Bemerkungen von der Hinterbank

(dgv-Hochschultagung 2010, Marburg, 24.-26.09.10)

Malte Borsdorf, Kirsten Brodersen-Rauhut, Charlotte Räuchle, Svenja Reinke

Am Vortag fiel die Entscheidung für den Rucksack, gegen den Rollkoffer. „Romantische Stadt am Hang“, so die Schwiegermutter. Das klang nach Kopfsteinpflaster. Vom Zug aus ist das Schloss auf dem Hügel zu sehen und bei der Ankunft ein scheußlicher Bahnhof, aus den 1960ern mutmaßlich. Die Perspektive der WC-Reinigungskraft auf den akademischen Nachwuchs wird im Gespräch mit einer Kundin deutlich: Schüler verstopfen mutwillig die Toiletten, Studenten stehlen WC-Papier. In der Zeit, wo es keine Aufsicht der WCs gab, wurden die Bahnhofstoiletten aufgrund des herrschenden Vandalismus schließlich geschlossen.

Es gibt einen einfacheren Weg als den von Google Maps im Fußgänger-Modus vorgeschlagenen. Beton-Brücken verlaufen über der Straße, über die Lahn. In den Seitenstraßen ist Fachwerk zu sehen. Das Universitätsgebäude, in dem die Tagung stattfindet, liegt klerikal am Hang, der Eingang etwas versteckt. Heilige Hallen. Sie gebieten, vorsichtig einzutreten in die große Aula mit Wandgemälden, Schnitzereien, verzierten Holztäfelungen und aufwendigen „Kirchenfenstern“. Aus der vertäfelten Decke ist an einem Scherengitter ein Segment heruntergelassen, auf dem der Beamer steht. In der Tagungsmappe mit Logo der Universität liegen auch Postkarten: Außenansicht und Große Aula.

In der Rückschau auf die dgv-Tagung in Marburg überlagern sich unsere Eindrücke von der Stadt, den verschiedenen Vorträgen und dem Rahmenprogramm. ‚Wir’ sind vier Teilnehmer/innen, die noch den Status „ermäßigt“ in Anspruch nehmen dürfen. Die allgemeine Feststellung bei der Anmeldung lautet: Eine „Kongreßtasche“ (Köstlin 2002)fehlt auf der dgv-Hochschultagung 2010 in Marburg.

Es bilden sich kleine Grüppchen hier und da, Professor/innen, angestellte und freiberufliche Kulturwissenschaftler/innen sowie Studierende – Arrivierende. Wir begeben uns endlich in den Plenarsaal, kurz vor der offiziellen Eröffnung. Höchste Zeit, sich zu sammeln, einen seriösen Berichtsstil zu bemühen.

Da schiebt sich eine Assoziation in den Vordergrund: Das Schuljahr im Harry-Potter-Schloss Hogwarts wird eingeläutet. Der Lehrkörper betritt die Große Halle ehrwürdig und weise, versammelt sich vorn. Dem verschiedentlich zugeordnet, füllt sich die Hinterbühne mit unreifen Zauberlehrlingen, die warten, was kommen mag, bereit alldieweil Schabernack zu treiben. In der Menge bewegen sich wohlbekannte Geister und darüber wölbt sich die Illusion eines grenzenlosen Zenits. (Vgl. Rowling 1998-2007)

Martin Scharfe eröffnet das Thema „Umbruchzeiten“ mit „freundlichen“ und „giftigen“ Anmerkungen: Transportiert die Sicht auf den Umbruch schon etwas Jung-Frisch-Fortschrittliches oder offenbart sie nicht eher „Wichtigtuerei“, „Meute“ und „Verschlafenes“, indem sie die latent vorausgehende Veränderung verkannte? Durch seine kritische Auseinandersetzung mit der Metaphorik des Umbruchs, gibt er der Tagung einen skeptischen Unterton. Scharfes Nachfolger am Institut, Ordinarius Karl Braun, schildert anlässlich dessen 50jährigen Jubiläums die Gründungssituation des Marburger Instituts im Kontext der deutsch-deutschen Fachgeschichte. In dichter, historisch-ethnographischer Form führt sein Vortrag vor Augen, wie eine konservative Verfassung Anlass zu tragfähigen Neuorientierungen bieten kann. Harm-Peer Zimmermann zitiert für ‚das‘ Fach mächtige Persönlichkeiten heran, die Marburg eine hässliche Stadt nennen. Heimat als Erscheinung der Ferne, Heimat als Erscheinung der Nähe – Heimat als „selbstreferentielles Täuschungssystem“. Die Brüder Grimm, zumindest jedoch Jacob, entstehen vor dem Publikum.

