissertationen von politischen Prominenten an die Öffentlichkeit. Dazu zählten unter anderem die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin und der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU)

[2] Lateinisch, dt. „ein Teil für das Ganze”. Der Ausdruck bezeichnet das Verständnis eines einzelnen Komplex-Bestandteils als Symbol für den Gesamtkomplex.

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