Hinten geht wiederholt die Tür. Rein oder raus? Hier und da lässt Jemand oder Niemand leise ein Scharren oder Flüstern, rasselnden Atem und undefinierbare Pfeiftöne hören. Unterwegs in der Stadt der Grimms, während der Pausen, drängt sich die Winkelgasse auf: Krumme Häuser, schiefe Häuser, Treppen, unten der Fluss, oben das Schloss. Die hungrigen Kongressler/innen bahnen sich zwischen Copyshops, Papierwarengeschäften, Kunst- und Antiquitätenhandel, Ökoläden mit alternativer Kleidung, Buchhandlungen, und  Kneipen und Cafés ihren Weg.

Einen großen Bogen schlägt der Verfasser der „Einführung“, Wolfgang Kaschuba (vgl. Kaschuba 2006), der die Fachgeschichte als Bewegungsgeschichte skizziert, „weg vom Kult der Gemeinschaft, hin zur Kultur der Gesellschaft“. Volkskunde als „intervenierende Wissenschaft“ im Sinne von Ina-Maria Greverus? Hier scheiden sich die Geister. Sabine Kienitz zeigt mit der Aufforderung, sich dem Protest gegen die drohende Schließung des Altonaer Museums mit Unterschriften anzuschließen, wie dies praktisch aussehen könnte. (Vgl. Bürgerinitiative „Altonaer Museum bleibt“ 2011)

Helmut Groschwitz spricht über Raumkonstruktionen, macht auf verschiedene Stränge der S patial-Turn- Diskussion aufmerksam. Unter anderem wird deutlich: Räume sind durch ihre spezifisch historisch-kulturelle Prägung unterschiedlichen Gruppen verschieden zugänglich. Wir sitzen ganz hinten und der Klanglandschaft im Saale mag ein akustisches Missverständnis geschuldet sein: „Irgendwo steht immer ein Surfer an einem festen, lokalen Ort.“ Erwähnt wird der Server, um die konkrete Vermischung digitaler und physischer Räumlichkeit zu illustrieren. Dazu wird Gertraud Koch noch konkreter: Angenommen das Kind sitzt in seinem Zimmer vorm PC, surft nicht nur, sondern skype t, chattet oder SMSst zugleich, gibt vor E-zu-learnen und trickst so den kontrollierenden Vater aus. Derartige Beispiele sollen die zunehmend komplexe „Verschränkung virtueller und faktischer Welten“  veranschaulichen. Die Rolle der Technik und der neuen Medien in der Feldforschung wiederum beschäftigt Orvar Löfgren. Kreativität und Fähigkeit zur Improvisation erhebt er zu wichtigen Kompetenzen für die ethnografische Datenerhebung, sie sind Teil einer spezifischen „fieldwork mentality“. Er ermutigt zum eigenen Ausprobieren und weckt bei den Zauberlehrlingen die Lust an ihrer Wissenschaft.

Wieder öffnen sich die Türen, hinaus aus dem Ort des Lernens und durch die dunklen Gassen hin zu einer an Hogsmeades „Eberkopf“ erinnernden Kellerkneipe. Die steinerne Decke wölbt sich über Teilen der sich versammelnden Studierendenschaft, die Luft erwärmt sich zunehmend, da Fenster fehlen. Es gilt, eine doppelte Premiere zu feiern: die zweite Ausgabe von „Fensterplatz“ und den Film „In Rockland – Was ist Pop?“ [1] einer Gruppe Studierender vom Institut für Europäische Ethnologie / Kulturwissenschaft Marburg. Trotz Bachelor- und Masterstudiengängen scheint zu gelten: „Die Kreativität und Schaffenslust […] ist kaum zu bremsen.“ (Schönholz/Braun 2010, S. 11) Die Lesung über Bürgersteige macht bewusst (vgl. hierzu Hahn 2010), dass auf Marburgs Kopfsteinpflastern kaum Highheels zu sehen sind. In der Jugendherberge, die mutmaßlich Ende der 1980er Jahre modernisiert wurde, suggeriert das Rauschen der Lahn bei jedem Gang in die Waschräume, es würde draußen regnen. Metaphorisch genommen ist für verschiedene Marburger Studierende die Stadt selbst „ständig im Fluss“ (Schönholz/Braun 2010, S. 7), also in Veränderung begriffen. Bei ihren historischen Streifzügen forschen sie dem besonderen Habitus der Stadt nach.

Die Zukunft des Mittelbaus scheint große Teile der studentischen wie auch der im Fach bereits etablierten Tagungsbesucher/innen kalt zu lassen. Liegt das nur an der frühen sonntäglichen Stunde zu der die Podiumsdiskussion angesetzt war? Sachlich oder aufgewühlt wird hier konstatiert, dass sich hinter der Bezeichnung „Promovierende“ ganz unterschiedliche Arbeitssituationen mit ihren jeweiligen Chancen und Problemen verbergen, wie etwa die der „LfbA“ (Lehrkraft für besondere Aufgaben). Langfristige berufliche Perspektiven außerhalb einer Habilitierung und Berufung auf eine Professur werden jedoch nicht aufgezeigt. Nur wenige Zauberschüler/innen wagen es (und niemand ohne Studienabschluss) an dieser Stelle überhaupt, die Stimme zu erheben und sich im Zweifelsfall auch das Wort abschneiden zu lassen.

Ein ähnlicher Eindruck entsteht bei der Frage, inwiefern ‚unsere‘ Wissenschaft für die Öffentlichkeit zugänglich sein sollte: Soll das geheime, von den Zauberschülern erlernte Wissen wirklich freigegeben werden? Da wird schon ein „Open Access zum Nichts“ bei einer zu weiten Öffnung des kleinen, gemütlichen Faches heraufbeschworen. Perspektiven für digitale Formate in der Nachfolge volkskundlicher Dokumentarfilme Ingeborg Weber-Kellermanns zeigt Christoph Köck auf. Aus dem Publikum meldet sich Ruth-Elisabeth Mohrmann zu Wort. Sie habe am transdisziplinären Internetportal „EGO. European History Online“ mitgewirkt. (Vgl. EGO. European History Online 2011) Entwicklungen wie die Demokratisierung von Wissen anhand von Open-Access-Zeitschriften stellt Gisela Welz den proprietären digitalen Publikationskonzepten einiger US?amerikanischer Universitäten gegenüber. Die am Vorabend von Orvar Löfgren aufgeworfene Frage nach der Bedeutung der Digitalisierung für ethnografische Methoden „What is field work mentality in the internet?“ bleibt offen.

Und dann geht es auch schon zum Bahnhof, wo der Zug nach Hause auf Gleis 9 3/4 wartet. Ein Schulzyklus liegt hinter den Zauberlehrlingen. Der Zug trägt uns sanft durch die noch grünen Hügel, und die Gedanken schweifen noch einmal zurück. In „Harry Potter“ stehen sich kurz vor Schluss Gut und Böse gegenüber. Doch in Marburg sind sich zunächst alle einig. Keine übermächtigen Schatten drohen, keine „today´s new crisis in European Ethnology in Germany“ (Löfgren) scheint in Sicht. Alle sind sich gut und per Du. Aber täuscht dieser Eindruck vielleicht nur? Brodelt und gärt es nicht an allen Ecken und Enden? Kocht etwas herauf? Die Fortsetzung lässt sich 2011 in Tübingen verfolgen.

Svenja, Charlotte und Malte aus der Fensterplatz -Redaktion haben alle Kulturanthropologie bzw. Volkskunde studiert. Kirsten, ausgebildete Buchhändlerin, promoviert nach einem Studium der Buchwissenschaft, BWL und Französischen Literaturwissenschaft in München seit 2009 am Hamburger Institut für Volkskunde/Kulturanthropologie zum Thema Stadterfahrungen und Bedeutungszuschreibungen in der Großstadt.

Literatur

Braun, Karl / Schönholz, Christian (2010): Streifzüge als Spurensuche. In: Dies. (Hrsg.): Streifzüge durch die jüngere Stadtgeschichte. Marburg. Ein Lesebuch 1960-2010. Marburg, S. 6-11.

Hahn, Darijana (2010): Geheimnis Bürgersteig. Was sich auf, unter und hinter den Bürgersteigen verbirgt … In: Fensterplatz. Zeitschrift für Kulturforschung 2 (2010), Themenheft „Straße“, S. 64-70.

Kaschuba ,Wolfgang (2006): Einführung in die Europäische Ethnologie. 3. Aufl. München.

Köstlin, Konrad (2002): Die Kongreßtasche und die Europäische Ethnologie. In: Lutz Musner, Lutz / Wusner, Gotthard (Hrsg.): Kulturwissenschaften. Forschung, Praxis, Positionen. Wien, S. Wurnberg 191-220.

Rowling, Joanne Kathleen (1998-2007): Harry Potter, Bd. 1-7. Hamburg.

Internet

Balzer, F. / Greiner, S. / Hofmann, R. / Lassonczyk, L. (2011): In Rockland – ein Fragment. URL: http://www.youtube.com/watch?v=MHDuWujgDoo [10.09.2011].

Bürgerinitiative „Altonaer Museum bleibt“ (2011). URL: http://www.altonaermuseumbleibt.de/ [04.02.2011].

EGO. European History Online (2011). URL: http://www.ieg-ego.eu/ [04.02.2011].


[1] Ein Ausschnitt des Films, der unter dem Titel „In Rockland – ein Fragment“ im Juli 2011 den ersten Preis des Open Eyes Filmfest in Marburg in der Kategorie Experimentalfilm gewonnen hat, kann auf dem Internetportal Youtube angesehen werden (vgl. Balzer/Greiner/Hofmann/Lassonczyk 2011).

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